Die Grenze, ab wann die Mediennutzung zu viel ist, ist sehr individuell.

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Gesund
10/21/2019

Handy, Videospiele: Warum Eltern in der Erziehung oft unsicher sind

KURIER-Gesundheitstalk: Weil die eigene Erfahrung fehlt, tun sich Eltern in der Bewertung von Risiken oft schwer.

von Ernst Mauritz

Es ist eine häufige Elternfrage: Gibt es eine Zeitdauer, ab der sich Eltern Sorgen machen müssen, weil ihre Kinder ständig mit dem Smartphone beschäftigt sind oder in Videospielen versinken?

„Die Grenze, ab wann es zu viel ist, ist sehr individuell“, erläutert Paul Plener, Leiter der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni/AKH Wien. Er war einer der Podiumsgäste beim Gesundheitstalk im Van-Swieten-Saal der MedUni Wien.

„Die durchschnittliche Mediennutzungsdauer pro Wochentag bei Jugendlichen (Mo. bis Fr.) liegt bei vier Stunden. Aber es gibt Jugendliche, die können ihr Smartphone sechs oder sieben Stunden am Tag nutzen, ohne Krankheitszeichen zu entwickeln.“

„Es gibt kein Kriterium, ab wie viel Stunden man onlinesüchtig ist. Worum es geht: Vernachlässigt man andere, für die Entwicklung eines Jugendlichen typische Aufgaben, vernachlässigt man die sozialen Kontakte?“ Beim Smartphone oder bei Videospielen sei es wie bei allem: „Wenn man es zu exzessiv betreibt, wird es schädlich.“

Es gebe in der heutigen Elterngeneration eine gewisse Unsicherheit, weil sie selbst den Umgang mit Sozialen Medien aus ihrer Jugend nicht kennt, sagte die Psychologin und Kinderpsychotherapeutin Martina Bienenstein, Gründerin der Internet-Plattform mychild.at: „Ich kann nicht nachvollziehen, was meine Tochter in den Sozialen Medien alles erfährt – sie sagt, es ist wahnsinnig toll. Für uns als Eltern ist es wahnsinnig schwer zu sagen, was richtig ist und was falsch – die nächste Generation wird da sicherer sein.“

„Verbote bringen nichts“, betonte Ewald Lochner, Wiener Psychiatrie-Koordinator im Psychosozialen Dienst (PSD). „Es geht darum, dass Jugendliche eine Risikokompetenz entwickeln: Eltern müssen ihre Kinder im Umgang mit den neuen Technologien stärken, mit ihnen darüber reden.“

Die Unsicherheit der Eltern führe oft dazu zu sagen, alles, was schlecht läuft, habe mit dem Smartphone zu tun, erläutert Plener: „Dabei negieren sie die Tatsache, dass Dinge immer schon schlecht gelaufen sind – und dass Kinder nur am Vorbild lernen können.“ Ein konkretes Beispiel: „Ein Kind zeigt auf dem Spielplatz etwas vor und will dafür die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern. Diese schauen aber nicht zu dem Kind, sondern auf das Smartphone. Dadurch bekommt es in den Augen eines Kindes aber eine ungeheure Macht: Das Smartphone muss also etwas unglaublich Wichtiges sein.“

Man müsse sich als Erwachsener sehr stark an der eigenen Nase nehmen und „sehr vorsichtig dabei sein, über die Jugend zu urteilen“.

Generell seien die Ansprüche an die Kinder gewachsen, betonte Plener. „Die Sorge, dass das Kind nicht ,performt‘ und dass es keinen guten Start hat in das Leben, ist sehr gegenwärtig.“

Der Druck beginne schon im Kindergarten, sagt Bienenstein: „Der Tagesablauf ist sehr strukturiert. Es gibt wenige Betreuungspersonen, viele Kinder. Viele Anforderungen müssen erfüllt werden. Für kleine Kinder ist das sehr herausfordernd, das stresst alle sehr. Die Pädagoginnen stehen unter großem Druck.“ Plener ergänzt: „Für ihre Leistung – sie sollen fördern, gleichzeitig aber auch Sicherheit und Geborgenheit vermitteln – verdienen sie viel zu wenig.“

Veranstaltungshinweis:

Der nächste Gesundheitstalk findet am 27.11. zum Thema „Der Darm als sensibles Organ“ statt. Um die Darm-Hirn-Achse wird es dabei ebenso gehen wie um  Nahrungsmittelunverträglichkeiten.  Veranstalter sind der KURIER, die Medizinische Universität Wien und die Pharmafirma Novartis.

Veranstaltungsort:

Van-Swieten-Saal der MedUni Wien, Van-Swieten-Gasse 1a (Ecke Währinger Str.), 1090 Wien, 18.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.