Kiku
19.03.2018

Denkanstöße einer 18-Jährigen

Hannah Oppolzer, 8A, Gymnasium Frauengasse (Baden, NÖ) nach einem Besuch der Gedenkstätte Mauthausen am 22. September 2017

Es ist, als würden Vergangenheit und Gegenwart an diesem Ort miteinander verschmelzen. Unter meinen Füßen kantige Steine, blutbefleckter Boden von dürren Händen gelegt.
Aber das ist längst nicht alles, was unter der Erde lauert.
Tote. Tote überall.
Ermordet, vernichtet, gebrochen, denn dieser Ort vereinte einst all das Böse, das im Menschen stets schlummert und das darauf wartet, unerwartet ausbrechen zu dürfen.
Da ist sie, die Gewalt.
Ich kann sie riechen, kann nicht lachen, kann fast nicht reden, denn ich höre schon zu viele Stimmen und ich will die vibrierenden Schwingungen der Luft nicht noch mit meiner Stimme belasten. Ich bilde mir ein, die Schreie der Vergangenheit zu hören, das Atmen der Qual, das Wimmern der zusammengekauerten Hoffnung.
Da sind sie, überall schweben ihre Geister, hängen in der Luft und beobachten mich.
Mich, die ich nicht mitreden kann, weil nicht erlebt, mich, die nicht fühlen kann was hier gefühlt wurde, in der Generation meiner Urgroßmutter.
Ich durchwandere diesen Ort still und voller Andacht, denn ich kann zwar nicht jenes Leid fühlen, doch die winzigen elektrischen Impulse, die überall erzittern und niemals damit aufhören werden. Sie schwingen in ihrem eigenen Rhythmus, einer ohrenbetäubend stillen Dissonanz.
Hier ist der dunkle Abgrund des menschlichen Geschlechtes zutage getreten, hier hat Liebe nichts genutzt. Hier hat der Tod gewohnt, geliebt, gelacht, gespeist.
Ich will ihre Stimmen nicht vergessen, ich will sie in mir tragen und noch meinen Enkeln von jenem Massenmord erzählen, der einst hier geschah. Ich bin über ihnen gestanden, über den Toten, und ich betete still für ihre Seelen, dass sie jetzt im Tod den Frieden finden mögen, der ihnen in ihrem Leben nicht vergönnt war.
Besonders eingenommen bin ich vom Raum der Namen. 81.000 stehen hier namentlich genannt, 81.000 Tote, die Familien hatten und von denen jeder Einzelne ein lebenswertes und besonderes Individuum war.
In der winzigen weißen Schrift auf schwarzem Untergrund verschwimmen sie unwillkürlich zu jener Masse, als welche sie zu sterben genötigt waren. Ich will sie alle lesen, jedem Klang der Buchstaben in meinem Ohr lauschen, doch es sind zu viele und teils sind sie auf Russisch, was ich nicht verstehen kann. Obwohl es nur einfache Namen sind, geben sie mir das Gefühl, sie sind es, die mir Brücken schlagen zu jener zum Glück unerreichbaren Vergangenheit.
Sie vermitteln mir ein Gefühl der Nähe, des Individuums; ein Bruchstück, an dem ich mich festhalten kann; der Name eines Opfers.
Dann betreten wir sie, die Todesstiege. Steil fällt sie vor uns hinab, führt in den Steinbruch und wird dort vom Boden verschlungen. „Tod durch Arbeit“ kommt mir in den Sinn, dann unebener Stein zu meinen Füßen und ich gehe jene Stiege hinab, die vor weniger als 100 Jahren ausgehungerte Häftlinge mit schweren Granitblöcken auf den Schultern besteigen mussten. Ich will eigentlich stehen bleiben und nach oben
blicken, den Augenblick stärker wahrnehmen, aber hinter mir gehen die anderen Schülerinnen und Schüler und ich bin gezwungen, weiterzugehen. Die Masse drängt mich weiter und macht mich zu einem schwachen Bindeglied, das sich einfügen und funktionieren muss; sonst fällt es.
Unter mir der Steinbruch. Über mir die Fallschirmspringerkante. Die Stufen habe ich bereits hinter mir gelassen, als meine Beine leicht zu zittern beginnen.
Da sind sie also wieder: die Schwingungen der Vergangenheit. Sie beben wieder.
Sie murmeln wieder. Ich habe das Gefühl, die Bahnen der Zeit zu zerbrechen, gleichzeitig hier als auch mit einem sehr winzigen Teil meiner Vorstellungskraft dort zu sein.
Alles vermischt sich zu einer Masse aus Impressionen. Jetzt muss ich erst mal schweigen. Dann all dies aufschreiben. Dann weiterleben, als wäre nichts geschehen.
Ich lasse den Steinbruch, die Baracken, Denkmäler und 81.000 Namen hinter mir. Links und rechts von mir rotgrauer Granit, daneben vom Herbst gefärbte Bäume und Blätter.
Dann öffnet sich wieder die reale Welt vor meinen Augen. Ich steige in den Bus, Stimmengewirr um mich, Lachen von anderen, das ich ausblende. Meine Augen ans Fenster geheftet, lassen wir Mauthausen hinter uns. Kurz darauf verschwinden seine dunklen Ziegelsteinmauern hinter Tannenwipfeln, irgendwann verschwimmen diese mit dem Horizont und alles fühlt sich weit, weit weg an. Siebzig Jahre oder mehr.

Verfasst Ende September 2017