Kolumnen
08/06/2021

Alain und Alois

Es gibt Orte, an denen die Zeit stehen geblieben ist. Über Kramuri, Reisfleisch und Gartenzwerge

von Barbara Mader

Nun hat das Redaktionskomitee der Wiener Ansichten wieder im Häuserl am Stoan vorbeigeschaut, und da ist uns folgendes Zitat eingefallen. „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann muss sich alles verändern.“ Es stammt aus dem Roman „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa – die Verfilmung mit Burt Lancaster und Alain Delon bringt immer noch zum Schwärmen und der Spruch wird oft missbraucht, besonders von Leuten, die einem was Neues andrehen wollen.

Im Häuserl am Stoan hat sich nichts, rein gar nichts verändert, und es doch ist alles so, wie es war. Die karierten Vorhänge und die ausgestopften Viecher; die Gartenzwerge, die zwischen allerhand Kramuri die Wandregale entlang paradieren und die alten Fische, die im Aquarium auf der Schank im Neonlicht dösen. Die Schiefertafeln, auf denen, mit Kreide geschrieben, sämtliche nicht-veganen Speisen dieser Welt stehen. Reisfleisch, Faschiertes und alles, was man herausbacken kann.

Nur ein bisschen grauer geworden ist der Alois, der seit 28 Jahren mit leicht schleppendem Gang in zartmüdem Singsang die Gäste in der zweiten Person Mehrzahl anspricht („Wo wollt’s euch hinsetzen?“) und ihnen das Gefühl gibt, hier zu Hause zu sein. Beim Alois, dem man über die Jahre beim Älterwerden zugeschaut hat, darf man Spritzer und Schnitzel gleichzeitig bestellen, was beim bärbeißigen Helmuth undenkbar gewesen wäre. Der hatte seine strenge Ordnung, hörte nur, was er hören wollte und gerade deshalb warb man als Gast um seine Gunst. Der Helmuth ist vor zwei Jahren gestorben und dass er nicht mehr da ist, ist vielleicht das Einzige, was sich hier verändert hat, obwohl jetzt schon die übernächste Generation im Familienbetrieb Häuserl am Stoan dran ist. Auch die Jungen wollen, dass alles bleibt, wie es war.

Zum Schönsten hier gehört die Hintergrundmusik. Wenn weniger los ist, dann sitzt der Alois am Tisch hinten bei der Küche und poliert Besteck. Sachte lässt er die Messer und Gabeln in ihre Körberln fallen und die Zeit verrinnt nur sehr, sehr langsam.

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