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Gesund
03/21/2019

Wie CBD und THC bei Krebs-Beschwerden helfen können

Cannabis kann Schmerzen bei Krebserkrankungen, Übelkeit und Ängste lindern. Betroffene und Ärzte über ihre Erfahrungen.

Im Juni 2017 erhielt Franz D. eine Diagnose, die auf einen Schlag alles veränderte: Lungenkrebs, im fortgeschrittenen Stadium. Da war er 59 Jahre alt. Er erhielt eine Kombination aus Chemotherapie und Bestrahlung. Am Ende kam ein Cocktail aus Nebenwirkungen zusammen, der ihn in seiner Lebensqualität enorm einschränkte.

Der Oberösterreicher litt unter Erschöpfung, auch unter Schmerzen und Herzrhythmusstörungen. Seine Tochter besorgte deshalb CBD-Tropfen in einem Shop in Wien. Kostenpunkt: rund 70 Euro.

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„Die Tropfen schmecken bitter. Wir haben sie auf Eiswaffeln gegeben und gemeinsam gegessen. Das gab meinem Vater ein Gefühl von Sicherheit“, erinnert sich Miriam (26). „Die Tropfen haben ihn beruhigt, sein Herzrasen legte sich, er konnte wieder schlafen. Er fühlte sich insgesamt wohler in seinem Körper. Und mir halfen die Tropfen gegen Regelschmerzen.“

Zwar sprach sie die Einnahme mit dem behandelten Onkologen ab, um mögliche Wechselwirkungen zu vermeiden. Beim Thema Verschreibung stieß sie jedoch auf taube Ohren. „Ich habe drei verschiedene Ärzte zur Einsatzmöglichkeit von medizinischem Cannabis gefragt, keiner war daran interessiert.“

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Allgemeinmediziner Patrick Thurner kennt solche oder ähnliche Schilderungen. „Cannabis ist kein Allheilmittel und auch keine Wundermedizin, aber sie kann den therapeutischen Alltag ungemein bereichern. Menschen, denen dieser Einsatz helfen kann, müssen legal und sicher versorgt werden“, betont er.

Drei Probleme tun sich auf: Um den Konsum ranken sich viele Halbwahrheiten, fachliches Wissen ist rar. Bewilligung und Kostenübernahme sind nicht einheitlich geregelt. Es gibt noch wenig speziell aufgesetzte, klinische Studien.

Wirkt nicht berauschend

Cannabidiol, kurz CBD, ist jener Bestandteil der Pflanze, der nicht psychoaktiv wirkt und deshalb frei erhältlich ist. Bislang gibt es noch wenig wissenschaftliche Literatur zur Wirksamkeit als Schmerzmittel. „Derzeit gibt es für die Monosubstanz Cannabidiol in den meisten Indikationen eine mangelhafte Datenlage bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit, weshalb eine generelle Kostenerstattung durch die Krankenversicherung aktuell nicht erfolgt“, heißt es auf Anfrage vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger.

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Bei den medizinischen Anwendungen steht deshalb das Tetrahydrocannabinol im Vordergrund, kurz THC. Die Verwendung unterliegt wegen seiner psychoaktiven Wirkung der Suchtgiftregelung und somit strengen Vorgaben. Verschiedene Arbeiten haben gezeigt, dass sich Dronabinol – der internationale Freiname für THC – gut für onkologische Patienten und Patientinnen eignet. „Wenn keine andere Therapie gegen Übelkeit und Erbrechen hilft, ist Dronabinol zusätzlich sinnvoll“, sagt Rudolf Likar, Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt. „Für die Behandlung von Appetitlosigkeit ist es sogar das Mittel erster Wahl.“

Der größte Vorteil von Cannabis als Medikament sei seine Sicherheit: „Es stört keine physiologischen Funktionen und schädigt keine Organe, wenn es in therapeutischer Dosierung eingenommen wird.“

Rezept notwendig

Wer in Österreich ein THC-haltiges Arzneimittel kaufen will, muss ein chefärztliches Rezept vorlegen. „Die derzeitige Bewilligungspraxis von Dronabinol folgt einer einheitlichen Linie“, so die Stellungnahme des Hauptverbands. Bei entsprechenden Indikationen und „Vorliegen einer nachvollziehbaren medizinischen Begründung wird Dronabinol aus dem Erstattungskodex bundesweit von allen Sozialversicherungsträgern erstattet, wenn mit kostengünstigeren Arzneimitteln aus dem Grünen oder Gelben Bereich des Erstattungskodex nicht das Auslangen gefunden werden kann.“

In welchem Umfang die Kosten für die Präparate übernommen werden, wollte man nicht beantworten. Nach Auskunft eines Berichts des Gesundheitsministeriums beliefen sich die österreichweiten Aufwendungen für Cannabinoide im ersten Halbjahr 2018 bei einer Gesamtzahl von 22.337 Verordnungen auf knapp fünf Millionen Euro. Die Quelle der Daten ist die maschinelle Heilmittelabrechnung. Die Patientenanzahl mit zumindest einer erstatteten Verordnung betrug 7.325 – das ist angesichts der hunderttausenden chronischen Schmerz- und  Krebspatienten nicht viel.

Kostenübernahme

Die alltägliche Praxis sieht also tatsächlich anders aus. „Es kommt immer wieder vor, dass ein Antrag auf Kostenübernahme von Cannabismedizin in den evidenten Indikationen durch die Krankenkasse abgelehnt wird. Die Kostenübernahme ist eine Art Glücksspiel. Es ist außerdem schwierig, einen Arzt zu finden, der sich gut auskennt. Viele Menschen müssen tief in die Geldbörse greifen. 20 ml Tropfen mit 500 mg THC kosten 450 Euro“, sagt Peter Kolba. Der Obmann des Verbraucherschutzvereins hat deshalb die Initiative „Allianz gegen Ignoranz“ gestartet, um Menschen bei der Durchsetzung der Kostenübernahme beizustehen.

Bewegung in die Diskussion dürfte jetzt auch das EU-Parlament bringen, das den Einsatz von Cannabis in der Medizin vorantreiben will. Eine entsprechende Entschließung nahmen die Europaabgeordneten vergangene Woche an.

Hindernisse abbauen

Darin fordern sie die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten auf, finanzielle und rechtliche Hindernisse abzubauen. Die Forschung im Bereich Cannabis solle künftig auch in einzelstaatlichen Programmen angemessen berücksichtigt werden, damit mögliche Einsatzgebiete erforscht werden – „wobei auch die Erfahrungen mit der Verschreibung von Cannabis außerhalb des zugelassenen Indikationsbereichs zu berücksichtigen sind“. Die Handhabung von medizinischem Cannabis müsse vereinheitlicht werden.

In Österreich unterscheidet sich die Bewilligungspraxis von Bundesland zu Bundesland – so die Kritik von Kolba.

Bewilligungspraxis

Aus dem Gesundheitsministerium heißt es dazu: „Im Hinblick auf die SV-Reform wird es diese Unterschiede zwischen den Bundesländern nicht mehr geben.“ Auf die Frage, ob Förderungen denkbar seien: „Grundvoraussetzung ist eine solide Forschung, damit belegt ist, auf welchen Gebieten Produkte auf Cannabis-Basis wirklich den Patienten einen Vorteil bringen, in denen derzeit bereits zugelassene Arzneimittel nicht den gewünschten Erfolg bringen.“ Konkrete Maßnahmen werden keine genannt.

Der Generalsekretär des Verbands der pharmazeutischen Industrie (Pharmig), Alexander Herzog, betont in diesem Zusammenhang: „Forschung im Bereich Cannabinoide wird durchaus betrieben. Im EU Clinical Trials Register finden Sie zahlreiche Studien dazu. Je mehr klinische Studien einen potenziellen Einsatz von Cannabinoiden als Wirkstoff bei Arzneimitteln bestätigen, desto mehr wird sich in diesem Bereich tun.“

Ein halbes Jahr nach der Diagnose starb Franz D. „Er wurde bis zum Schluss gut von einem mobilen Palliativteam begleitet“, betont Tochter Miriam. Die Tropfen haben sich in Kombination mit einer vergleichsweise geringen Dosis an Opiaten bewährt. Wenig überraschend, meint Schmerzmediziner Rudolf Likar: „Ich sehe immer wieder, dass der Schmerzmittelbedarf von Patienten zum Teil gesenkt werden kann.“ Durch eine Kombination aus Schul- und Alternativmedizin könne die Lebensqualität für Menschen mit Krebs bestmöglich erhalten bleiben.

Für die Zukunft wünscht sich Miriam D. einen „barrierefreien und kostengünstigen Zugang zu Cannabis für medizinische Zwecke – als fixer Bestandteil der Palliativpflege.“