Brüchige Gesundheit bei Extremwetterereignissen: Aber auch das Gesundheitssystem kommt an seine Grenzen.

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Gesund
09/05/2019

Klimawandel: "Doctors for Future" will Gesundheitsberufe aufrütteln

Neue Mediziner-Initiative will auf Folgen der Erderwärmung für die Gesundheit und das Gesundheitssystem hinweisen.

von Ernst Mauritz

„Es soll ein starkes Signal sein. Wir wollen die Ärzteschaft – aber auch alle anderen Gesundheitsberufe – aufrütteln.“ Das sagt der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter zur heute präsentierten neuen Initiative „Doctors for Future“. Hutter ist einer der beiden Vorsitzenden der „ÄrztInnen für eine gesunde Umwelt“, von denen der Anstoß zu „Doctors for  Future“ ausging.  Aus meiner Sicht hat sich die Ärzteschaft bisher zu wenig zu Wort gemeldet. Und wir wollen auch das breite Engagement der Jugendlichen im Rahmen von Fridays for Future unterstützen.“ Unterstützungserklärungen sind ab sofort unter www.aegu.net möglich.

Ärzte, aber genauso die Pflege- und andere Gesundheitsberufe werden vom Klimawandel mehrfach betroffen sein: „Einerseits hat die Klimakrise viele, teils dramatische Folgen für die Gesundheit – und darunter sind nicht nur die bekannten Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System“, betont Hutter. „Auch die Situation von Patienten mit neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen zum Beispiel kann sich verschlechtern, das ist noch viel zu wenig im Bewusstsein.“  

So könnte Hitze möglicherweise die Anfallshäufigkeit bei einer bestimmten Epilepsieform bei Kindern (Dravet syndrome) erhöhen, hieß es kürzlich in einem Fachartikel in The Lancet / Neurology. Das berichteten demnach Eltern betroffener Kinder im vergangenen Sommer in Großbritannien. Auch bei anderen Epilepsieformen könnten möglicherweise höhere Temperaturen die Zahl der Anfälle erhöhen. „Der Klimawandel betrifft wirklich alle Menschen“, unterstreicht der Umweltmediziner.

Auch ein Ansteigen von Ängsten und Depressionen – weil man der Hitze nicht entfliehen kann – sei zu befürchten, ebenso wie posttraumatische Belastungsstörungen als Folge von Überschwemmungen, Vermurungen oder Stürmen. „Aber auch Säuglinge und Kleinkinder, deren Anpassungsfähigkeit an höhere Temperaturen noch nicht vollständig entwickelt ist, werden verstärkt medizinischer Betreuung bedürfen.“

Andererseits steht das Gesundheitssystem vor großen Problemen, betont Hutter: „Lücken in der medizinischen Versorgung – wie der Mangel an niedergelassenen Ärzten im ländlichen Raum – werden bei Extremwetterperioden noch sichtbarer werden.“

Österreich habe zwar eines der besten Gesundheitssysteme der Welt: „Aber ohne die Bereitstellung  zusätzlicher personeller und materieller Ressourcen werden die Belastungen nicht zu bewältigen sein – ich denke da ganz bewusst auch an die Situation beim Pflegepersonal während der  Hitzewellen.“ Und bis 2050 werde sich die Dauer von Hitzewellen verdoppeln.

„Doctors for Future Austria“ haben auch eine Resolution an den Nationalrat bzw. die Bundesregierung veröffentlich. Diese sollten den „Klimanotstand“ erklären und anerkennen, „dass die bisherigen Pläne und Maßnahmen auf nationaler Ebene nicht ausreichen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen“.  Bis 2030 sollen die Emissionen von Treibhausgasen „auf Netto-Null – ohne Einsatz von Kompensationstechnologien – reduziert werden.“

„Die Ärzteschaft hat eine hohe Glaubwürdigkeit und eine Vorbildfunktion“, betont Hutter, „die muss sie auch für den Klimaschutz einsetzen“.