Die Schauspielerin schreibt auf einer langen Papierbahn ...

© Barbara Pálffy

Kiku
05/01/2019

Schwere schwingt im schwebenden Spiel mit

„Marinas letzte Briefe - Poem für Zwetajewa“ im Theater Drachengasse - mit gemeinsamen Borschtsch-Essen.

von Heinz Wagner

Die Schauspielerin bespielt in diesem Stück praktisch den gesamten Raum von „Bar&Co“, dem kleineren der beiden Säle des Theaters Drachengasse in der Wiener Innenstadt. Und sie lässt einen Text lebendig werden, der nicht leicht zu spielen ist. „Marinas letzte Briefe - Stück für Zwetajewa“ ist eine poetische Schilderung und Würdigung des Lebens und Wirkens der russischen Lyrikerin Marina Iwanowna Zwetajewa (1892 - 1941).

Spiel mitten im Publikum

Das Publikum sitzt links und rechts einander gegenüber, einige Plätze sind auch auf der Bühne. Suse Lichtenberger, die die russischen Lyrikerin spielt, kommt zuerst putzend in den Saal, schreibt mit Kreide „Du warst klein, ich war jung“ auf den Boden. Verdunkelung, Alte Bilder, nachdem zuerst eingeblendet wird, dass das russische Zwet zu Deutsch Farbe, Blüte bedeutet. Sie - und das Publikum befindet sich sozusagen im verdunkelten Versammlungsraum des Moskauer Verbandes der Schriftsteller_innen im Jahre 1941, wegen der Bombardierung der Hauptstadt nach Tschistopol in der Tatarischen Sowjetrepublik evakuiert.

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Lebens-Geschichte

Die schwierige, lyrische Sprache des Stücks verliert durch das gekonnte Spiel (Regie: Julia Nina Kneussel) ihre doch immer wieder vorhandene Schwere, scheint immer wieder eher zu schweben, wenngleich die Schwere des Schicksals der Lyrikerin Zwetajewa, deren Leben hier verhandelt wird, immer wieder mitschwingt.

Fast unübersetzbar

Obwohl die Lyrikerin zum Kanon russischer Literatur zählt, ist sie, wie selbst sehr kulturaffine Gäste der Premiere in dem kleinen Theater zugaben, hierzulande kaum bekannt. Die studierte Slawistin und mehrfach ausgezeichnete (Theater-)Autorin Katharina Tiwald hat in ihren lyrischen Text einige - von ihr übersetzte - Passagen aus Zwetajewas Schaffen eingebaut. Deren Gedichte seien aber nur schwer zu übersetzen, ja auch nachzudichten, so Tiwald zum KiKu. Während die auch hier bekanntere Anna Achmatova vor allem über Bilder erzählt, arbeitete Marina Zwetajewa in erster Linie über den Klang der Sprache in oft sehr knappen, reduzierten Formulierungen wobei sie mit gleich oder ähnlich klingenden Wörtern in verschiedenen Bedeutungen spielte, erklärt die Autorin.

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Wortspiele

Das hat Tiwald in ihrem Text aufgegriffen, wenn sie vom Bär schreibt, der im Wort Gebären begraben liegt oder mit Wesen und Verwesen spielt. Oder wenn es um den Kern des Schaffens Zwetajewas geht: „Und was ist ein Gedicht? Dicht Ich, gegangen, und Laut an Laut gestickt. Gepresst. Gesteckt. Ich hab sie gestürmt, geentert, Buchstabenhaken; gebrüllt. Gewartet, Ersessen. Erliebt. Und völlig geschafft erschaffen. Im Stiftschaft gesteckt: mein Leben lang. Mein Leben.“

Heftiges Leben

Tiwalds Text erzählt gleichzeitig das bewegte, bewegende Leben der Lyrikerin, die nach 17 Jahren oft in bitterer Armut in Berlin, Prag und Paris 1939 in die Sowjetunion zurückkehrte, in der Stalins Geheimdienst-Schergen ihre Tochter und ihren Ehemann, glühende Kommunist_innen, verhafteten. Sie selbst mit vielen Schriftstellerkolleg_innen 1941 aus dem bombardierten Moskau nach Tschistopol (übersetzt sauberes Feld) evakuiert, bekam nicht einmal einen Job als Tellerwäscherin im nun dort angesiedelten Literaturverband. Ende August 1941 nimmt sie sich das Leben.

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Gemeinsames Suppe-essen

„Marinas letzte Briefe“ - zwei an den Boss des Geheimdienstes, den berüchtigten Lawrenti Pawlowitsch Berija, in denen Zwetajewa bittet, wenigstens Tochter und Ehemann in der Haft besuchen zu dürfen, sind im Buch zum Stück (edition lex liszt) abgedruckt - macht nicht nur die russische Lyrikerin und ihr Leben bekannt(er), das Stück ist auch ein Erlebnis, ein Eintauchen - bis hin zum gemeinsamen Verzehr von Borschtsch. Die Autorin des Stücks hat Unmengen dieser typischen russischen Kraut- und vor allem Rote-Rüben-Suppe (vor-)gekocht.

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Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Marinas letzte Briefe
Poem für Zwetajewa
Eine Koproduktion von leuchtkraft und Theater Drachengasse, Bar&Co

Text: Katharina Tiwald
Regie: Julia Nina Kneussel

Es spielt: Suse Lichtenberger

Regieassistenz: Olivia Poppe
Multimedia: Georg Müllner-Fang
Licht- und Tontechnik: Stefan Rauchenwald

Rechte bei Katharina Tiwald

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Wann & wo?
Bis 11. Mai 2019, jeweils 20 Uhr
Theater Drachengasse 2, 1010 Wien
Telefon: (01) 513 14 44
eMail: karten@drachengasse.at
Web: www.drachengasse.at

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Das Buch

Katharina Tiwald
Marinas letzte Briefe

Poem für Zwetajewa

Ca. 60 Seiten
edition lex liszt
15 €