Gesund
05.12.2018

Wie man sich bei Mobbing wehren kann

Mobbing am Arbeitsplatz ist allgegenwärtig. Experte Holger Wyrwa sagt, was man in dieser aussichtslosen Situation tun kann.

Nirgends wird laut einer OECD-Studie mehr gemobbt als in Österreichs Schulen. Aber auch am Arbeitsplatz sind Tausende von Mobbing betroffen. Unter permanentem verbalen Beschuss zu stehen, kann sich auf Psyche und die Gesundheit auswirken. Dennoch gibt es Auswege aus dem Mobbing, weiß der deutsche Psychotherapeut Holger Wyrwa, der bereits mehrere Bücher zu Mobbing publiziert hat sein aktuelles behandelt auch Cybermobbing.

Sie haben davon gesprochen, dass Sie selbst über ein Jahr von Mobbing betroffen waren. Was macht das mit einem?

Holger Wyrwa: Also das erste Gefühl ist diese totale Hilflosigkeit. Dieses Wissen: Ich habe nichts gemacht und da ist eine Person, die versucht, mich psychisch fertig zu machen. Dieses Gefühl ist wie eine existenzielle Bedrohung, denn deine ganze Welt bricht in dem Moment zusammen. Bis jetzt ist alles gut gelaufen und dann kommt plötzlich ein Angriff. Wo Gerüchte verbreitet werden, wo Falschbehauptungen aufgestellt werden.

Und was haben Sie dann gemacht?

Ich habe damals bei einer Gesundheitsbehörde gearbeitet und die erste Reaktion war der Versuch, das Ganze aufzuklären, indem man mit der Person spricht, die einen mobbt, indem man die Kollegen miteinbezieht oder auch die Vorgesetzten. Als das alles nicht funktionierte, habe ich mich entschieden, meine Mobberin selber so massiv psychisch unter Druck zu setzen, dass diese Person aller Wahrscheinlichkeit nach Fehler macht. Hat sie auch getan. Die hätte man vor dem Arbeitsgericht verwenden können. Ich bezeichne das, wie in meinem neuen Buch beschrieben, als „Notwehr-Mobbing“.

Was sind die häufigsten Gründe, warum Menschen zu Mobbern werden?

Aus meiner praktischen Arbeit mit Betroffenen und auch aus der Literaturrecherche ergeben sich verschiedene Motive, die sich aber alle auf ein Motiv zurückführen lassen. Ein Mobber fühlt sich beispielsweise von einer Person am Arbeitsplatz bedroht. Er glaubt, dass diese Person nur dann, wenn man sie zerstört, seine Position wieder kräftigt. Hier wird nur aus Angst gemobbt, weil diese Person einem gefährlich werden könnte. Oder sie ist zu erfolgreich und ich muss sie stoppen. Oder sie macht zu wenig an Tätigkeiten und das will ich in meiner Einrichtung nicht mehr haben. Was wieder dazu führt, dass jeder, wirklich jeder, von Mobbing betroffen werden kann.Das heißt der Mobber ist immer einer, der sich von einer Person bedroht fühlt.

Welche Mobber-Typen gibt es noch?

Eine andere Kategorie von Mobber-Typ wäre dann der, der aus Spaß mobbt, der gerne Menschen quält und Spaß daran hat, eine Person machtlos und hilflos sich gegenüber sitzen zu sehen. Dann gibt es den Stress-Mobber, Auftrags-Mobber und Co-Mobber. Das Gemeinsame von all diesen Mobber-Typen ist, dass alle darauf abzielen, sich über einen anderen Menschen erhöhen zu müssen und das kann ich nur schaffen, indem ich den anderen massiv erniedrige. Da gehe ich so skrupellos vor, dass man das alles unter psychischer Gewalt zusammenfassen kann und die mindestens genauso schlimm ist wie körperliche Gewalt.

Sie selbst haben Gegenmobbing betrieben. Was kann ich noch tun, wenn ich gemobbt werde?

Mein Ansatz war gefährlich, hat aber den Vorteil, dass ich mich stärker fühle und nicht mehr hilflos bin, ich wehre mich. Ein wichtiger Punkt ist, dass man dem Mobber gegenüber unter keinen Umständen Schwäche zeigen darf. Davon ernährt sich der Mobber. Der findet das toll, wenn er in den Augen des Gemobbten sieht, der ist fertig, der ist kaputt. Man muss den Eindruck erwecken, das prallt alles an mir ab, auch wenn es gelogen ist. Dann sollte man anfangen das eigene Menschenbild zu reflektieren. Es gibt Menschen, die einen vernichten wollen. Das passt nicht in unser normales Menschenbild, aber bei Mobbing sieht man das eigentlich ganz deutlich. Da ist ein starker Vernichtungswille. Man sollte auch schauen: Was passiert hier eigentlich? Mobbt mich eine Person oder mehrere? Ist das eventuell von ganz oben initiiert? Soll ich meinen Arbeitsplatz verlassen, weil ich zu alt bin, zu unbequem? Hat der Mobber schon mal davor gemobbt? Die Macht, die er braucht, kann ich ihm nicht nehmen, weil er nun mal in der überlegenerer Position ist. Aber ich kann ihm das Gefühl geben: Du kannst mir so viel antun, wie du willst. Du bist für mich eine lächerliche Person. Das klingt jetzt ein bisschen kindisch, hat aber eine wahnsinnige Wirkung. Das kann ein Mobber nicht ertragen, wenn er den Eindruck hat, dass der Gemobbte sich auch noch über einen lustig macht.

Was ist noch wichtig?

Sich selber zu analysieren, wie es so weit kommen konnte. Bin ich vielleicht zu übereifrig, zu unbequem? Vielleicht könnte man das dann in irgendeiner Form verändern. Aber das hängt davon ab, wie man als Gemobbter drauf ist. Will ich mich unterwerfen? Oder will ich kämpfen? Dann klar: Gespräch mit dem Mobber führen. Vielleicht ist es ein Missverständnis? Wobei das bei Mobbing eher nicht ist. Mobbing ist immer zielgerichtet, das heißt immer auf eine Person abgestimmt. Es ist eher zufällig, dass eine ganze Abteilung gemobbt wird. Dann ist es wichtig, Verbündete zu gewinnen. Was schwierig ist, weil die meisten Angst haben, sich auf die Seite des Gemobbten zu stellen, weil die eigene Arbeitssituation problematisch werden könnte. Man kann sich auch professionelle Unterstützung suchen und im privaten Feld auch schauen, dass ich Freunde habe, die mich da unterstützen können. Die Gefahr dabei ist, dass die irgendwann keine Lust mehr haben, zuzuhören. Es gibt durchaus viele Fälle, wo der Gemobbte keine Familie mehr hat, weil sich die zurückzieht, Frauen oder Männer sich scheiden lassen, weil sie den Druck nicht mehr aushalten. Eine Möglichkeit wäre die, dass man die Öffentlichkeit informiert. Viele Einrichtungen haben wahnsinnig Angst vor der Öffentlichkeit, dass ihr Image einen Schaden erleidet. Das ist allerdings ein gefährlicher Weg, weil das kann natürlich auch in die Hose gehen. Ich hatte damals meinen Arbeitgeber auch unter Druck gesetzt und deutlich gemacht, ich gehe an die Öffentlichkeit. Ich decke alle diese Missstände hier, im Gesundheitsamt, auf. Ziel von mir war damals eine hohe Abfertigung zu bekommen, damit ich etwas für einen Start fürs neue Leben habe, was auch gelungen ist. Aber das war wirklich ein harter und brutaler Kampf.

Eine Auszeit zu nehmen ist auch sehr wichtig, um für sich selbst erstmal wieder Kraft zu sammeln, Abstand zu gewinnen und sich darüber im Klaren zu werden, was ich eigentlich will. Und im schlimmsten Fall, muss man sich im Klaren werden, ob man sich versetzen lässt oder kündigt. Mein einziger logische Schluss war damals, die Abfindung zu bekommen und wegzugehen. Aber nicht auf jeden Fall durchhalten. Auch das habe ich hier in der Beratung erlebt, dass die Leute manchmal so blind nur noch sagen: „Ich lass’ mir nichts gefallen. Ich halte durch, bis zum bitteren Ende“ und psychisch dabei draufgehen.

Aber ist es nicht so, dass man dann quasi den Mobber gewinnen lässt, weil er sein Ziel erreicht hat?

Ich selber habe für mich gesagt: Nein, ich habe gekämpft. Ich habe mein Ziel formuliert, ich will eine Abfindung haben und dann bin ich hier weg. Das heißt, die Mobberin hat ihren Teil erreicht: Ich bin weg. Aber ich habe unter den Bedingungen das erreicht, was ich erreichen konnte. Ein Gemobbter will meist, dass alles wieder so wird, wie es mal war. Das geht nicht. Sie müssen damit leben lernen. Das ist ungerecht, das ist gemein, aber es ist nun mal so.

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