Szenenfoto aus "SCHAMpus-Party"

© Rainer Kriesch

Kiku
02/28/2019

Mitunter sprachloses Spiel rund um Gefühle

„SCHAMpus-Party“: Stationentheater - von elf Frauen entwickelt und gespielt.

Geheimnisumwittert beginnt der rund zweistündige Stationentheater-Abend namens „SCHAMpus-Party“ – willkommen zum 40. Geburtstag einer Karin. Die keine und keiner der Gäste kennt, die auch lange eher unsichtbar bleibt. Apropos unsichtbar.

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Ein Test?

Die erste Station – Begrüßung im Festsaal – bleibt geraume Zeit auch mysteriös. Manche der Frauen könnten Schauspielerinnen sein, vermuten sogar jene, die sie nicht kennen. Jedenfalls agieren sie gar nicht als solche. Jene, die sie kennen, kommen aber auch nicht ins Gespräch mit ihnen. Irgendwie wirkt die Szenerie, als würde das Publikum ausgetestet, ob auch nur irgendwer zur Partymusik zu tanzen beginnt. Smalltalk da und dort – praktisch immer von Leuten, die einander ohnehin schon vorher gekannt haben.

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Bruchstückhaft entrollen sich Geschichten

Doch dann beginnt die Performance. Eine der Schauspielerin mit einer Art aufgesetztem Zwangs-Dauerlächeln erhebt das Gals, will was sagen. Dauert bis sie sich Gehör verschaffen kann. Und dann geht’s an mehreren Ecken und Enden auch wirklich los. Jeweils Bruchstücke von Geschichten beginnen sich kunterbunt durcheinander zu entwickeln. Da ist eine junge Frau, die von den Nährwerten, Bestandteilen und Kalorien der Brötchen beim Buffet zu erzählen beginnt. Einige Einsätze später schildert sie ihre Zeigefingermethode um Gegessenes wieder schnellstmöglich los zu werden.

Eine zweite Akteurin führt scheinbar Handygesprächen mit einem Partner/einer Partnerin von dem/der sie offenkundig stark eingeschränkt wird. Eine Dritte spricht direkt Gefühlswelten an – „Zweigespräche mit meinen Ängsten“ – bis hin zur mehr oder minder offenen Andeutung, als Kind von einem ihr Nahestehenden vergewaltigt worden zu sein. „Mein Schweigen ist seine Macht! Aber meine Worte sind es ebenso.“

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Schweigen im Reden

Nach der Begrüßung für alle gemeinsam, teilt sich das Publikum in drei Gruppen, um die folgenden Stationen parallel zu erleben – jede/r sieht/hört alles, da die Gruppen einander abwechseln, nur die Reihenfolge ist jeweils anders. Recht peinlich und fast betreten geht’s die meiste Zeit in der Station rund um den Geschenketisch zu. „Inhalt ohne Halt!“

Für viele vielleicht nicht ganz unbekannt von so mancher Familienfeier. Mehr oder minder nichtssagende Gespräche rund um in dem Fall das Geburtstagskind, Ausflüchte und Allgemeinplätze als Antworten auf Fragen. Und wie als Off-Texte dann die verschwiegene Wahrheit der direkten Gespräche. Ein Paar, das sich schon ewig nichts zu sagen hat, eine Gästin, die darunter leidet, praktisch nie wahrgenommen zu werden und das mit ihrem Outfit zu erklären versucht. „Aber wozu ein eigenes Selbst, wenn es ohnehin schon so viel gibt, lieber angepasst sein...“

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Rückblick

Betretenes Schweigen – lange Zeit – bei der Station Rückblick. Drei Frauen unterschiedlichen Alters blicken auf ihre Kindheit und Jugend. Die Älteste schildert die von der NS-Zeit auch danach noch geprägte Drill-, Zucht- und Ordnung-Erziehung und schließlich den radikalen Wandel in der (Nach-)68er-Revolution. Eine andere schildert Episoden aus der Jugend des Vaters in der DDR und die Gänsehaut als er illegal aus dem Westen eine Pink-Floyd-Platte bekommen hat. Die dritte, die Jüngste, die unermüdlich treppauf/treppab rennt, und betont, dies zu lieben, wird von der Alten zurechtgewiesen, als sie von den sich verfärbenden Bäumen spricht. Fantasie hat in der geregelten Ordnung wohl keinen Platz. Apropos Regel – ihre erste Monatsblutung habe ihr Angst und Schrecken eingejagt, jetzt sterben zu müssen. Aufklärung war tabu – so die mittlere des Frauentrios dieser „Rückblick“-Station. Vergessen, verdränge, verschweigen, verlassen – Motto des Umgangs mit Jugend, speziell mit vielen Aspekten von Frausein, (nicht nur) in vergangenen Jahrzehnten.

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Zu Gefühlen stehen

In der letzten Station, wo wieder alle zusammen kommen, durchzuckt die elf Darstellerinnen, die gemeinsam recherchiert, Material und Texte gesammelt und improvisiert haben, um daraus anschließend mit einer Regisseurin dieses Performance zu entwickeln, die eingeimpfte Scham recht heftig. Erst danach können sie beginnen, einander lächelnd zu begegnen, zu berühren, sich in einer Art persönlichen Briefen aneinander dazu bekennen, Gefühlen haben zu dürfen – und zu ihnen, nicht drüber, zu stehen. Genau das sei Freiheit!

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Infos: Was? Wer?

Schampus-Party
Immersiver Theaterabend, Stückentwicklung eines Ensembles von 11 Frauen* zum Thema Scham und Schuld in Kooperation mit One Billion Rising Austria und ega: frauen im zentrum

Regie: Kathi Dungl, fungke Kunstkollektiv
Mit Dovaine Buschmann, Valerie Anna Gruber, Christina Kelz, Emilia Lietz, Johanna Moro, Saskia Norman, Andrea Novacescu, Lena Selivanová, Birgit Stimmer, Monika Volk, Veronika Zellner

Regieassistenz, Bühne & Kostüm: Jannine Sladky
Musikkonzept: Armin Ashrafi