Fünf junge Buch-Expert_innen kürten (im Vorjahr) ihre Lieblingsbücher - Empfehlungen zum Welttag des Buches (23. April)

© Heinz Wagner, Mirjam Morad/Montage: KiKu

Kiku
04/23/2020

Buch-Favoriten von Kindern und Jugendlichen

Welttag des Buches (1): Eine Auswahl der „Jury der jungen Leser_innen“ aus 2019. Gedenken an die Initiatorin Mirjam Morad.

von Heinz Wagner

Es gibt Tiere wie Hunde, Katzen, Elefanten, Mäuse, Bären, Wölfe, Füchse und viele mehr, die in vielen (Kinder-)Büchern vorkommen. Andere nur ganz selten. Eines möglicherweise noch nie, höchstens in medizinischen Sachbüchern: Egel (Gürtelwürmer mit Saugnäpfen). Nele Brönner hat rund um dieses Tier ein Bilderbuch gezeichnet und geschrieben: „Begel, der Egel“, Verlag Luftschacht.

Eine Gruppe Jugendlicher aus der „Jury der jungen Leser_innen“ hat dieses im Vorjahr mit dem Bilderbuchpreis ausgezeichnet. Anlässlich des Welttages des Buches am 23. April – siehe Infos – stellt der Kinder-KURIER diese und andere Entscheidungen junger Leserinnen und Leser (nochmals) vor. Ein zweiter Anlass ist traurig. Die Erfinderin, Initiatorin und Motorin dieser Jury über mehr als 25 Jahre, Mirjam Morad, ist – wie Anfang dieser Woche bekannt wurde – kürzlich verstorben. Auch in dieser Erinnerung hier lebt sie weiter.

Bilderbuch-Jury kürte Nele Brönners "Begel, der Egel" zum besten Werk

Junge Buch-Expert_innen

Die jungen Buch-Fans sind Fachleute. Sie lasen praktisch Monat für Monat Dutzende Bücher, diskutierten darüber und wählten zuletzt ihre Favoriten. Und fast durchwegs mögen sie Gedrucktes auf Papier. „ich mag es auch reichen, in Händen halten“, sagt Raphael Gajdusek (13) zum Kinder-KURIER. Auch Ha-Anh Truong (12), die schon hin und wieder eBooks liest, bevorzugt gedruckte Bücher, „da hast du auch viel leichter den Überblick, wie weit du bist“. Sie mag aber nicht nur gern und viel lesen – „ich hab schon mit 4 oder 5 Jahren selber das Alphabet gelernt und in der ersten Klasse Volksschule Romane gelesen. Schulaufsätze schreib ich nicht so gern, aber ich neige dazu, einen Roman zu schreiben.“

Johannes Schrimpf liest „seit ewig, angefangen hab ich mit Donald Duck. In einem Buch ist einfach vieles möglich. Ich wollte einmal ein Zauberer sein, das hat nicht geklappt. Aber beim Lesen ist in der Fantasie alles möglich. Wichtig ist mir auch, dass ich ein Buch anfassen kann. Nur im nehm ich Bücher auf einem eReader mit – ist leichter.“ Seine Lese-Vorlieben reichen von Fantasy bis zu Wissenschaftsbücher.

Ha-Anh Truong und Johanna Rindler, die Kinderjury , ...

... stellen ihr Preisbuch vor ...

... "Land of Stories. Die Suche nach dem Wunschzauber" ...

Jugendjury: Marion Rindler, Raphael Gajdusek und Johannes Schrimpf ...

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... mit dem Preisbuch "Von der Wahrscheinlichkeit, dass es doch nicht gibt" von Francesca Zappia ...

Alle fünf Juror_innen ...

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Begel und Ögel

Das eingangs genannte ist wegen seiner Tierart sozusagen eine Art Anti-Heldenbuch. Das wissen Egel natürlich nicht. Und so kann sich die Hauptfigur namens Begel durchaus als Held fühlen. In der Tierarzt-Praxis hat er schon vielen verletzten Tieren geholfen. Einige Egel-Arten werden zu Therapiezwecken eingesetzt. Sie werden von Ärztinnen und Ärzten auf (verletzte) Körperstellen gesetzt, saugen Blut, entgiften die Stelle. Ihr Speichel enthält Substanzen, die die Blutgerinnung hemmen, aber auch Gefäßkrämpfe lösen…

Dieser Begel sieht sich selbst sogar als Held. Und ist ganz unglücklich, dass er in sein Glas einen neuen, jungen, kleinen Egel gesetzt bekommt. Bei seinem nächsten Einsatz will er dem Ögel – und auch den Kolleg*innen (Egel sind übrigens weder männlich noch weiblich) in den anderen Gläsern zeigen, was er so drauf hat. Aber dann …

Es „ist ein ironisches und humorvolles Buch. Die Figuren sind schrill, frech, laut und bunt – wie die Illustrationen. Sie bringen jeden zum Lachen, sogar an den grauesten Tagen.“ So formulierte der 13-jährige Raphael Gajudsek. Auch seine beiden Kolleg_innen der Jugendjury, Marion Rindler und Johannes Schrimpf (beide 14), schätzen den Witz des Buches – und betonen noch, die Illustrationen seien so spannend, dass „man immer wieder neue Details findet“ – weswegen es sich durchaus lohne, das Bilderbuch mehrmals zu betrachten – egal in welchem Alter ;)

Jury-Duo mit Shaun Tans preisgekröntem Buch "Reise ins Innere der Stadt" ...

Chef-Frösche und eine Büro-Zikade

Bei der letzten Preisverleihung Ende 2019 standen auch Werke eines immer wieder von den – im Laufe dieses ¼-Jahrhundets natürlich wechselnden - jungen Juror_innen ausgezeichneten Autors und Illustrators in einem eigenen sozusagen Special auf der Tagesordnung: Shaun Tan. Der australischen Künstler, heuer zum dritten Mal von den jungen Leserinnen und Lesern gekürt wurde mit einem Sonderpreis bedacht – für „Reise ins Innere der Stadt“ (Verlag Aladin).

Tiere bevölkern – gemeinsam mit Menschen – die Stadt – und schlüpfen in gleichberechtigte, ungewöhnliche Rollen. „Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen“, sagen die jungen Juror_innen einmal und „Die Bilder geben viel Raum, sind jedoch auch ausdrucksstark.“

So „nebenbei“, so die jungen Buch-Expert_innen, „packt einen das Buch, spielt auch mit aktuellen Themen“ – so verwandeln sich in einer Vorstandssitzung alle am Tisch tagenden „wichtigen“ Chefitäten in Frösche ;)

Vorgestellt wurde bei der Preisverleihung auch noch ein weiteres Schaun-Tan-Buch - übrigens auch ein für Bilderbücher nicht alltägliches Tier: „Zikade“ (Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, Verlag Aladin). „Zikade“ ist eine Art anonymer Büromitarbeiter – von allen mehr oder minder „übersehen“ und wird in sehr reduzierter Sprache sowie düsteren Bildern erzählt.

Märchen spannend gemixt und verknüpft

Die jüngste Gruppe der Jury (bis 12) wählte „Land of Stories – Die Suche nach dem Wunschzauber“ (Chris Colfer, Illustrationen: Brandon Dorman, Übersetzung aus dem Amerikanisch-Englischen ins Deutsche: Fabienne Pfeiffer, Verlag Sauerländer) zum Kinderbuch des Jahres. Johanna Rindler und Ha-Anh Truong fanden, dass das „Buch sehr abwechslungsreich, aber auch einzigartig ist“. Es verknüpft einerseits sehr bekannte Märchen wie Schneewittchen oder Rotkäppchen mit einer Geschichte, in der zwei Kinder im Märchenland landen und den Ausgang zurück in die Welt der Menschen suchen. Andererseits erfindet der Autor aber auch sozusagen Hintergründe für das Handeln von Märchenfiguren, etwa der bösen Steifmutter von Schneewittchen…

Top-10 der Bilderbücher

Top-10-Kinderbücher

Top10-Jugendbücher

Die engere Auswahl der Bücher für den Sonderpreis

Die von den jungen Jurys auserkorenen siegreichen Bücher

Ist er's oder nicht?!

Die schon erwähnte Jugend-Jury - wählte neben dem Bilderbuch auch ein Jugendbuch zu ihrem Favoriten. „Von der Wahrscheinlichkeit, dass es dich nicht gibt“ (Francesca Zappia, aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn, Verlag dtv).

„Alex hört stimmen, spricht mit Dingen, will das aber in der neuen Schule verbergen. Die will sie nur positiv abschließen. Dann begegnet ihr Miles. Der sieht Blue-Eyes extrem ähnlich. Mit diesem hatte sie einige Jahre vorher lebende Hummer aus einem Geschäft befreit. Der Schul-Plan kommt durcheinander, weil sie nun herausfinden will, ob Miles dieser Junge ist.

Raphael Gajudsek, Marion Rindler und Johannes Schrimpf „krönten dieses Buch nach langen Diskussionen zum Preisbuch, weil die Autorin mit der Hauptperson einen Charakter erschaffen hat, die zwar durch ihre psychische Krankheit geprägt, aber nicht definiert wird. Immer wenn der Held eines Buches einer Minderheit angehört… besteht die Gefahr, dass der Autor oder die Autorin den Charakter als Symbol missbraucht, den Leser erdrückt mit den Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten, die der Held erfahren muss, um ihm mehr Toleranz, mehr Respekt usw. einzu-impfen. Diese Falle hat Francesca Zappia brillant umschifft, indem sie dem Leser genug Platz gibt, um selbst zu bewerten und eigene Konsequenzen aus dem Buch zu ziehen.“

Trotz dieses tiefgründigen Ernstes merken die Juror_innen an, dass es die Autorin „gleichzeitig schafft, den Leser/die Leserin zum Schmunzeln zu bringen.

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Text beginnt ganz auf dem Cover

Die jugendlichen Lese-Expert_innen belohnten „Junge ohne Namen“ (Steve Tasane, Übersetzung aus dem Englischen: Henning Ahrens, Fischer Verlag) mit dem Preis fürs beste Titelbild. Übrigens kein Bild, sondern Text – und zwar der Beginn des Buches. Die Jury-Mitglieder fanden das nicht nur aus Umweltschutzgründen gut – spart Papier. Es passt außerdem zur Geschichte.

Die dreht sich um den Buben I. Der lebt in einem Flüchtlingslager – ohne Familienangehörige. Er glaubt, dass er Geburtstag hat. Vielleicht. Genau weiß er es nicht. Wie vieles. Wer er ist, woher er kommt, vor allem aber wie’s weitergeht. Sein Glück, er ist doch nicht allein, da gibt es auch andere Kinder. Aber rosig ist’s nicht, das Flüchtlingslage wird niedergewalzt. Und wo ist O.?

„Das Buch ist unser Coverbuch wegen seiner einzigartigen Gestaltung. Der raue Pappeinband, auf dem sofort der Fließtext losgeht – das ist etwas, das wir so noch nie vorher gesehen haben… spiegelt die Kargheit und Armut de Lages wieder. In seiner Schlichtheit ist das Cover auch eine angenehme Abwechslung zu dem klassischen, mit Ornamenten, Helden und Drachen vollgepackten und womöglich noch glitzernden Buchcovern, die sonst modern sind.“

Die jüngere Jury fand die Titelseite von „Emilia und der Junge aus dem Meer“ (Annet Schaap, aus dem Niederländischen von Eva Schweikart, Verlag Thienemann).

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http://www.juryderjungenleser.at/

BILDERBUCHPREIS 2019 – Jugendjury (13/14 Jahre)
„Begel, der Egel“, Nele Brönner; Luftschacht 2018

KINDERBUCHPREIS 2019 – Kinderrjury (11 Jahre)
„Land of Stories. Das magische Land Band 1: Die Suche nach dem Wunschzauber“
Chris Colfer, aus dem amerikanischen Englisch von Fabienne Pfeiffer; Sauerländer bei S.Fischer 2018

JUGENDBUCHPREIS 2019 – Jugendjury (13/14 Jahre)
„Von der Wahrscheinlichkeit, dass es dich nicht gibt“, Francesca Zappia, aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn; dtv 2018

KRITIKERPREIS 2019 – Kritikerjury (16 plus Jahre)
„Wir  alle sind die Farm”, Guido Simon, Bilder Mikkel Sommer; Jacoby & Stuart 2018

KRITIKERPREIS 2019 – Kritikerjury (18 plus Jahre)
„Ein einfaches Leben”, Min Jin Lee. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Hobel; dtv  2018

SONDERPREIS 2019 – Kritikerjury (17-22)
„Ins Innere der Stadt“, Shaun Tan, Aladin 2018

COVERPREISE 2019

Kinderjury (11 Jahre)
„Emilia und der Junge aus dem Meer“; Thienemann 2018
Gestaltung: Karin Lindermann. Coverbild und Innenausstattung: Annet Schaap. Einbandtypographie: Suse Kopp. Innentypographie: Tanja Haaf

Jugendjury (13/14 Jahre): „Junge ohne Namen“, S. Fischer 2019
Gestaltung: Karin Dahlhaus, Medien Team Vreden, NL

1995 hat die UNESCO den 23. April zum weltweiten Aktionstag für Lesen, Bücher, die Kultur des geschriebenen Wortes und auch für die Rechte ihrer Autor_innen erklärt. Warum?

Am 23. April, dem Georgstag, verschenken in Katalonien (Spanien) die Menschen Rosen und Bücher. Außerdem fallen das (vermutete) Geburts- sowie das Todesdatum von William Shakespeare, die Todestage von Miguel de Cervantes und des spanisch-katalanischen Autors Josep Pla sowie der Geburtstag des isländischen Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness auf dieses Datum. Shakespeare und Cervantes starben zwar am gleichen Datum - 23. April 1616 -, jedoch nicht am selben Tag, da zu dieser Zeit in England noch der julianische, in Spanien aber schon der gregorianische Kalender galt. Somit starb Shakespeare zehn Tage später als Cervantes.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Welttag_des_Buches