Genuss ist in vielen Augenblicken erlebbar

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Gesund
04/06/2019

So kann man lernen, besser zu genießen

Wer richtig genießen kann und es regelmäßig tut, hat mehr vom Leben. Warum Achtsamkeit dafür wichtig ist.

von Dorothe Rainer

Genuss braucht seine Zeit. Allerdings geht es dabei nicht um die Dauer, die Zeitspanne kann ruhig kurz sein, aber man muss im Moment und bei der Sache sein, um Bewusstsein zu schaffen.

„Die Basis, um Genuss überhaupt empfinden zu können, ist die Achtsamkeit“, betont die Psychologin Beate Handler, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. In dem Augenblick, wo etwas Schönes und Genussvolles wahrgenommen wird, ist man auch aufmerksam, denn sonst würde sich der Eindruck sofort verflüchtigen.

Die Psychologin zieht den Rückschluss: „Gehen wir also achtsam durchs Leben, werden wir auch häufiger genussvolle Momente oder Situationen erleben.“ Erfüllende Erfahrungen liegen sozusagen auf der Straße, man muss sie nur wahrnehmen.

Definition

Grundsätzlich ist Genuss eine positive Erfahrung, an der mindestens ein Sinnesorgan beteiligt ist und die mit körperlichem und/oder geistigem Wohlbefinden einhergeht. „Leider wird dieses Wohlfühlglück viel zu oft nur auf einen einzigen Sinn, den des Schmeckens, reduziert. Treffender ist es aber, Genuss mit Sinnlichkeit gleichzusetzen oder mit dem euthymen Erleben und Handeln, welches als sinnlich, lustvoll und reflexiv definiert wird“, so Handler.

Als Euthyme werden genussbringende Verhaltensweisen bezeichnet, die der Seele guttun und uns Freude, Wohlgefühl, Glücksmomente und Entspannung bringen und für gute Laune sorgen.

Maß halten ist dabei genauso essenziell. So lautet eine der wichtigsten Genussregeln: Weniger ist mehr, denn ein Zuviel führt immer zur Übersättigung, was dann der gegenteilige Effekt von Genuss ist.

Der Trend geht auch bei den süßen Häschen zu bio und fair

Wegbeschreibung

Sinnliches Erleben beginnt schon mit der Vorfreude und im Kleinen, etwa, wenn man den frisch gepressten Orangensaft nicht nur Schluck für Schluck genießt, sondern sich auch an der Farbe, am Geruch und am schönen Glas erfreut.

Das ist wichtig, denn genau diese Eindrücke sammeln sich im limbischen System, dem Teil des Gehirns, der für die Verarbeitung von Gefühlen und und das Triebverhalten zuständig ist. Hier wird das Aroma mit früheren Erinnerungen verglichen und bewertet. Fällt dies positiv aus, führt das zur Ausschüttung des Glückshormons Dopamin.

Wer im Genussmoment ist, ist entspannt, in sich gekehrt und lächelt vielleicht, der Ausdruck absoluten Wohlbefindens.

Grundsätzlich werden wir als sinnliche Wesen geboren. Als Baby erforschen wir die Welt durch die Mundhöhle. Größere Kinder sind neugierig und begreifen durch Schauen, Schmecken und Fühlen. Kinder, die man frei entdecken lässt, sammeln so viele Erfahrungen und entwickeln sich dadurch leichter zu genussbejahenden Erwachsenen.

Auch die Vorbildwirkung der Bezugspersonen darf nicht unterschätzt werden. Ist die Kindheit leistungsorientiert und lustfeindlich geprägt, hat man es auch in späteren Jahren schwerer, sich dem Genuss und der Muße hinzugeben.

Doch es ist nie zu spät, denn man kann Genussfähigkeit lernen – in jedem Alter und zu jeder Zeit, etwa durch ein klassisches psychotherapeutisches Genusstraining. Hier wird jeder einzelne Sinn geschärft und aktiviert.

Es geht zum einen darum, die Sinnesqualitäten zu vernetzen, aber auch darum, einzelne zu stärken. Beides kommt einem intensiven Erleben zugute. „Genussvoll kann ein Geschmackserlebnis sein, bei dem gleichzeitig der Geruchssinn, der Tastsinn und das Sehen aktiv sind und sogar das Hören, etwa, wenn man schmatzt. Schmatzen ist beim Genusstraining erlaubt, da es die Intensität des Aromas verstärkt“, betont Handler.

Bedrohung

Unsere moderne Zeit, der hektische Alltag, die ständige Verfügbarkeit sind die erklärten Feinde des sinnlichen Erlebens, denn gerade Genuss braucht Ruhe. Sich Zeit nehmen – und seien es auch nur fünf Minuten, um einen Schokoriegel, auf den man sich schon den ganzen Vormittag gefreut hat, zu vernaschen –, kann helfen, Stress abzubauen.

Isst man man ihn, während man auf das Display starrt oder telefoniert, bringt man sich aber um das Vergnügen an der Sünde. Freiwillige Askese oder temporäre Enthaltsamkeit können den Genuss zusätzlich anfeuern, denn der Mangel erzeugt Vorfreude und steigert so die Genussfähigkeit.

Selbst auferlegte Verbote hingegen bedrohen die natürliche Fähigkeit, sich hinzugeben. Deshalb lautet der Expertenrat: „Gönnen Sie sich was, aber ganz bewusst“, denn „wer nicht genießt, ist ungenießbar“ (Konstantin Wecker).

www.psychotherapie-verhaltenstherapie.com

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