Kiku
03.07.2018

Frühlingserwachen: Ein schmerzhafter Rausch der Gefühl

Gefüllt mit einer Vielfalt an Menschen ist der Saal im Dschungel Wien als dort Ende Juni zum vorübergehend letzten Mal das Stück „Frühlingserwachen“ vorgeführt wird.

Aufgeregtes Stimmengewirr

Bald ist er auch erfüllt mit den wilden Gefühlen der DarstellerInnen, die neben den Sitzreihen auf die Bühne hinuntergelaufen kommen, fast alle schwarz-weiß gekleidet, außer einem Mädchen, das ein strahlend türkisfarbenes Kleid trägt. Aufgeregt reden die ProtagonistInnen miteinander und ihre Stimmen mischen sich zu einer lauten Einheit. Bald jedoch kann man die einzelnen Charaktere kennenlernen, die sich hinter ihr verbergen. Eine/r nach dem/der Anderen treten sie im Laufe des Stückes vor das Publikum, um sich vorzustellen in dieser Version von „ Frühlingserwachen“ nach dem mehr als 100 Jahre alten/jungen Jugendtheaterklassiker von Frank Wedekind.

Starke Worte der einzelnen Charaktere

Sie tun es in kurzen, klaren Sätzen, doch mit großen, starken Worten. Auch in ihren Blicken, mit denen sie sich etwas schüchtern und doch mit einem mutigen Leuchten in den Augen an die ZuseherInnen wenden kann man erkennen, wie viel sie dabei von sich zeigen. Melchior, gespielt von Nikolaus Pfleger, ist der Erste der hervortritt und erzählt, dass er von den anderen oft als Streber bezeichnet wird, aufgrund seiner Leidenschaft zu lesen und über große Themen wie Glaube und Existenz zu diskutieren.
Schließlich stellt sich Otto (David Baczyk) vor, der bedauert, sich im Gegensatz zu seinen Geschwistern nicht wirklich erkannt und beachtet zu fühlen. „Ich bin einfach da“, lauten seine Worte. Martha (Johanna Klugsberger) berichtet von ihren Eltern, die sehr streng zu ihr sind und sie manchmal sogar schlagen. Zögerlich stellt sie sich schließlich die Frage, ob sie dies vielleicht gar nicht anders verdient hätte.
Tea (May Garzon) sagt im Gegensatz dazu, dass sie sich Eltern wünscht, die mehr wie die von Martha wären, denen zumindest nicht egal sei was sie tut und von denen sie beachtet werden würde.
Auch die aufgeweckte Wendla (Iris Nussbaum) steht schließlich für einen Moment alleine vor dem Publikum. Während sie von ihren Freundinnen spricht und von den Dingen die ihr Spaß machten, spürt man hinter ihrer aufgeschlossenen Art auch ihre große Verletzlichkeit.
Hänschen und Ernst (Lasse Fischer und Max Wenning) sprechen jeder für sich darüber, wie sehr sie sich verbunden und durch den Anderen verstanden fühlen. Moritz (Nikolaus Van Rahden) erzählt, dass er seine Zeit am liebsten im Wald verbringt, wo er, nicht wie in der Schule beurteilt wird, sondern sich ganz einfach angenommen und verstanden fühlt. Und dann kommt schließlich noch Ilse (Viktoria Hillisch) und spricht über ihre Leidenschaft zu Kunst und über unbeständige, wilde Nächte, die sie erlebt hat.

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Bedürfnis sich mitteilen

In jenen Erzählungen, die so unterschiedlich sind, zeigt sich doch auch eine Gemeinsamkeit. Denn sie alle wurzeln in jener Zeit des Erwachsenwerdens, die geprägt ist durch eine Fülle neuer Fragen an das Leben, neuer Sehnsüchte und Erwartungen an sich selbst und an die Welt. In jeder Rede der DarstellerInnen spürt man das große Bedürfnis all das loszuwerden und hinauszurufen, was sie beschäftigt.

Jenes Verlangen sich mitzuteilen, fühlt man im Laufe des Stückes auch in weiteren Momenten, in denen sie einander anvertrauten. So beispielsweise als Moritz Melchior vorsichtig fragt, ob er auch schon einmal männliche Regungen verspürt habe, woraufhin er sich gleich wieder hastig von ihm abwendet, als hätte er Angst vor seiner Reaktion und davor vielleicht ein Wort zu viel gesagt zu haben.

Oder als Tea, Martha und Wendla zusammen auf einer Picknickdecke sitzen, sich gegenseitig necken und über Jungs und die Liebe reden. Gemeinsam träumen sie sich in Vorstellungen davon, wie es wohl wäre, wenn sie selbst eines Tages Kinder hätten. Aufmerksam hören sie einander zu, versinken in den Beschreibungen der Anderen und suchen aufgeregt nach eigenen.

Enttäuschung und Einsamkeit

Auch gibt es allerdings Momente, in denen man spürt, wie jenes wilde Spiel der Gefühle zu großer Enttäuschung führen kann. Momente, in denen es ist, als würden die ProtagonistInnen aneinander vorbeireden und in denen man auf schmerzliche Weise spürt, dass es ihnen nicht gelingt einander zu erreichen. Beispielsweise als sich gegen Ende Ilse und Markus begegnen, die einander aus der Kindheit kennen. Sie wirken sehr unterschiedlich und doch, oder vielleicht gerade deshalb hat man das Gefühl, dass sie sehr interessiert aneinander sind. Ilse erzählt von abenteuerlichen Geschichten in Ateliers, in denen sie arbeitete. Markus hört ihr zu und scheint dabei sehr erstaunt und fasziniert von ihrer Leichtigkeit zu sein. Schließlich erinnern sie sich an gemeinsame Momente, als sie noch klein waren, doch als sie sich scheinbar immer näher kommen sagt Markus, dass er gehen muss. Als er wieder alleine ist, ruft er jedoch verzweifelt Ilses Namen und trauert darüber eine Gelegenheit verpasst zu haben.

Auch wird im Stück der Konflikt zwischen den Generationen aufgezeigt. Die Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern und gleichzeitig der Graben und das Missverstehen, das sich zwischen ihnen auftun kann. Es wird beispielsweise spürbar, als Wendla ihrer Mutter (Heide Maria Hager) voller Neugierde die Frage stellt, wie Kinder entstehen und diese sich scheut ihr zu antworten. Sie beendet das Gespräch und sagt ihr, dass diese Themen sie noch nicht beschäftigen sollten. Immer mehr spürt man somit hinter der bunten, lauten Stimmung mit der das Stück begann, auch ein großes Gefühl von Einsamkeit.

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Ausweglosigkeit

Es erreicht schließlich dort seinen Höhepunkt, wo zwei der ProtagonistInnen keinen Ausweg aus ihrer inneren Verzweiflung finden und ums Leben kommen. Markus erschießt sich selbst und Wendlas große Hoffnung auf Liebe wird auf schreckliche Weise gebrochen als Melchior, für den es jene Hoffnung nicht mehr zu geben scheint, sie vergewaltigt. Sie ist schließlich schwanger und stirbt bei dem Versuch einer Abtreibung.

Die zuvor erweckten, bunten Gefühle wandeln sich zu bedrückter Stille im Saal. Inmitten jener Ruhe betritt eine rätselhafte Figur den Raum: Ein Mann, gekleidet in schwarz, mit einer geheimnisvollen Sonnenbrille. Man erfährt nicht wirklich wer er ist, nur dass er die ewige Waage zwischen Tod und Leben zugunsten des Lebens manipulieren möchte.

Trotz allem ein Wunsch zu leben

Für den Wunsch nach Lebendigkeit scheinen sich auch die DarstellerInnen trotz allem am Ende zu entscheiden, als sie gemeinsam ein Lied singen. Wieder bilden ihre Stimmen eine Einheit: „Du musst nicht glücklich sein für das Glück das du lebst“, lauten die letzten Worte des Liedes, bevor es in Applaus übergeht.

Aufgrund des großen Erfolges im Dschungel Wien, wird die Produktion auch bald wieder im Theater Akzent zu sehen sein. :)

Informationen dazu findet man zum Beispiel auf der Facebookseite des Stückes, und zwar hier

Rosanna Wegenstein, 19