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Gesund
10/01/2019

Influenza: Die Grippewelle könnte heuer früher beginnen

Auf der Südhalbkugel kamen die ersten Erkrankungen deutlich früher. Ärzte warnen vor unterschätztem Risiko für das Herz und andere Organe.

von Ernst Mauritz

Prognosen über die bevorstehende Grippe-Welle sind schwierig. Anhaltspunkte liefert der Blick auf die Südhalbkugel. Dort startet die Grippesaison in der Regel im Juni. In Australien wurden heuer aber bereits im April viele Influenza-Erkrankungen registriert - die Grippewelle begann früh und heftig. "Insgesamt war der Verlauf aber mild", sagt Infektionsspezialist Christoph Wenisch, Leiter der 4. Medizinischen Abteilung mit Infektiologie und Tropenmedizin im Kaiser-Franz-Josef-Spital (SMZ Süd) in Wien.

Doch das heißt nicht unbedingt, dass es auch auf der Nordhalbkugel so kommen muss. Wo Wenisch aber zuversichtlich ist: "Bis jetzt schaut es so aus, dass der heurige Impfstoff auch für die zu erwartenden Erreger passen wird." Weltweit dominieren derzeit bestimmte Influenza-A-Viren, und diese sind mit dem Impfstoff abgedeckt.

Jährlich erkranken etwa fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen und bis zu 15 Prozent der Kinder an einer Influenza.Laut dem Deutschen Robert Koch-Institut war übrigens die vorletzte Grippewelle jene mit den meisten Todesopfern in den vergangenen 30 Jahren.

"Bei einer Grippeerkrankung muss man unbedingt auf das Risikoprofil des einzelnen Patienten schauen - das Risikoprofil, das ein  Patient mitbringt, bevor er die Grippe bekommt, entscheidet letztlich darüber, wie der Verlauf ist,  ob er eine Woche krank ist oder auf die Intensivstation kommt", sagt Wenisch. "Bei Menschen mit Bluthochdruck, Asthma, oder Gefäßverkalkungen etwa kann die Grippe einschlagen wie ein Blitz - und ein Herzinfarkt oder Schlaganfall können die Folge sein."

Eine neue Studie von Wenisch und seinen Kolleginnen und Kollegen zeigt: Von jenen Patienten, die in Wien wegen einer Grippe im Krankenhaus aufgenommen werden muss, stirbt innerhalb von drei Monaten einer von zehn an den Folgen der Erkrankung. "Zehn Prozent sterben leider, es ist eine sehr sehr schwere Erkrankung, wenn man im Spital aufgenommen werden muss."

Der Grund dafür liegt vor allem bei der Lunge und dem Herz, wo sich als Folge der Grippe Gefäße verschließen können - ein Infarkt ist die Folge.

Neue Untersuchungen zeigen, dass es auf drei verschiedenen Wegen durch eine Grippeinfektion zu einem Herzinfarkt kommen kann:

  • Blutplättchen können durch die Wirkung der Grippe klebriger werden - ein Gefäß kann sich verschließen.
  • Das Herz bräuchte eigentlich mehr Sauerstoff,  bekommt aber wegen der Grippe zu wenig Sauerstoff - weil auch die Lunge etwa wegen einer Lungenentzündung mehr Sauerstoff benötigt. Und weil auch das Fieber den Sauerstoffbedarf erhöht: "Pro Grad Celsius steigt der Grundumsatz um 15 Prozent." Und dann kann das verbleibende Sauerstoffangebot zu gering sein, damit der Herzmuskel seine Funktion erfüllen kann.
  • Grippe kann die Muskeln beeinträchtigten - auch das Herz ist ein Muskel: "Und Grippeviren können auf den Herzmuskel gehen und eine Entzündung machen."

Eine Grippeimpfung könne das Risiko für derartige Komplikationen um 40 Prozent senken, jenes eines Schlaganfalls um immerhin 20 Prozent: "Aber leider wird dieses Potenzial nicht genützt, auch nicht bei den Menschen über 65 Jahre." Mit einer Durchimpfungsrate von nur zehn Prozent ist Österreich das Schlusslicht in Europa.

Neue Daten gebe es aber auch zur Herzschwäche (Herzinsuffizien): Nur durch die Impfung sinkt die Sterblichkeit (im Untersuchungszeitraum) um 20 Prozent. Auch bei Bluthochdruck könne die Sterberate in einem ähnlichen Ausmaß zurückgehen. Und das Risiko für einen schweren Asthmaanfall könne stark reduziert werden.

Unterschätzte Lungenentzündung

Unterschätzt werden auch die Folgen von Lungenentzündungen, die zu rund 40 Prozent von Pneumokokken ausgelöst werden. Jährlich werden 35.000 Menschen mit einer Lungenentzündung in Österreich in einem Krankenaus aufgenommen, laut Statistik sterben 1000 bis 1300 Menschen daran, die tatsächliche Zahl dürfte aber deutlich höher sein. Husten und Abgeschlagenheit sind die häufigsten Symptome. "Pneumonie ist auch die häufigste Ursache für eine Sepsis" ("Blutvergiftung", Anm.), sagt Michael Meilinger von der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie im Krankenhaus Nord. Menschen ab 50 - besonders jene mit bestehenden chronischen Erkrankungen - sollten sich laut Österreichischem Impfplan gegen Pneumokokken impfen lassen.

Jeder Erwachsene hat eine Impflücke

Praktisch jede und jeder Erwachsene in Österreich habe eine Impflücke, sagte der Infektionsspezialist und Tropenmediziner Herwig Kollaritsch. Das größte Risikofaktor für fehlende Impfungen sei laut einer Studie ein Arzt, der von Impfungen abrät. Und in den USA hat die impfkritische Haltung von Donald Trump dazu geführt, dass unter den Republikanern der Prozentsatz von Impfskeptikern dopppelt so hoch ist wie unter den Demokraten.

Dabei nützen Impfungen nicht nur der persönlichen Gesundheit, sondern auch dem Gesundheitssystem, betonte Renée Gallo-Daniel, Präsidentin des Österreichischen Verbandes der Impfstoffhersteller: "Jeder private Euro, der in die Influenza-Impfung investiert wird, erspart dem Gesundheitssystem rund drei Euro und der Gesellschaft 27 Euro. Und eine Erhöhung der derzeitigen Durchimpfungsrate (zehn Prozent) um lediglich Prozent reduziere die Zahl der Erkrankungen um mehr als 30.000.

Impfpass-Check in Apotheken

In allen österreichischen Apotheken kann bis zum 19. Oktober kostenfrei der persönliche Impfpass auf fehlende Grundimpfungen und auch Auffrischungen überprüft werden. Nähere Informationen im Internet: www.impfpass-check.at. Eine Influenza-Impfung kostet bis Jahresende im Rahmen einer Aktion 17 Euro in den Apotheken. "Der ideale Zeitpunkt für die Impfung liegt zwischen Mitte Oktober und Anfang November", sagt Gerhard Kobinger, Präsidiumsmitglied der Österreichischen Apothekerkammer.