Jugendliche mit VR-Brille vor Monitor mit Bahnanlage

Mit Hilfe der VR-Brille und den Handsteuerungen muss eine Signalanlage virtuell repariert werden

© Heinz Wagner

Kiku
02/24/2021

Lehrlinge: Virtuelle Reparaturen mit VR-Brille und 3D-Drucke für Echt-Einsatz

Lokalaugenschein von Kinder-KURIER und schauTV in der Lehrwerkstätte Hebbelplatz (Wien-Favoriten) der ÖBB.

von Heinz Wagner

Julia Miklas setzt sich die VR-Brille auf, greift die zwei Handsteuerungen und bewegt sich zunächst nur vorsichtig, fast tastend im Raum vor dem Riesenmonitor im Zukunftslabor der ÖBB-Lehrwerkstätte am Hebbelplatz in Wien-Favoriten. Langsam aber doch greift sie damit auf dem Monitor virtuelle Arbeitshandschuhe. Mit ihr, die wir zuschauen, filmen und fotografieren dürfen, switchen wir auf ein Bahngelände zu einem Gerüst mit „Lichtpunkten“, laienhaft Ampeln. Ein solcher ist defekt und muss getauscht werden – das ist die Aufgabe, die die 15-Jährige nun bewältigen soll – und es auch schafft. Später wird sie uns aus dem Glaskasten ein Anschauungsobjekt, einen echten „Lichtpunkt“, ein schweres metallenes Trum mit starkem Schutzglas zeigen.

Kleiner Kontroll-Monitor

Wie in einer anderen Welt

Beim allerersten Mal sei es sehr gewöhnungsbedürftig gewesen, „da hab ich schon ein paar Minuten gebraucht, um mich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Sogar jetzt hab ich noch Angst davor, irgendwo im Raum anzustoßen. Es ist einfach wie in einer anderen Welt“, schildert Miklas, die sich im ersten Lehrjahr der Ausbildung Applikationsentwicklung und Coding befindet. Am Computer habe sie früher schon auch viel gemacht, vor allem aber Referate und ähnliches. Durch das Referat eines Mitschülers sei sie überhaupt erst draufgekommen, dass es diesen Lehrberuf gibt. „Dann hab ich im Internet mehr dazu gesucht und gefunden und mit Leuten geredet, die diese Ausbildung machen, weil mich das interessiert hat.“ Beworben, genommen und nach einem halben Jahr „sehr froh darüber, dass ich diese Lehrstelle bekommen habe“.

Abdeckkappen für den Echt-Einsatz bei Führungsbolzen ...

... und deren Produzent_innen ...

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... andere praxistaugliche Elemente - Halterungen für die Gummis von FFP2-Masken. Verhindert die unangenehmen Ohrenklapperln

Auch die Teile dieser "Spinne" kommen aus den 3D-Druckern ...

Brauchbare Teile

Hier im Zukunftslabor laufen fast ständig verschiedene 3D-Drucker. Mehrere Dutzend schwarzer Hütchen stehen auf einem Tisch. Die schon genannte Julia Miklas und dazu noch Evelyn Stoichescu, Manuel Gschwendt und David Nefzger sitzen rund um die „Hütchen“ und entfernen händisch oder wenn’s sein muss mit kleinen Feilen wegstehende Fäden/Fasern. Die Teile kamen alle aus dem D-Drucker, sind aber keine Versuchs- sondern ganz echte Objekte, die zum Einsatz kommen. „Das sind Abdeckkappen für Führungsbolzen beim Wagenkasten“, erklärt das Quartett dem Kinder-KURIER und schauTV.

Auf einem der Kästen sind andere, ganz flache Teile gestapelt, die in der Praxis eingesetzt werden – zwar nicht bahnspezifisch, aber eine große Erleichterung für ein derzeit alltäglich notweniges Ding: Halterungen für die Gummis von FFP2-Masken. Die machen’s möglich, dass diese Gummis weder Ohren einschneiden noch Ohrläppchen umbiegen, sondern mit diesem Ding hinten am Kopf zusammengehalten werden – und mit mehreren Hakerln für jede Kopfgröße passen.

Gschwendt und Nefzger führen KiKu und schauTV auch eine Roboter-Spinne vor - alle Kunststoffteile aus dem 3D-Drucker – siehe Video

Nigelnagelneuer Lehrberuf

Übrigens, der genannte Lehrberuf ist neu „ja, wir sind der erste Lehrgang, sozusagen ein Experiment“, sagt uns Manuel Gschwendt. Er hat schon eine abgeschlossene Lehre als Kommunikationstechniker, die er bei den Wiener Linien absolviert hat, „aber das ist viel mehr Hardware gewesen, für Software hab ich mich immer schon interessiert und als ich ausgelernt war und von diesem neuen Beruf erfahren habe, dachte ich mir, warum nicht noch einen neuen Lehrberuf machen“.

Sein Kollege David Neffzger stockt mit dieser im Herbst begonnen Lehre ebenfalls auf. Er hatte Lehramt für Geschichte und Geografie fertig studiert, an der Technischen Uni von diesem neuen Lehrberuf erfahren und ist nun statt Lehrer Lehrling. Evelyn Stoichescu begründet dem Kinder-KURIER gegenüber ihre Entscheidung, „weil’s eine Lehre mit Sinn ist, die Zukunft hat und ein tolles Gefühl ist gleich am Anfang von so einem Projekt dabei zu sein“.

Batteriesäue-Einfüllstutzen in St. Pölten

Auch wenn gerade diese Lehrlinge nicht grobe Wartungsarbeiten mit Austausch von real Elementen durchführen, weil diese ganz anderen Berufen obliegt, lernen sie die „Fernwartung“ vieler eben softwaregesteuerter Elemente ohne die Lehrwerkstätte verlassen zu müssen.

Kolleginnen und Kollegen in der Lehrwerkstätte St. Pölten haben sogar ein dringendes Problem der ÖBB gelöst. Batteriesäure-Einfüllstutzen, wie sie beim Betreib von Autoreisezügen verwendet werden, wurden spröde, sind zum Teil gebrochen, es gab aber keine Ersatzteile in der benötigen Qualität. Probiert – gelungen: In der Lehrwerkstätte schafften die Jugendlichen die digitale Konstruktion und die Ausdrucke in der einsatztauglichen Qualität – siehe auch ÖBB-YouTube-Video.

Metall-Halle

Wir tauchen nun aus dem Zukunftslabor im Obergeschoß hinab in einen quasi klassischen Beruf Metall- und Maschinenbautechnik. Aber schon längst nix da mit Öl-verschmiert und Schweißgeruch, sauber, fast blitzblank. Lediglich große Maschinen und Jugendliche in klassisch blauen Latzhosen zeigen an, dass hier handwerklich gearbeitet wird. In dieser Halle lernen die Lehrlinge vor allem drehen und fräsen – und dazu die entsprechenden Maschinen zu bedienen.

Fräsen

Dajana Lazarević und Lukas Karall werken an einer der Dreh-, ihre Kolleg_innen Kate Duda und Johann Gschaider an einer Fräsmaschine. Alle vier sind im zweiten Lehrjahr des Berufs Maschinenbautechnik. Kate Duda fand übers Poly und den dortigen Fachbereich Metall zu dieser Lehrstelle und erzählt uns: „Ich war schon als kleines Kind an Technik interessiert, hab gemeinsam mit dem Papa viel herumgebastelt - an Autos, an Fahrrädern, hab auch selber einen Sandkasten zusammengebaut und, und, und.“ Gemeinsam mit Johann Gschaider „bringen wir hier jetzt ein Werkstück auf die perfekte Größe“. Früher hätte das alles händisch gemacht werden müssen, drum freut sich die 16-Jährige, „dass wir jetzt diese Maschinen haben, später arbeiten wir auch an CNC (Computerized Numerical Control), also programmierten Werkzeug-Maschinen und lernen das Programmieren“.

Stationen wo händisch ...

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... und solche wo automatisch gewerkt wird ...

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Die Kappen haben innen drinnen jenen Schutz, den auch Helme bieten würden ...

Drehen

Ihre gleichaltrige Kollegin Dajana Lazarević entdeckte erst später ihre Liebe zu einem technischen Beruf: „Das ist so mit 13 oder 14 Jahren gekommen, da hab ich meinem Vater geholfen, wenn er was an Autos repariert hat. Ich wollte daher zuerst eine Lehre als Karosseriebautechnikerin machen, aber nach Schnuppertagen hat mir das nicht so gefallen und dann hab das hier entdeckt und meine berufspraktischen Tage hier gemacht und war voll fasziniert.“ Spaß mache ihr alles, also drehen, fräsen, schweißen, manchmal auch sägen, arbeiten auf den CNC – wenn man da reinkommt, ist es sehr leicht.

Daneben erklärt sie, was gerade in der Maschine läuft: „Wir müssen jetzt hier ein Aluminiumrohr auf die richtige Größe zuschneiden. Das ist nur ein Übungsstück, aber manchmal machen wir auch Werkstücke, die wirklich eingesetzt werden.“ Obwohl die Maschine eine digitale Anzeige hat, misst Lazarević händisch nach – „zur Sicherheit“.

Sie gibt auch Auskunft auf die Frage, wie sich gerade in einem technischen Beruf die Ausbildung in Lockdown-Zeiten gestaltet. „Im ersten Lockdown haben wir nur Home-Schooling gehabt, da konnten wir nur Theorie lernen. Mit der Zeit konnten wird dann wenigstens gestaffelt in die Arbeit kommen. Eigentlich ist mir sowohl Theorie als auch Praxis gleich lieb aber lange nur Theorie, das war schon sehr anstrengend.“

Büro

Trotz aller Technik braucht’s – gerade in so einem großen Komplex wie dieser Lehrwerkstätte auch eine Organisation von vielem. Im Büro treffen wir auch einen angehenden Bürokaufmann. Florian Waiß ist 17 und erlernt im zweiten Jahr den Beruf des Bürokaufmanns, „weil ich schon immer was mit Computern machen wollte“, begründet er seine Wahl. Hier checkt er Termine für Kurse und Schulungen von Lehrlingen und für jene, die von auswärts kommen auch Übernachtungsmöglichkeiten. Er hat auch schon an anderen Standorte gearbeitet. Die Bürokauflehrlinge durchwandern verschiedene ÖBB-Dienststellen, um möglichst viel vom ganzen großen Unternehmen kennen zu lernen. „Am liebsten schreibe ich die eMails an Lehrlinge, wo ich ihnen alle Informationen schicke. Ich mag’s, wenn ich mich auf eine Aufgabe konzentrieren oder fokussieren kann“, gibt er uns mit auf den Weg.

Follow@kikuheinz

Sobald der schauTV-Beitrag auf Sendung war, wird er hier eingebettet.

Metall-Abfälle werden in einer Altmetall-Box gesammelt ;)

Auf dem Gelände gibt es eine öffentlich zugängliche Teststation und ...

... für die Lehrlinge, aber März auch für Schnupperschüler_innen, eine eigene Teststation...

... auch für alle Besucher_innen wie die Reporter

In der ÖBB-Lehrwerkstätte am Hebbelplatz (Wien-Favoriten) werden 675 Lehrlinge in sechs Lehrberufen ausgebildet. Stolz wird auf 143 Mädchen in technischen Berufen verwiesen und ebenso darauf integrativ zu sein mit einer bunten Durchmischung in Sachen Herkunft.

Außerdem hat die Lehrwerkstätte eine eigene Teststraße, wo alle regelmäßig sowie alle Besucher_innen einen Antigen-Test absolvieren. Dies wird ab 1. März auch für mögliche Schnupperschüler_innen angeboten.

Insgesamt erlernen bei den Österreichischen Bundesbahnen 2.051 Lehrlinge (Stand 1. Nov. 2020) 27 Berufe von Applikationsentwicklung und Coding (9) über Gleisbautechnik (266), Mecahtronik (339) bis zu Elektrotechnik (587).

oebb -> Lehrberufe auf einen Blick

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