Kiku
10.06.2018

Auch was fürs eigene Leben gelernt

Erwachsene, die als Jugendliche mit der Schule in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen waren, erzählen dem Kinder-KURIER.

Nachdem der (Kinder-)KURIER den starken Text der 18-jährigen Hannah Oppolzer mit ihren Gedanken nach einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Mauthausen veröffentlicht hatte, meldete sich ein engagierter, ehemaliger Lehrer aus Niederösterreich. Robert Klement, der auch mehr als ein Dutzend Kinder- und Jugendbücher, teils preisgekrönte, veröffentlicht hat, war in seiner pädagogischen Laufbahn mehr als ein halbes Dutzend Mal mit Klassen in Mauthausen. 1973 war er einer der ersten die das gemacht haben. „Meine damaligen Vorgesetzten, alles stramme „Pflichterfüller“, haben gemeint, ob das notwendig sei, denn die Schüler hätten doch mit der damaligen Zeit nichts zu tun.“ Heute ist das keine Frage mehr.

Auf Bitte des Kinder-KURIER übermittelte der pensionierte Lehrer und Autor einerseits einige Zitate aus Aufsätzen, die Schüler_innen nach dem Besuch der Gedenkstätte verfasst hatten: „Lieber Gott, wo warst du, wo bist du? Wie kann man jetzt noch glauben?“ oder „Das erschütterndste, bedrückendste Erlebnis in meinem Leben!“

Klement schildert: „Ich habe erlebt, dass Mädchen in der Gaskammer in Tränen ausgebrochen sind. Aber man muss der Jugend die Wahrheit sagen, auch wenn es in Einzelfällen oft verdammt wehtut.“

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Vergisst niemand

Seine Meinung: „Mauthausen ist für 14-jährige Schüler grenzwertig, es ist aber das, „was bleibt“ von jahrelangem Geschichtsunterricht. Bei Klassentreffen kommt die Rede nach 20 oder 30 Jahren immer bald auf den damaligen KZ-Besuch. Mauthausen vergisst niemand!

Mauthausen bleibt aber ein bloßes Strohfeuer, wenn es keine ausreichende Vor- und Nachbereitung durch Lehrer/innen gibt. Es muss eine rational-kritische Auseinandersetzung mit den Themen Faschismus, Gewalt, Rassismus, Verführbarkeit, Toleranz, Fremdenfeindlichkeit usw. geben“, so der St. Pöltner, der in einem Gastbeitrag für das „Profil“ (2. Dezember 1985) die damals noch oft unzureichend pädagogisch vor- und aufbereiteten Besuche der Gedenkstätte kritisierte.

Klement fragte auf KiKu-Ersuchen einige seiner ehemaligen Schüler_innen, ob sie für Interviews bereit wären. Im folgenden drei Gespräche.

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Richtig reinversetzen können

Elisabeth Wimmer (56) war „mit ungefähr 14 Jahren, so genau weiß ich das heute nicht mehr mit der Klasse“ zum ersten Mal im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen. „Bei unserem Geschichtslehrer Robert Klement haben wir vor dem Besuch einiges an Informationen gelernt. Aber so richtig vorstellen hab ich mir das erst können, als wir dort waren. In Erinnerung geblieben ist mir vieles. Ein erster arger Eindruck war, als wir in die Holzbaracken gegangen sind, wo die Häftlinge geschlafen haben. Es war düster, finster und dann diese Holz-Stockbetten. Da hab ich mich so richtig reinversetzen können, wie arm die Leute dort waren. Arg waren aber auch die Öfen, wo die Leichen verbrannt worden sind.

Bis heute aber ist mir vor allem in Erinnerung geblieben eine kleine Kammer, nicht viel größer als eine Klomuschel wo einzelne Häftlinge reingesetzt worden sind und ihnen Wasser auf den Kopf getropft worden ist. Das muss sie ja irre gemacht haben.

Total schlimm erinnere ich mich auch noch an den Steinbruch, wo wir die Stiegen runter gegangen sind. Das muss so furchtbar gewesen sein, dort die Steine rauf zu schleppen. Da kommen mir heute noch die Tränen, wenn ich dran denke. Auf der Todesstiege konnte man sich so richtig reinversetzen in die Lage der Menschen im Lager.

Alle jungen Leute sollten das gesehen haben

Ich finde, alle jungen Leute sollten Mauthausen anschauen, damit alle wissen, dass so was nie wieder vorkommen soll.“

Die Beschäftigte in der Materialwirtschaftsabteilung des Universitätsklinikums St. Pölten ist in Sorge, „dass es heute nicht so weit hergeholt ist, dass so etwas wieder passieren könnte“. Woran sie das beobachte: Na, zum einen sind viele Leute unzufrieden, obwohl es ihnen gut geht. Nicht dankbar und so voller Neid und Gier. Sie wollen immer mehr und mehr haben, nur ja nicht teilen. Und auf der anderen Seite gibt es die Hetze gegen andere. Noch dazu geht das über Facebook und dadurch läuft die Hetze auf Knopfdruck so schnell und so weit.“

Sie habe die „Sorge, die Menschen haben aus der Geschichte nichts gelernt. Das ist traurig, aber ich habe leider dieses Gefühl. Man muss so aufpassen, weil es geht leider so schnell.“ 

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Schon vorher in der Gedenkstätte

Anton Heinzl, heute Pressesprecher von Landesrätin Ulrike Königsberger-Ludwig war „schon bevor ich mit der Schule in Mauthausen war ein oder zwei Mal mit meinen Eltern in der Gedenkstätte. Der 45-Jährige promovierte Politikwissenschafter, der seit 15 Jahren in der Landesregierung arbeitet, „wusste und kannte also schon einiges, aber jedes Mal – auch später noch – erfährt man in Mauthausen das eine oder andere noch nicht bekannte Stück an Geschichte, an Details wie unmenschlich in dieser historischen Katastrophe gehandelt wurde.

Vor dem Besuch mit der Schule hatten wir uns schon in der Schule im Geschichtsunterricht intensiv vorbereitet, wir hatten auch Zeitzeugen zu besuch, Überlebende des Holocaust, die uns erzählten und denen wir Fragen stellen konnten. Beim Besuch mit der Schule war für mich vor allem die Todesstiege neu. Und dort haben wir ansatzweise mitgekriegt, dass im Konzentrationslager nicht nur Andersdenkende und vor allem jüdische Bürger weggesperrt worden sind, sondern dass es eigentlich auf Vernichtung hinausgelaufen ist. Das hat man auch schon als 14-Jähriger gemerkt und vor allem als unfair empfunden. Dass die Menschen unter ganz schlimmen und gefährlichen Umständen, noch dazu ausgehungert und mit notdürftigster Kleidung sich zu Tode arbeiten mussten. Dort kannst du doch so schon fast nicht runtergehen, ohne dir was zu brechen.

Auch in den Gaskammern hast du als Jugendliche/r mitbekommen, wie grausam damals Menschen mit Menschen umgegangen sind.

Weitere Blickwinkel

Mit jedem Alter, mit zunehmender eigener Lebenserfahrung, weiterem Wissen aus Dokumentationen, neuen Details wie Kisten mit Flüchtlingen auf die geschossen wurde, weitet sich der Blickwinkel. Vor allem auch der, dass es nicht nur IN den Konzentrationslager so unmenschlich zugegangen ist. Erst viel später hab ich von der „Kremser Hasenjagd“ erfahren. Knapp vor Kriegsende hat der Direktor von Stein Gefangene schon freigelassen. Aber SS und Bevölkerung haben die Menschen gejagt und erschossen.

Sicher, auch heute gibt es ständig auf der Welt Kriege und Genozide, aber in dieser Dimension, die industrielle Vernichtung? In Österreich glaube ich nicht, dass so etwas noch einmal möglich wäre, obwohl 100-prozentig ausschließen – das trau ich mir nicht zu sagen. Damit sich aber so ein Massenverbrechen nicht wiederholt, müsste jede Schülerin und jeder Schüler politische Bildung erfahren und jeder Lehrerin und jedem Lehrer würde es nicht schaden, vorher einmal in die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers zu fahren und gesehen zu haben, was da los war.