Lernhaus-Online-Treffen

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Kiku
04/29/2020

KURIER-Lernhaus wurde zum Fern-Lern-Haus

Distance-Learning natürlich auch in Einrichtungen, die Kinder und Jugendliche beim Lernen unterstützen.

von Heinz Wagner

Auch Lernhilfe-Einrichtungen stellten natürlich auf Distance-Learning um – auf unterschiedlichste Arten. Das Wiener KURIER-Lernhaus (dieses und auch jene sechs in Niederösterreich werden vom Roten Kreuz betrieben) video-telefoniert mit jedem Kind zwei Mal in der Woche, einmal wöchentlich gibt’s auch Online-Spiele. Caritas-Lern-Cafés setzen vor allem auf Freiwillige, di den regelmäßigen Kontakt halten und die Wiener Volkshochschulen haben die Gratis-Online-Lernhilfe ausgeweitet – wochentags viele „Kurse“ in Online-Meetings – flexibel zum Ein- und Aussteigen.

KURIER-Lernhaus Wien

„Wenn ich Hilfe brauche, dann am ehesten in Mathe“, sagt Allaith dem Kinder-KURIETR am Telefon. Wobei Mathe neben Deutsch, Englisch und Sport zu seinen Lieblingsfächern zählt. Der Mittelschüler aus der Grundsteingasse besucht – in Normalzeiten – wie zwei seiner Geschwister das KURIER-Lernhaus beim Schwendermarkt. Seit eineinhalb Monaten natürlich nicht – an diesem oder einem anderen analogen Ort. Aber die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch dieser Lern-Hilfe-Einrichtung haben – wie Lehrer_innen – auf Distance-Learning umgestellt. „Aber in der Schule ist es schon viel spannender“, so der 15-Jährige zum Kinder-KURIER. „Schwierig ist es nach so vielen Wochen vor allem, sich zu motivieren. Manchmal muss man sich schon selber richtig zwingen, was zu machen. Aber es würde ja nichts bringen, wenn man nichts macht“, zeigt er sich im Gespräch ziemlich reflektiert.

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Stundenplan

Später wird seine 10-jährige Schwester Nahren dem Kinder-KURIER erzählen: „Wir Kinder stehen jeden Tag um 7 Uhr auf und fangen dann nach dem Frühstück mit Lernen an – bis 12 Uhr.“

Ach ja, wenn der eine oder die andere Hilfe braucht, so stehen ihnen Lernhaus-Mitarbeiter_innen vor allem über Videoanruf zur Seite – „ich zeig ihnen dann Fotos von den Aufgaben und die erklären mir das“, so Allaith.

Den Computer teilt er sich mit den Geschwistern, insgesamt sieben an der Zahl. „Das geht schon, wir streiten fast nie. Außerdem hat jede und jeder von uns ein Handy – und viele Aufgaben für die Schule können wir auch über Lern-Apps am Handy machen. Viele Aufgaben müssen wir auch auf Blättern schreiben, das fotografieren wir dann und schicken’s den Lehrerinnen und Lehrern. Und wenn wir Hilfe brauchen auch den Lernhaus-Leuten.“

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Vorlesen über Distanz

Ein weiteres Geschwisterkind, Rim (11), mag übrigens auch Mathe, Deutsch und Sport am liebsten, „vor allem Multiplizieren, Lesen und die vier Fälle mag ich sehr“, so die Mittelschülerin aus der Friesgasse – „ich war schon dort daneben in der Volksschule“. Bei den Video-Telefonaten mit der Miriam (Lernhaus-Mitarbeiterin) „lese ich oft vor. Wir haben eine Mappe mit Geschichten bekommen.“ Lieblingsgeschichte hat er – auf Nachfrage – keine, „weil alle gut und spannend sind“.

Die ein Jahr jüngere – schon oben erwähnte - Schwester Nahren besucht noch die letzte Klasse der Volksschule in der Friesgasse und wechselt im Herbst ins Gymnasium am Henriettenplatz, im selben Bezirk, dem 15. – Rudolfsheim-Fünfhaus. „Dort geht schon ein anderer Bruder, der Ali, jetzt in die erste Klasse“.

Auch sie hat übrigens Mathe und Turnen als Lieblingsfächer, „aber ich mag auch Deutsch und coole Sachen zum Lernen – über Europa, die anderen Kontinente und Länder. Geografie interessiert mich sehr.“

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Supergut

Das Lernhaus findet sie „supergut, weil ich schon manchmal Hilfe brauch. Wir haben auch jetzt immer Kontakt mit dem Lernhaus. Aber oft hilft mir auch mein großer Bruder zu Hause. Seit kurzem ruft uns die Miriam (vom Lernhaus) zwei Mal in der Woche an und hilft uns oder wir gehen gemeinsam Aufgaben durch. Bis wir endlich wieder in die Schule und ins Lernhaus hingehen können.“

Dass sie sich alle zu Hause – „wir haben aber eine Wohnung, die groß genug ist“ – nur einen Computer teilen müssen, „ist kein Problem, wir können alle fast alles nur mit dem Handy machen, das klappt eigentlich perfekt.“

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Video-Anrufe: Wichtig, sich anlächeln zu können

Die schon von den Kindern erwähnte Miriam (Frühstück) ist in der Gruppe der Betreuer_innen für die jüngeren Kinder – bis ca. 11 Jahre. „Wir haben den Kindern am Anfang Übungsmappen vorbereitet, die von Eltern abgeholt worden sind. Nach den Osterferien haben wir mit intensiver Lernbetreuung begonnen – mit einem 1:1-Settling. Wir haben uns die Kinder aufgeteilt und üben mit jedem zwei Mal in der Woche jeweils ungefähr eine Stunde.“

Da nicht alle zu Hause über Computer, Laptop oder Drucker verfügen, „haben wir uns entschlossen, alles so niederschwellig wie möglich zu machen – und rufen die Kinder per WhatsApp, Signal oder Skype an. Video-Telefonie ist schon wichtig, um uns sehen und anlächeln zu können. Parallel dazu schicken wir Arbeitsblätter auf diesem Weg hin und die Kinder erledigte Aufgaben zurück.“

Die 21 Kinder von 6 bis 12 Jahren werden von drei Betreuungspersonen beim Lernen unterstützt – aber es geht darüber hinaus auch darum, den Kontakt zu halten. Wenn Kinder es brauchen, können sie aber auch über die Anrufe der Betereuer_innen hinaus anrufen. „Das ist ja kein Job, wo du den Bleistift zu einer bestimmten Uhrzeit fallen lässt. Wir sind da flexibel – so wie es ja derzeit auch das Lehrpersonal der Schulen ist.“

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Laptops verleihen

Die Älteren, ab ungefähr 11 Jahren – bis 14/15 – also Ende der Schulpflicht – werden von einer anderen Gruppe betreut. Zu ihr gehört Daniel Jonas. „Manchmal rühren sich auch noch ehemalige Lernhaus-Kinder“, sagt er bei unserem Telefonat. „Gerade jetzt hat ein Mädchen eine ausführliche, sehr schön formulierte Frage per WhatsApp geschickt. Sie war einige Jahre ei uns, ist jetzt in der zweiten Klasse in der HTL Spengergasse. Ihr Laptop ist jetzt eingegangen und sie hat angefragt, ob wir ihr aushelfen können. Zum Glück haben wir erst vor Kurzem einige gespendet bekommen.“

Auch einige der Laptops, die das Lernhaus stationär hat, wurden an Kinder bzw. Jugendliche verliehen, die zu Hause keine digitale Ausstattung haben.

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Spüren, dass wir für sie da sind

In der älteren Gruppe gibt es 36 Jugendliche, die von drei hauptamtlich angestellten Lernbegleiter_inenn betreut werden – Pädagog_innen, teils noch in Ausbildung.

Auch hier geht’s nicht nur um die Hilfe beim Lernen, sondern auch um den regelmäßigen Kontakt und damit auch so etwas wie eine psychologische Stütze, „damit die Jugendlichen auch spüren, dass wir für sie da sind“.

Die Lernhilfe selbst nutzt ungefähr ein Drittel von sich aus regelmäßig, so Daniel Jonas. „Viele arbeiten ohnehin sehr selbstständig oder sie haben Hilfe von Geschwisterkindern. „Einige schicken Aufgaben per WhatsApp und fragen um Hilfe. Sie schicken dann die Lösungen und wir korrigieren sie und schicken’s zurück.“

Am häufigsten geht’s um Hilfe bei Englisch oder Deutsch. Aber einer hat einmal Hilfe für Mathe-Beispiele gebraucht – das war ein seeeehr langes Telefonat.“

Virtuelle Spiele und Rätsel

Neben der Lernhilfe steigen die Betreuer_innen auch wieder in Freizeitbetreuung ein. In der normalen Phase gab’s jeden Freitag gemeinsame Freizeit, nun erfolgt auch solche im virtuellen Raum. „Es geht um gemeinsame Treffen, damit – natürlich nur wer will – wir etwas miteinander unternehmen können. Wir treffen uns dann in einem virtuellen Raum und spielen zum Beispiel. Beim letzten Mal hat sich jede und jeder eine berühmte Person ausgedacht und die anderen sollten Fragen stellen um draufzukommen, wer sich wen ausgedacht hat.“

Das Meeting hat, so erzählt der Betreuer dem KiKu, „ungefähr zwei Stunden gedauert – es waren zwar nicht alle die ganze Zeit da, manche sind früher ausgestiegen, dafür wieder andere dazu gekommen.“

Immer wieder werden aber auch grafische Rechen-Rätsel – wie sei beispielsweise derzeit auf Facebook von vielen gepostet werden – in die gemeinsame WhatsApp-Gruppe gestellt. Eine Kollegin hat auch auf YouTube Rätsel als Video aufgenommen und Texte vorgelesen.

Schwierigkeiten orten die Betreuer_innen schön langsam mit der Eigenmotivation der Schülerinnen und Schüler. Grob geschätzt lernt ein Drittel der Jugendlichen gut mit eigenen Geschwistern, ein Drittel kommt gut zurecht mit der Hilfe vom Lernhaus auch über die Distanz. Aber ein weiteres Drittel ist schwer erreichbar.

Niederösterreich

In Niederösterreich gibt es sechs KURIER-Lernhäuser (Bruck/Leitha, Gänserndorf, Herzogenburg, Mödling, Neunkirchen und Tulln). Neben der intensiven Lernunterstützung bis Ostern fand vorm Fest auch ein vertrautes, freundschaftliches Video-Meeting mit einer ganzen Lernhaus-Gruppe statt. Die Kinder zeigten via Handy ihr jeweiliges Zuhause. Nach den einzelnen Rundgängen schauten alle aus ihren Fenstern – zeigten diesen Blick der ganzen Online-Runde. Alle miteinander spielten „Ich seh, ich seh, was du nicht siehst.

Die Pädagog_innen haben für „ihre“ Kinder auch noch Osternester gebastelt mit der Post verschickt.

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