Jugendliche lernen sich mitfühlend auf andere Menschen einzustellen - hier im Caritas-Haus Bernadette in Breitenfurt

© Heinz Wagner

Kiku
02/03/2020

Hautnah Mitgefühl und Empathie lernen

Lokalaugenschein im Pflegewohnhaus Breitenfurt, in dem drei Schülerinnen ihr zweiwöchiges Compassion-Projekt absolvierten.

von Heinz Wagner

Christine Hellmann schiebt den 90-jährigen Herbert Egl in seinem fahrbaren Untersatz im Pflegewohnheim Breitenfurt vom Haus in Richtung Ziegengehege. Sie haben ungefähr den halben Weg zurückgelegt, biegen um die Ecke und schon springen die ersten Ziegen heran. Bei der Gittertür angekommen, ziehen der alte Mann und die Schülerin einer 7. Klasse des Gymnasiums St. Ursula (Wien-Liesing) Karotten aus dem Papier-Sackerl. Knack, knack, knack futtern die Vierbeiner das mitgebrachte Gemüse.

Mitgefühl konkret erlernen/erleben

Kinder-KURIER und schauTV besuchen diese Caritas-Einrichtung knapp außerhalb von Wien, weil dort drei Jugendliche zweier privater Schulen ihr zweiwöchiges Compassion-Projekt absolvieren. Seit rund eineinhalb Jahrzehnten arbeiten Jugendliche der siebenten AHS-Klassen, also der elften Schulstufe in verschiedensten sozialen Einrichtungen vor den Semesterferien mit. Durch praktisches Tun erlernen und erleben sie Mitgefühl und Empathie durch Begegnung mit Menschen, mit denen sie sonst nicht so viel zu tun haben – Kinder mit Beeinträchtigungen, sehr alte, oft auch demente Personen, Obdachlose, Flüchtlinge usw.

Zwei Jugendliche der schon genannten Schule St. Ursula bzw. ein von den Dominikanerinnen tauchten hier also in zweiwöchige intensive Begegnung mit älteren Menschen ein.

Spielen

Chiara Benedetti und Carolin Laussner spielen im zweiten Stock mit Johanna Hernach und Hermine Pölz das in der älteren Generation weit verbreitete und beliebte Kartenspiel Rummy. Zuvor waren sie gemeinsam mit der dritten Schülerin, Christine Hellmann, vielen der Bewohnerinnen und Bewohner in der Kunsttherapie mit deren Leiterin Agnieszka Kremel zur Hand gegangen. An diesem Vormittag stand Fasching auf dem Programm.

Schülerinnen gehen den Oldies beim Malen und Basteln zur Hand ...

... und unterhalten sich so "nebenbei" ...

Highlight für Anton Suday: die Mitarbeit an diesem riesengroßen Bild ...

... riesengroßen Bild ...

... davon schildert er den drei Compassion-Schülerinnen ...

Malen und Basteln

Die meisten zeichneten, malten oder klebten bunte Gewänder auf ihre Zeichenblätter oder gestalteten glitzernde Masken. Wenn’s darum ging, aus der Mitte des großen Tisches, bunte Stifte, glitzer- oder andere Teile, die aufgeklebt werden konnten, zu holen oder aber auch beim einen oder anderen Strich oder Handgriff – die Mädchen waren zur Stelle. Aber nicht nur – denn oft ging/geht‘ auch darum, einfach zuzuhören, was die alten Kreativen erzählen.

Währenddessen lässt sich Renate Tolinger aus ihrem Zimmer eine riesige Decke bringen. Nein, ihr ist nicht kalt, sie zeigt uns nur, wie viele kleine Quadrate sie schon gehäkelt hat, als sie gerade ein neues Viereck häkelt. „Jedes ist anders, nicht nur von der Farbe, sondern auch vom Häkelstil“, erklärt sie. In wenigen Tagen ist ein so ein Viereck, das dann wieder auf die himmelblaue Stoffdecke genäht wird, fertig.Ein riesiges, gemeinsames Kunstwerk hängt im Eingangsbereich. Das weihnachtliche Bild zeigt uns Anton Suday mit sichtlichem und hörbarem Stolz. „Ich hab einige von den glänzenden Sternen gemalt“, freut er sich noch ein Monat nach dem Fest über seine Mitarbeit an dem großen, bunten Gemeinschaftswerk.

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Was Neues kennen lernen

Chiara Benedetti sagt dem KiKu: „Ich wollte in einem Altersheim arbeiten. Ich hab zu Hause Geschwister und schon viel Zeit mit Kindern verbracht. Das ist einmal was anderes. Und es war besser als erwartet. Ich dachte, dass niemand mit mehr reden wollen würde. Aber es waren alle sehr motiviert, es war sehr angenehm. Sehr überrascht war ich auch, dass es nie langweilig wurde. Es gibt so viele Aktivitäten und die Menschen waren und sind so begeistert, zu reden und von ihrer Vergangenheit zu erzählen.“

An Aktivitäten zählt sie die Hunde- und die Kunsttherapie auf. „Da malen und basteln wir mit den älteren Menschen“ – geleitet von der Kunsttherapeutin Agnieszka Kremel.

„Es gibt auch einen Chor, das war auch sehr lustig. Außerdem noch Tanzen im Sitzen – das ist wie normales tanzen, nur sitzen alle im Kreis und machen zur Musik ihre „Tanzschritte“ eher mit den Händen oder mit den Füßen.“Entgegen der anfänglichen Befürchtung, dass sie sich sehr intensiv um Gespräch bemühen müsste, „beginnen die Leute entweder von selbst nach Vorstellung ganze Lebensgeschichten in wenigen Minuten zu erzählen oder auf meine Fragen, woher sie kommen, ob sie verheiratet sind/waren oder Kinder haben, ganz viel zu reden.“

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Spielen und unterhalten

Carolin Laussner schildert: „Ich spiele und unterhalte mich mit vielen Leuten. Ich wollte unbedingt mit alten Leuten zusammenarbeiten, weil ich find, die haben einfach schon so viel erlebt und können davon erzählen und von vielen Erfahrungen, die ich noch nie gemacht habe und die ich vielleicht auch nie machen werde.“

Auch sie meint, dass sie sich die Arbeit davor „anders vorgestellt“ hatte. „Mir wurde klar, die meisten waren schon im 2. Weltkrieg. Das war ganz schockierend, damit hab ich nicht gerechnet. Echt arg, was die erlebt haben. Ich hoffe, dass ich das nie erleben werde.“

Im ersten Moment sei das schon belasten gewesen, „aber sie erzählen ja nicht nur davon, sondern auch von vielen schönen Dingen davor oder danach.“

Außerdem könne sie auch schockierende Erzählungen „mit den anderen Praktikantinnen und Betreuungspersonen am Ende jeden Tages in einer Reflexionseinheit bearbeiten“.

Die für sie wichtigste Erfahrung beschreibt sie so: „Dass die Leute sich extrem freuen, dass wir da sind, dass sie reden können und auch einmal wen anderen treffen - nicht nur Leute aus ihrer Altersgruppe, sondern auch vom jetzigen Leben, von der modernen Welt was erfahren. Die freuen sich einfach, dass wir da sind und sind dankbar auch für die ganz kleinen Dinge. Die schätzen einfach auch kleine Gesten. Das find ich urschön, einfach so etwas so hergeben zu können.“

An Beispielen für „kleine Gesten“ nennt sie unter anderem: „Wenn ich grüße und frage, wie’s geht oder wie sie oder er geschlafen hat Oder ob die Person was spielen will.“Nervig sei es in den zwei Wochen nie geworden. „Es passiert die ganze Zeit irgendwas und es sind ja unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Geschichten.“

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So viel Dankbarkeit!

Christine Hellmann hat „schon mit Kindern, bei mir in der Nähe in Breitenfurt mit Kindern mit Beeinträchtigung von der Kirche aus mitgeholfen am Wochenende beim Spielen und Esel füttern. Ich wollte was Neues ausprobieren, deswegen wollte ich Erfahrungen im Altersheim sammeln.“

Am ersten Tag sei sie nervös gewesen, „aber die war schnell weg, als ich die Leute besser kennengelernt habe“.

„Die Dankbarkeit, die man von den Menschen bekommt, auch wenn man gar nicht so große Dinge macht, sondern nur hilft, redet oder zuhört sind so positiv“, kommt diese Schülerin im Interview richtig ins Schwärmen.

„Das einzige Bedrückende ist die Demenzstation. Da gibt’s auch sehr junge Menschen, das ist eher bedrückend.“ Da haben ihr die oben schon angesprochenen „täglichen Reflexionsstunden mit den anderen Praktikantinnen und unseren Betreuungspersonen sehr geholfen, weil wir gut darüber reden konnten“. Sie will jedenfalls einen sozialen Beruf ergreifen, „ich möchte nach der Matura Medizin studieren und da jedenfalls was Soziales machen“.

Berufe?

Chiara Benedetti hat „schon drüber nachgedacht, einen sozialen Beruf zu wählen, mal schauen, wo’s mich hinführt“ und die dritte im Bunde der nunmehrigen Compassion-Schülerinnen im Breitenfurter Pflegewohnhaus, Carolin Laussner, sagt „in Erwägung ziehen schon. Aber Berufe in diesem Feld sind doch nicht einfach, sondern schon mit sehr viel Stress“ verbunden.

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Mit Karotten bei den Ziegen vorgestellt

Herbert Egl, jener Mann, der eingangs als Ziegenfütterer geschildert wurde, stellt sich zu Beginn unseres Besuches in der Kunststunde gleich als Kollege vor. Der 90-Jährige hat vor allem als Lokal- und Chronik-Journalist in Ober- und Niederösterreich gearbeitet – „vom Redakteursaspiranten bis zum leitenden Redakteur. Einmal hab ich auch die Marika Rökk interviewt." (Für ältere Semester ist die 2004 verstorbene jahrzehntelange Filmschauspielerin, Sängerin und Tänzerin mit ungarischen Wurzeln sicher ein Begriff.)

In fast jedem seiner Sätze klingt Humor durch, etwa wenn er erzählt, dass er schon lange nach Möglichkeit jeden Tag zu den Ziegen rollt. „Ich hab mich bei ihnen nur mit Karotten vorgestellt. An denen sollen sie mich erkennen. Wenn ich in der Ferne auftauche, wird schon von allen Seiten gemeckert.“

Follow@kikuheinz

https://de.wikipedia.org/wiki/Compassion_%28soziales_Lernen%29

Von einer Karawanserei zum Pflegewohnhaus

Dort wo sich heute das Breitenfurter Pflegewohnhaus samt großem Garten befindet, stand einst eine Labestation für Pferde und Reiter, insbesondere auf dem Weg von Wien nach Mayerling. Erwähnt wird auf einer Tafel im Haus, die an die Geschichte erinnert, dass auch der Kronprinz Rudolf immer hier mit seinen Kutschenpferden pausiert, selbst auf seiner letzten Fahrt.

Die Labestation war somit auch ein Gasthaus, „Roter Stadel“ genannt, das 1904 zu einem Nobel-Restaurant wurde samt Frühlings- und anderen Festen.

In den beiden Weltkriegen wurde das Gasthaus jeweils zu einem Lazarett umfunktioniert, 1945 von der Caritas zu einer Kinder- und ab 1956 zu einer Pflegeeinrichtung umgewandelt

Hier der Beitrag von schauTV

gedreht von Wolfgang Semlitsch

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