Kiku
05.12.2018

Wer im Geld schwimmt, soll anderen helfen

"Der kleine Lord" als Plädoyer für soziale Verantwortung gegen geizige Gier im Theater der Jugend in Wien.

Ohne je rührselig oder gar kitschig zu werden, erzählt „Der kleine Lord“ derzeit im Renaissancetheater, der großen Bühne des Wiener Theaters der Jugend eine Geschichte, in der durchgehend das Gute siegt, in der Gefühl wichtiger sind als Geld und Solidarität über Gier gewinnt.

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Die Grundgeschichte, ...

... da der Roman, auf dem das Stück aufbaut, bei uns nicht so bekannt ist wie im angelsächsischen Raum: Cedric wächst mit seiner Mutter nach dem Tod des Vaters/Ehemanns in eher ärmlichen Verhältnissen in der New Yorker Bronx auf. Kann sich aber auf seine Freunde verlassen. Sie halten alle zusammen – vom fast väterlichen Freund, dem Betreiber eines kleinen Gemischtwarenladens bis zum gleichaltrigen Kumpel.

Eines Tages taucht ein Mr. Havisham auf, der nach ihm sucht. Der Junge ist nämlich der einzige Enkel des sehr, sehr reichen schottischen Earl of Dorincourt. Vor allem Cedric soll nach Schottland, als einziger Erbe. Die Schwiegertochter will der Earl nicht sehen, sie habe ihm den Sohn abspenstig gemacht, so der Alte. Widerwillige übersiedeln die beiden nach Großbritannien, Cedric in das kühl und fast leer wirkende Schloss, den großen „Kasten“ wie ihn Cedric vom ersten Moment an nennt. Die Mutter darf nur in einem nahegelegenen Haus wohnen.

Cedric steigt der Reichtum ganz und gar nicht zu Kopf, er bleibt, herzlich und mitfühlend – zur Freude des herrschaftlichen Personals, zum anfänglichen Missvergnügen des Griesgrams, der nichts teilen will. Wozu der Reichtum, wenn man nicht anderen unter die Arme greifen will oder kann, fragt der Bursch. Der Alte will’s nicht verstehen, beginnt aber nach und nach doch Gefühle – zumindest vorerst für den Enkel – zu entwickeln.

Cedric kommt dem engsten Mitarbeiter des Earls, Mr. Havisham auf die Schliche, der den Alten hintergeht. Daraus ergibt sich noch eine abenteuerliche Nebengeschichte.

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Die Autorin: Reich - arm - reich

Das Stück (Regie Gerald Maria Bauer) baut auf dem Roman von Frances Hodgson Burnett auf (Fassung: der Regisseur und Sebastian Lagiewski). Die Autorin wurde 1849 im englischen Manchester in eine wohlhabende Familie geboren, die nach dem Tod des Vaters verarmte. Die Familie wanderte in die USA aus, wo sie ein Onkel aufnahm, der allerdings auch bald verarmte. Burnetts Erzählungen, erst abgedruckt in Zeitschriften, später als erfolgreiche Bücher, brachten ihr wieder Wohlstand, ja sogar Vermögen ein. So kannte sie beide Seiten.

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Überzeugendes Switchen

Und beide Seiten werden von den Schauspieler_innen gut und glaubhaft verkörpert, auch jenen, die jeweils zwei gegensätzliche Rollen spielen und so zwischen beiden Seiten switchen müssen/dürfen. Da ist Aline-Sarah Kunisch als Apple-Annie, eine Obstverkäuferin, deren Marktstand bedroht ist und als sehr tussihafte Minna Tipton, die sich als vermeintliche Schwiegertochter des Erstgeborenen des Earls ausgibt. Oder ihr nerviger, quälgeistiger Sohn Tom, den Sabrina Rupp ebenso überzeugend spielt wie die Haushälterin des Earls, die aufzublühen beginnt als Cedric Leben in das Schloss bringt.

Niklas Doddo als Cedric Errol bleibt bodenständig, herzlich und gefühlvoll, lässt sich auch durch das mit Spielsachen vollgeräumte Kinderzimmer im Schloss nicht korrumpieren, sondern teilt viele der Spielsachen mit den Kindern der mies behandelten Forstarbeiter des Earls. Wobei vieles der extremen Ausbeutung auf das Konto des Mr. Havisham geht. Matthias Mamedof verleiht diesem schon bei seinem ersten Auftritt eine Ahnung davon, dass in ihm eher Hinterhältiges steckt.

Sympathisch und als echte Freunde legen Frank Engelhardt den Ladenbetreiber Mr. Hobbs und Marius Zernatto den Zeitung austragenden Mitschüler Cedrics, Dick Tipton in den USA an. In Schottland schlüpft Ersterer in die Rolle des für seine Leute kämpfenden Forst-Vorarbeiters Mr. Higgins und Zweiterer in den Reitlehrer Cedrics.

Als Vorbild für eine eigen- und selbstständige Frau, die sich auch nicht kaufen lässt - selbst unter schwierigsten Bedingungen - legt Pia Baresch Cedrics Mutter Emily an.

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Junger als großartiger Alter

Großartig ist vor allem Florian Stohr, der obwohl erst 32, den alten Earl, die einzige Figur, die in diesem Stück eine große Veränderung durchmacht, gibt. Du nimmst ihm den Alten ab – sowohl in der langen Phase des Geizes, der Tyrannei und des gefühllosen Grants als auch in der Wandlung selbst, wo er erstmals seit Jahrzehnten Gefühle wieder zuzulassen beginnt bis hin zum Wiederaufleben, die ihn sogar aus dem Rollstuhl aufstehen, wieder gehen und in die USA reisen lässt.

So „nebenbei“ zerstört das Stück Vorurteile – die Engländer, die Aristokraten, die Reichen/die Armen sind so ... konkrete Begegnung mit Menschen der angesprochenen Gruppen strafen die wiedergekauten Klischees mitunter Lügen ;)

Neben der spannend erzählten und gespielten Grundgeschichte, die immer wieder Wert auf Herzensbildung, soziales Mitgefühl und Teilen legt, sind im Stück manche Sager eingebaut, die sich an die Erwachsenen im Publikum richten – von Anspielungen auf den US-amerikanischen Präsidenten über Animositäten zwischen Großbritannien und den USA bis hin zu antisozialen und antidemokratischen Sprüchen des Earls in seiner Geizhals- und Tyrannenphase.

Mit scheinbar wenigen Mitteln verwandelt sich auch die Bühne (vom Regisseur) vom eher armseligen Laden in der US-Vorstadt in das herrschaftliche schottische Schloss.

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Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Der kleine Lord
nach Frances Hodgson Burnett
von Gerald Maria Bauer und Sebastian von Lagiewski
Ab 6 J., ca. 2 ¼ Stunden (eine Pause)

Regie und Bühne: Gerald Maria Bauer
Besetzung:
Cedric Errol: Niklas Doddo
Emily Errol, seine Mutter: Pia Baresch
John Arthur Molyneux Errol, Earl of Dorincourt, Cedrics Großvater: Florian Stohr
Mr. Havisham, die rechte Hand des Earls: Matthias Mamedof
Apple-Annie, eine Marktstandbetreiberin/
Minna Tipton: Aline-Sarah Kunisch
Tom Tipton, ihr nerviger Sohn/
Mrs. Mellon, Hausdame des Earls: Sabrina Rupp
Mr. Hobbs, Ladenbesitzer/
Mr. Higgins, ein Vorarbeiter: Frank Engelhardt
Dick Tipton, Zeitungsausträger/
Ein Reitlehrer: Marius Zernatto

Kostüme: Andrea Bernd
Licht: Christian Holemy
Dramaturgie: Sebastian von Lagiewski
Bühnenbildassistenz: Diana Zimmermann
Assistenz und Inspizienz: Clemens Pötsch
Hospitanz: Joshua Mallek

Aufführungsrechte: Theater der Jugend, Wien

Wann & wo?
Bis 22. Jänner 2019
Renaissancetheater, 1070, Neubaugasse 36
www.tdj.at

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