Mehr als Babyspeck

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Gesund
07/02/2019

Generation fett: Wenn Babyspeck bleibt und zur Epidemie wird

Ärzte schlagen Alarm und fordern einen Aktionsplan, denn aus dicken Kindern sollen keine kranken Erwachsenen werden.

Stephanie Matejka freut sich ganz besonders auf die Ferien. Der Grund: „Da nimmt mein Sohn immer ab.“ In der Schule sei das Angebot an Speisen, die für zusätzliche Kilos auf den Hüften sorgen, dagegen riesig: „Oft hat mein Sohn sich eine Pizzaschnitte gekauft und das Jausenbrot mit nach Hause gebracht“, erzählt sie verärgert.

Dabei ist gerade die Schule der Ort, an dem Kinder lernen sollten, wie man sich so ernährt, dass es schmeckt und doch gesund ist. Davon ist Kurt Widhalm überzeugt. Der Kinderarzt ist Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin. Nicht nur er blickt mit Sorge auf die Statistik, wonach fast die Hälfte aller Männer in Österreich zu viele Kilos auf die Waage bringt. Bei den Frauen ist es immerhin jede Dritte (siehe Infokasten unten).

Tickende Zeitbombe

Nicht nur in Österreich, sondern auf der ganzen Welt werden Übergewicht und Fettleibigkeit zu einem Massenphänomen. Für Johannes Steinhart, Obmann der niedergelassenen Ärzte, „tickt da eine Zeitbombe, die gesundheitliche, aber auch gesundheitspolitische und -ökonomische Folgen hat.“ Im Klartext: Die Menschen erkranken häufiger an Diabetes Typ 2, bekommen Gelenks- und Herzprobleme.

Das alles belastet natürlich das Gesundheitssystem massiv. „Einen adipösen Menschen zu behandeln, ist kompliziert und wenig erfolgreich“, weiß Steinhart aus Erfahrung. „Auch weil es Übergewichtigen oft schwerfällt, selbst aktiv zu werden. In der Praxis habe ich schon Patienten erlebt, die fordern, dass der Arzt etwas tun soll“, berichtet Widhalm. „Doch wir können nur unterstützen.“

Schon früh anfangen

Deshalb ist die Vorbeugung so wichtig. „Doch bisher geschieht ziemlich wenig“, sagt er in Richtung Politik und fordert: „Wir brauchen endlich einen nationalen Aktionsplan, um diese Epidemie einzudämmen.“ Ein Expertenkomitee soll diesen ausarbeiten, auch weil die Weltgesundheitsorganisation WHO bis zum Jahr 2020 von den Staaten entsprechende Konzepte einfordert. Viel Zeit bleibt da nicht. Widhalm und Steinhart haben schon eine Idee, was Teil eines Konzepts sein könnte:

- Mutter-Kind-Pass:Den könnte man bis zum 17. Lebensjahr ausweiten und um Fragen des Gewichts und des Ernährungsstils ergänzen.

- Schulärzte:Deren Daten sollten besser ausgewertet werden, sodass man gezielt reagieren kann, wenn an einem Standort besonders viele Kinder fettleibig sind. Übrigens: Wer gedacht hat, das sei nur ein Problem von – vor allem bildungsfernen – Stadtkindern, der irrt: In ländlichen Gebieten gibt es global gesehen mittlerweile mehr übergewichtige Kinder.

- Mehr Experten:Wer Kinder vor einem dicken Ende bewahren will, der muss psychologisch, medizinisch und auch ernährungswissenschaftlich ausgebildet sein – und auch wissen, wie wichtig Bewegung ist.

So ein Programm kostet natürlich erst einmal Geld – dafür spart man sich immense Folgekosten. Woher dieses Geld kommen soll? „Aus den Erlösen der Alkohol- und Tabaksteuer“, schlagen die Mediziner Widhalm und Steinhart vor.

Die Politik müsse zudem Druck auf die Lebensmittelindustrie machen. Widhalm nennt Zahlen aus Deutschland: „Dort werden jährlich 30 Milliarden Euro für Lebensmittelwerbung ausgegeben, und die Regierung soll mit einem Budget von gerade einmal 30 Millionen Euro dafür sorgen, dass Kinder nicht zu Chips und Limonade greifen.“

Gemüse statt Chips

Dass man den Kampf gegen die Kilos gewinnen kann, davon berichtet der 16-Jährige Fabian. Sein Rezept: „Viel Gemüse und wenig Beilagen – und die Hilfe der Mama, die nicht zu fett und zu süß kocht.“ Er hat ein Ernährungstagebuch geführt und isst jetzt anders. Sein Teller sieht nun so aus, wie er für Ernährungsmediziner ideal ist: Die Hälfte ist mit Obst und Gemüse belegt, ein Viertel mit Vollkornprodukten und der Rest mit – bestenfalls pflanzlichen – Proteinen. Mehr als 35 Gramm Fleisch pro Tag sollten es nicht sein.

320 Tausend  Menschen sterben  jährlich in Europa an den Folgen von Übergewicht.

52,2 Prozent  der österreichischen  Männer sind normalgewichtig.13 % übergewichtig, 26 % adipös und 6,5 % extrem fettleibig.

62,9  Prozent der österreichischen Frauen sind normalgewichtig, 20 % übergewichtig, 11,4 % adipös und 2,9 % extrem fettleibig. 2,9 % wiegen zu wenig.