© Katarzyna Bogucka/Verlag Doppelgänger

Kiku
07/17/2020

Samuel oder Samantha? - Tierische Liebes-Vielfalt

Kinderbuch aus Polen: Auch die tiereische Natur ist vielfältiger als es viele wahrhaben wollen.

von Heinz Wagner

Nach einer Gewitternacht begann der erste Schultag. Bevor’s ans Rechnen oder andere Lernbereiche ging, lud die Lehrerin Okapi die neuen Kinder zu einem Spiel ein. „Wir teilen uns in zwei Teams auf. Die Jungen stellen sich zu meiner Linken auf und die Mädchen zu meiner Rechten. Husch, husch! Ihr werdet sehen, es wird lustig!“

Das war es für Sam nicht. Die Schnecke „stand noch immer in der Mitte der Klasse ... Ich weiß einfach nicht, ob ich ein Junge oder ein Mädchen bin“, meinte Sam, die sich nicht entscheiden konnte, ob sie Samuel oder Samantha sein wollte. Und das stimmt bei Schnecken in echt. Nebenbei bemerkt: Im Polnischen ist Schnecke männlich: Ten ślimak.Wasserschwein Magda, die Schulpsychologin, (im Buch verwirrend als -pädagogin bezeichnet), weiß Rat. Alle Kinder sollen eine Reportage über die Gewitternacht verfassen – und dazu verschiedene Tiere befragen. Magda schickt Sam zu Frau Weißbüscheläffchen, zu Henryka Lippfisch, zu zwei schwarzen Schwänen und Bürgermeisterin Lucyna Eichhörnchen. Erstere hat zwei Ehemänner, Zweitere ist mittlerweile Henryk Lippfisch, die männlichen Schwäne sind verheiratet und die Bürgermeisterin ist im Stress – wegen der Gewitterschäden, aber auch weil sie mit Nela, einer Eichhörnchenfrau, ein gemeinsames Kind hat.

Wer ist die Schnecke Sam?
Text: Maria Pawłowska, Jakub Samałek
Illustrationen: Katarzyna Bogucka
Übersetzung aus dem Polnischen: Ewelina Rockenbauer
60 Seiten
Doppelgänger Verlag
14,40 €

Doppelganger-verlag -> Wer ist die Schnecke Sam

Nicht allein

So erlebt die Schnecke, dass sie/er nicht allein mit ungewöhnlichen Geschlechteridentitäten ist. Über Sams spannende Reportage - andere hatten langweiligere GesprächspartnerInnen – erfuhren auch ihre MitschülerInnen von der Vielfalt. Und diese ist nicht herbei fantasiert.

Dieses polnische Bilderbuch mit großteils am Computer gestalteten Illustrationen verpackt die Vielfalt nicht nur unterschiedlicher Tierarten, sondern auch von Geschlechteridentität bzw. Liebesbeziehungen in ein spannendes Bilderbuch. Ausgangspunkt: Co-Autor Jakub Samałek ärgerten Stereotypen in vielen Büchern, seine Kollegin Maria Pawłowska ist Biologin und brachte Fachkenntnisse ein – die im Anhang des Buches noch ausführlicher dargelegt werden.

Übrigens: Während dieses Buch vor zwei Jahren in Polen erschienen ist, bekam der österreichische Autor Martin Auer von einem Verlag für sein 30. Buch „Die Prinzessin mit dem Bart“ die Antwort: Die Zeit sei dafür noch nicht reif – drei Jahre nach Conchitas Eurovisions-Songcontest-Sieg ;(

Und noch etwas: Vor mehr als einem Jahr wurde in Polen verboten, dieses Kinderbuch in Volksschulen zu verwenden ;(

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