Spiel mit Wasser und projizierten Bewegtbildern

© Alexi Pelekanos

Kiku
01/20/2019

Wasser und wenigstens ein Freund sind ihre Rettung

Der poetische Jugendroman „Die Sprache des Wassers“ in einer musikalisch-poetischen Bühnenversion in St. Pölten.

Wasser ist nicht nur ein wichtiger Teil des Titels des Jugendromans „Die Sprache des Wassers“. Im Mittelpunkt steht die 12-jährige Kasienka. Sie kommt neu in eine Klasse – in einem neuen Land.

Die gebürtige Polin kommt zwangsweise mit ihrer Mutter nach England, weil ihr Vater dorthin abgehaut ist und die Mutter ihn finden will. Weil sie noch nicht so gut Englisch kann, wird sie obendrein in eine Klasse Jüngerer gesteckt. Also fremd, Kind einer Alleinerzieherin nach unguter Trennung, Außenseiterin und obendrein in der Pubertät – mit all den verunsichernden Veränderungen. In der Schule wird sie aufs Ärgste gemobbt.

Einzig und allein beim Schwimmen fühlt sie sich wohl, da ist sie auch stark, wird beste der Schule und nimmt für diese erfolgreich an Wettkämpfen teil. Im Schwimmbad trifft sie auch auf William, einen Mitschüler, den einzigen, der sie mag – und den sie mehr als zu mögen beginnt.

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Dichte poetische Sprache

Der mehr als 200 starke Roman der irischen in England lebenden Autorin Sarah Crossan ist zwar Prosa, aber in Versform – in Kurz- und Kürzestkapitel geschrieben, was fast zwangsläufig zu Verdichtung der Sprache zwingt. Sarah Ostertag hat aus der deutschen Übersetzung eine nochmals dichtere Fassung gemacht und das Stück für das niederösterreichische Landestheater inszeniert. Seit einigen Jahren gastiert dieses in jeder Saison mit einem Jugendstück in der ebenfalls in St. Pölten beheimateten Bühne im Hof.

Viel Wasser auf der Bühne

Obwohl nur zehn Vorstellungen – und diese nicht einmal am Stück, was häufigen Umbau bedeutet – ist in der Bühne ein kleines Schwimmbecken eingelassen. Während dies trocken bleibt, wird die Bühne von Wasser dominiert: Ein großes und zwei kleinere Glas-Quader stehen die ganze Stunde auf der Bühne (Bühne und Kostüme: Nanna Neudeck). Ins zentrale große Becken taucht Kasienka (Cathrine Dumont) immer wieder mit ihren Armen, manchmal auch mit dem Kopf ein. „Unterwasser“-Szenen auf der großen Projektionsfläche im Hintergrund werden vor allem aber über eine Handykamera „gezaubert“. Die ist an einer der Seiten angebracht und filmt durchs Wasser hindurch auf die dahinter sich bewegende Schauspielerin.

Die 30-jährige trifft durchgängig vom ersten Auftritt an, der mitten aus dem Publikum erfolgt, die Gefühlswelt der sich fremd fühlenden Jugendlichen, die trotz ihrer „12, fast 13 Jahre“ schon um einiges erwachsener sein muss. Immerhin klammert sich ihre Mutter daran, doch noch den Ehemann zu finden und wieder zur „heilen“ Familie zu werden. Kasienka muss damit nicht nur von Anfang an im fremden Land schnell auf eigenen Beinen stehen, sie muss der Mutter mehr Halt geben als sie von ihr bekommen kann. Vielleicht ist der Autorin deswegen Schwimmen und Wasser eingefallen, weil in diesem Element manches leichter wirkt. Auch wenn es für die Tochter gar nicht so leicht ist, die Mutter dazu zu bringen, ihr das Geld fürs Schwimmbad zu geben (übrigens wären‘s in England Pfund statt Euro – darüber stolpert man im Stück).

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Musikerin und Schauspielerin

Die Mutter, aber nicht nur diese, wird punktgenau von Jelena Popržan verkörpert. Die Musikerin, die viele der Stimmungen Kasienkas mit dem Spiel auf ihrer Bratsche samt selbst ausgelösten Loops zu Gehör bringt, eröffnet das Stück mit ganz anderer Musik: Auf unterschiedlich gefüllten bauchigen Gläsern, die an kleinere und größere Goldfisch-Aquarien erinnern.

Popržan gibt – gemeinsam mit dem ebenfalls in viele Rollen schlüpfenden Tilman Rose – zu zweit in einem riesigen Pulli steckende Ober-Mobberin in der Schule. Obwohl ziemlich böse, wirkt diese Clair damit ziemlich lächerlich.

Wandelbar

Für viele Lacher sorgt Tilman Rose vor allem als Lehrerin Mrs. Warren. Dabei steckt sie (er) in einem Loch einer Schultafel, die sie an zwei Hosenträgern umgeschnallt hat. Die Tafel wird – umgedreht später zu den vielen Türen, an die Mutter und Tochter auf der Suche nach dem verlorenen Ehemann/Vater klopfen. Dieser Schauspieler wird aber auch noch zum wiedergefundenen Vater, der die Tochter bei sich und seiner neuen Familie aufnehmen will. Rose gibt auch den Nachbarn von Kasienka und ihrer Mutter in der Einzimmerwohnung. Dieser Kanoro, absolvierter Kinderarzt, darf als Migrant ebenfalls nur als Putzkraft im Krankenhaus arbeiten – wie die Mutter. Er ist der einzige, der hin und wieder der Mutter ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.

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Trotz vieler Themen nie überladen

Trotz der doch recht vielen angesprochenen Themen wirkt die auch knappe, nur einstündige Inszenierung nie überfrachtet, lässt dank der vielen Wasserbilder – ob gefilmt und groß projiziert oder beim Zähneputzen und Papierschifferl-Spiel rund um eines der kleineren Wasserbecken oder gar von blauer Zuckerwatte beim Becken am anderen Ende der Bühne noch viel Raum für fast entspannende Bilder – die damit das sich Wohlfühlen der Protagonistin im Wasser zum Ausdruck bringen.

Auf die starke Vorlage, die sehr treffende Umsetzung, das geniale Spiel des Bühnentrios samt den beeindruckenden Bildern und der mehr als unterstützenden, ja eigenständigen zusätzlichen Säule der Live-Musik hätte die Inszenierung komplett vertrauen können, um auch die Botschaften gegen Ausgrenzung und für Empathie zu transportieren. Da kommt die Schluss-Ansage Kasienkas angesichts einer neuen Mitschülerin, sich einfühlsam zu verhalten, leider ein bisschen allzu sehr zeigefingerhaft daher.

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Infos: Was? Wer? Wann? Wo?


Die Sprache des Wassers
von Sarah Crossan

Fassung und Inszenierung: Sara Ostertag
Kasienka: Cathrine Dumont
Mutter/Clair und andere Figuren sowie Live-Musik (Bratsche): Jelena Popržan
William/Lehrerin Mrs. Warren/Nachbar Kanoro/Tata (Vater): Tilman Rose

Bühne und Kostüme: Nanna Neudeck
Dramaturgie: Ludwig zur Hörst
Licht: Karl Apflbeck
Video: Felix Dietlinger
Regie-Assistenz: Amelie Wimmer
Ausstattungs-Assistenz: Pia Stross
Soufflage: Doris Strasser
Inspizienz: Paul Goga

    Wann & wo?
    22. bis 24. Jänner 2019, 10.30 Uhr
    19. bis 21. Februar 2019, 10.30 Uhr
    27./28. Februar 2019, 10.30 Uhr
    28. Februar 2019, 18 Uhr

    Landestheater Niederösterreich zu Gast in der Bühne im Hof
    3100 St. Pölten, Linzer Straße 18
    Infos:
    Telefon: (02742) 90 80 80 600
    karten@landestheater.netwww.buehneimhof.at

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