Kiku
05.08.2018

Friseurlehrling: Kopfmassage inklusive

Die einen wollten’s immer schon, der andere kam über Umwege dazu, Friseur werden. Reportage aus Wiener Salon mit drei Lehrlingen.

Kopf nach hinten – ins Waschbecken. Der Friseur lässt Wasser zunächst über seinen Handrücken rinnen, um die Temperatur des Wassers zu prüfen, dann führt er den Brausegriff über den Kopf der Kundin, lässt sanft das Wasser über ihre Haare rinnen, um mit der zweiten Hand – ebenso sanft – die überschüssige helle Farbe raus zu waschen. Dreht den Wasserstrahl wieder ab, hängt die Brause ein und wäscht nun mit beiden Händen. Was heißt wäscht? Es wirkt wie eine Massage. Und so dürfte die Kopfwäsche auch sein, denn nach wenigen Sekunden beginnt die Kundin sanft zu schnurren, um fast hinweg zu schlafen.

Wir befinden uns im Hinterzimmer eines vorwiegend in Violett- und Silber-Tönen gehaltenen Friseursalons in Wien-Margareten nicht weit entfernt von der U4-Station Pilgramgasse. Neben dem Chef und Meister arbeiten hier drei Lehrlinge. Jener, dem wir in der oben beschriebenen Passage auf die Finger geschaut haben, heißt Chaman Rahimi und steht knapp mehr als ein halbes Jahr vor seiner Lehrabschlussprüfung.

Einmal monatlich extra aus Floridsdorf

Die Dame, der er die Haare wäscht nachdem er darauf Farbe aufgetragen und einwirken hat lassen, kommt „jeden Monat extra aus Floridsdorf her“ (21. Wiener Bezirk auf der anderen Seite der Donau). Nicht nur in Joel’s Dreamhair-Studio, dessen Besitzer sie zufällig privat bei einer Veranstaltung kennengelernt hat, sondern ganz speziell zum genannten jungen Mann.

Vom Kinder-KURIER nach dem Grund gefragt, meint die jahrzehntelange Beamtin im Bundesdienst: „Weil er zuverlässig ist und freundlich, gutes Benehmen hat, sehr fleißig ist und außerdem charmant ist.“ Das Lob für ihren regelmäßigen Frisur-Verschönerer kommt ohne einen geringsten Anflug von Schleimerei oder Koketterie aus ihrem Mund. Eher wie alltägliche Tatsachenfeststellungen. Die Stimme hebt sie nur ein wenig als sie – eher in Richtung des Inhabers Joel Samual Rossouw – sagt: „Sie können stolz sein, dass Sie den Chaman als Lehrling haben“.

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Eigener Bereich, eigene Kund_innen

Was der Chef ohnehin weiß. Immerhin hat der Lehrling nicht nur die genannte Frau, der er später natürlich auch die Haare - da und dort zu Locken – föhnt, als Stammkundin. Er bekam mittlerweile sogar einen eigenen Bereich mit zwei „Behandlungs“-Stühlen überantwortet: „The Barber Chair“ samt eigener Preisgestaltung. „Wir wollen Chaman jetzt schon auf die Selbstständigkeit vorbereiten“, meint der Chef. Immerhin wälzt er Pläne, gemeinsam mit seinem Ehemann Etienne 2020 für vier Monate auf Reisen zu gehen, um sich dann von Herrn Rahimi vertreten zu lassen.

Ziel: Selbstständigkeit

„Mein Ziel ist fix, das ich später einmal meinen eigenen Salon eröffnen und führen kann“, bringt sich der Besagte ins Gespräch ein. Dabei wurde – im Gegensatz zum Chef - Friseur erst sehr spät sein Traumberuf. Bis zu seinem neunten Lebensjahr in Afghanistan aufgewachsen, flüchtete Chaman Rahimi erst mit seiner Familie nach Pakistan und später in den Iran, von wo „ich 2013 allein die meiste Zeit zu Fuß nach Europa geflüchtet bin.“ Später mit einem LKW. „Irgendwann wurde ich dann irgendwo auf der Autobahn ausgesetzt“. Nicht wissend wo er war, „hat mich die Polizei dann aufgehalten und nach Traiskirchen gebracht. Dort war ich drei Tage, dann bin ich in ein Heim für minderjährige Flüchtlinge in Wien-Meidling gekommen. Da war ich 15 Jahre. Dort hab ich dann Deutschkurse gemacht und den Hauptschulabschluss.“

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Suchen

Danach „wusste ich nicht genau, was ich machen will. Eine Ausbildung schon, aber welche?“ Zunächst begann er zunächst eine Lehre als Koch, „das war aber nichts für mich, ich wollte einen Beruf erlernen, der mir Spaß macht, vielleicht Automechaniker. Aber da bekam ich keine Lehrstelle. Das AMS hat mich dann zu Jugend am Werk vermittelt in eine überbetriebliche Lehrwerkstätte. Dort konnte ich verschiedene Berufe ausprobieren. Dabei hat mir Herr Ersan geholfen dann diese Lehrstelle hier zu finden. Vorher hab ich mir Friseur für mich nicht wirklich als Beruf vorstellen können. Aber bald hat es angefangen, mir auch Spaß zu machen und jetzt bin ich sehr zufrieden damit.“ Wie schon vorher zitiert ist sein Ziel, nach der Lehrabschlussprüfung den Meisterkurs zu absolvieren, um sich später sogar selbstständig zu machen.
„Schneiden mag ich lieber als föhnen, Herrenschnitte liegen mir noch mehr als Damenfrisuren“, verrät „Barber Chaman“ dem KiKu seine Lieblingstätigkeiten.
Ob sich auch seine eigenen Frisuren seit seinem Job verändert hätten? „Ja, schon, seither hab ich immer wieder verschiedene Frisuren, manchmal auch Dauerwellen.“

Assistenz

Chaman Rahimi ist – wie schon kurz erwähnt – nicht der einzige Lehrling hier. „Anfangs war ich ja schon ein wenig skeptisch wegen der integrativen Lehre, aber die Erfahrung mit Chaman hat mich überzeugt“, meint der Chef. Und so werken seit eineinhalb Jahren Hasan Ali Duran und seit einem Monat auch Uğur Özkan hier.

Die integrative Lehre dauert ein Jahr länger und wird von Berufsausbildungsassistenz unterstützt. Diese Fachleute begleiten die Lehrlinge, kümmern sich wo nötig um Nachhilfe für Fächer in der Berufsschule, begleiten die Jugendlichen bei Behördengängen, wenn dies erforderlich scheint und besuchen sie auch regelmäßig an ihrem Arbeitsplatz.

Uğur Özkan beginnt erst im Herbst mit seiner Berufsschule, hat gegenüber seinen künftigen Schulkolleg_innen damit schon einen Vorsprung in praktischem Wissen. Hasan Ali Duran preist seine Haarwasch-Massage-Fähigkeit an, rückt sofort als die Rede auf gefärbte Haare kommt, mit einer Mappe unterschiedlichster Farbmuster – „alle ohne Chemie“ - an.

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Erste Wahl

Für diese beiden Jugendlichen war Friseur die erste Berufswahl. Uğur Özkan: „Ich hab in der Familie drei Friseurinnen und Friseure. In der Schule hab ich meine berufspraktischen Tage im Geschäft von meinem Onkel gemacht“. Das habe ihn bestärkt, „aber mein Onkel bildet keine Lehrlinge aus“. Ersan Taus-Yesıl, Berufsausbildungsassistent von Jugend am Werk, fragte bei Joel’s Hairdream – und fädelte so die Lehrstelle für den jüngsten der angehenden Friseure in diesem Salon ein.

„Ich spiele gern mit Haaren, mit meinen eigenen und mit anderen, mag gern neue Frisuren ausprobieren und gestalten“, begründet Hasan Ali Duran seine Berufswahl.

Rundum-Service

Der in Südafrika geborene und aufgewachsene Chef des Ladens vertraut dem Reporter an: Für mich war es die erste Berufswahl, das wollte ich schon immer machen. Aber meine Eltern wollten, dass ich was G’scheit’s lern‘. So wurde ich Sanitäter. Aber als ich ausgelernt und nicht mehr von den Eltern abhängig war, hab ich meinen Traumberuf erlernt...“

Seit 2011 lebt er mit seinem Ehemann Etienne in Österreich, 2014 eröffnete er sein erstes eigenes Geschäft. Sowohl Früh- als auch Spät-Termine werden angeboten sowie vor allem Packages und Abos. Neben Spezialfrisuren für Hochzeiten bietet der Laden auch mehr als ein Dutzend üppige Halsketten, Diademe und anderen Schmuck als Leihgabe für solche und andere Anlässe, etwa auch bunte Kleider und Kostüme für Travestie-Shows oder Faschingsfeste.

www.joelsdreamhair.at

Jugend am Werk - Berufsausbildungsassistenz

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Schnappschüsse aus dem Friseur-Salon

Fotos aus dem Traumhaar-Salon

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Friseur und Kopfmasseur Chaman Rahimi ....

... behandelt Gabriele Röders Kopf ...

... Nun geht's ans Föhnen ...

Die nächste Dame zum Waschen ...

... auch Frau Andrea steht auf die gleichzeitige Kopfmassage

Der Chef, Joel Samual Rossouw, legt letzt Hand an Gabriele Röders neue Frisur...

... zufrieden und glücklich posiert sie...

Teamfoto: Joel Samual Rossouw (Chef und Inhaber), Hasan Ali Duran, Ersan Taus-Yesıl (Berufsausbildungs-Assistent), Chaman Rahimi, Uğur Özkan