Kiku
17.11.2018

Der jahrelange Puppenspieler und seine eigene Kinder-Stimme

„Sonnenschein und Regen“ von Theater Trittbrettl: Eine Zeitreise in die eigene Kindheit und die Anfänge seiner Kunst.

Wenn aus einem alten Nähkasten mit aufklappbaren Fächern das Segelschiff von Christopher Columbus wird, wenn die kleine Figur mit dem uralten Teddy-Bären verstecken spielt oder Letzterer zum einzigen Freund des einsamen Buben wird – dann finden auch Kinder unmittelbare Anknüpfungspunkte in der fantasievoll umgesetzten Lebensgeschichte des Puppenspielers Heini Brossmann. Sie können mit ihm auf die zeitreise in dessen eigene Kindheit schweben.

Manche der Dinge, insbesondere das Ausgangsstück jedoch sind eher für die älteren Semester im Publikum. Dass ein altes, großes Tonbandgerät, von dem uralte noch funktionierende Bänder abgespielt werden, so etwas wie die Ururgroßeltern von Tonaufnahmen via Handy, davor MP3, davor CD und Kassetten waren, lässt vielleicht nostalgische Gefühle aufkommen. Für Kinder ist es wahrscheinlich so unvorstellbar wie ein Wählscheibentelefon von einem Handy.

In seinem jüngsten Stück „Sonnenschein und Regen“, das am letzten Wochenende des diesjährigen Lesofantenfestes der Wiener städtischen Büchereien seine offizielle Uraufführung erlebte, erzählt der Trittbrettl-Gründer Heini Brossmann wie er Puppenspieler wurde – und damit viel aus seiner Kindheit. Denn da hat das mit dem Puppenspiel begonnen, ein bisschen zum Leidwesen des Vaters, der lieber gehabt hätte, wenn der Sohn mit Bällen statt mit Puppen gespielt hätte.

Und doch spielt der Vater in den 5/4 Stunden eine zentrale Rolle, die andere Verwandten, selbst die Oma, die dem damals 12-Jährigen ein Kasperltheater mit drei Handpuppen – Zauberer, Räuber und eben Kasperl – geschenkt hat, kommen nur am Rande vor. Der Vater, erst Elektriker, dann Filmvorführer und schließlich Kameramann, der erste Dokus in Afrika drehte, hat Heini das oben schon erwähnte Tonbandgerät samt einer Kiste voller Tonbänder vererbt. Auf einem, das noch funktioniert, fand sich die Aufnahme eines Gedichts des damals Sechsjährigen. Und so begegnet der doch nicht mehr ganz junge Puppenspieler auf der Bühne seiner eigenen Kinderstimme.

Aus einem kleinen Kameraobjektiv und Matador-Bausteinen bastelte Brossmann die Figur seines Vaters. Der Teddy, den er als Kind offenbar als engen Freund hatte, begleitet ihn die meiste Zeit auf der Bühne. Und fast sämtliche Objekte die er bespielt oder mit denen er spielt stammen ebenfalls aus seiner Kindheit. Mit vielen davon baute er sich seine Fantasie- und Theaterwelten, auch wenn er immer wieder dann „aufhören musste wenn’s am Schönsten  ist“ wie er mehrfach im Stück sagt, weil er gerufen wird, aufräumen muss usw.

Ein – vielleicht gerade für junge Kinder ein wenig zu langes – fantasievolles Plädoyer, zu den eigenen jungen Leidenschaften zu stehen und Unkenrufen zum Trotz den eigenen Weg zu gehen. Und vielleicht am besten, wenn Kindern und (Groß-)Eltern gemeinsam die Vorstellung besuchen.

Infos: Was? Wer?

Sonnenschein und Regen
oder: Wie ich Puppenspieler wurde

Regie: Husam Abed
(Puppen-)Spieler: Heini Brossmann

Dramaturgie: Jakob Brossmann
Stage Designer: Mirjam Staengl
Technik: Klaus Schwarz

Wann & wo?
http://trittbrettl.at/spielplan

Zum Lesofantenfest von Wiens Büchereiern:
buechereien.wien.at/de/lesofantenfest2018

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