30 Prozent der Buben in Österreich sind übergewichtig oder adipös.

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Gesund
03/18/2019

Übergewicht: Wie Eltern gegen die Kalorien ihrer Kinder kämpfen

Ernährungscoach Ursula Vybiral über den sinnvollen Umgang mit Süßigkeiten und wie man verhindert, dass Essen zum Feind wird.

30 Prozent der Buben in Österreich sind laut Ernährungsbericht 2017 übergewichtig oder adipös. Bei den Mädchen sind es 21 Prozent im Westen und 29 Prozent im Osten. In einer von Ernährungsmediziner Kurt Widhalm untersuchten Wiener Volksschulklasse lag die Häufigkeit von Übergewicht bzw. Adipositas bei 40 Prozent. Ernährungsberaterin Ursula Vybiral (easy eating) erklärt, wie Eltern damit umgehen sollen.

KURIER: Wir erleben derzeit zwei Extreme: Manche Eltern machen sich Sorgen wegen jedem Stück Zucker. Andere kaufen ihren Kindern ständig Ungesundes. Was ist sinnvoll?

Ursula Vybiral: Die Mitte ist sinnvoll. Wir Eltern sollten die Balance für die richtige Ernährung für unsere Kinder finden. Die Dinge im Kleinen enttabuisieren, damit wir sie im Großen prägen können. Lassen wir dafür den Kindern ihr Nutella auf der weißen Semmel im Hotel beim Frühstück, und ihr Cola, wenn sie krank sind.

Wie bekommt man als Familie eine gesunde Routine?

Ich verwende lieber das Wort „bewusste“ Ernährung als immer nur „gesund“. Denn gesunde Ernährung ist für die meisten Kinder ein Unwort, weil es Verzicht vermuten lässt. Bewusste Ernährung ist die Entscheidung, mehr Kluges als Schlechtes zu essen. Clean Eating ist eine Grundhaltung seiner Ernährung gegenüber – die Lebensmittel sind pur, so gut es geht, frei von Konservierungsstoffen und den diversen E-Nummern. Nehmen wir die Kinder mal auf den Markt mit, in den Supermarkt, zum Bäcker. Lassen wir sie das knusprige Brot aus vollem Korn selbst aussuchen. Man muss nicht kompliziert kochen! Auch eine Pizza ist „erlaubt“. Belegen wir sie selber, machen wir einen bunten Salat dazu.

Welche Unterscheidungen machen Sie beim Übergewicht?

Die Kinder sind arm, wenn sie dick sind. Sie leiden. Der Druck in der Schule ist groß, der Druck, schlank und sportlich zu sein ebenso. Eltern haben Stress, wenn das Kind zu dick ist und übertragen diesen Stress auf das Kind und machen dann leider genau das Falsche, nämlich Druck. Plötzlich heißt es: Iss das nicht, das ist zu fett, zu süß, zu viel. Die Kinder schämen sich und beginnen geheim zu essen. Sie isolieren sich, fühlen sich nicht mehr geliebt und füllen diese Leere wieder mit Essen. Der Teufelskreis hat begonnen. Essen tröstet, Essen füllt die Leere, Essen ist der einzige Freund und wird zum Feind.

Was raten Sie Eltern, deren Kind etwas übergewichtig ist?

Ich rate ihnen, bewusste Ernährung zum Familienprojekt zu machen und gleichzeitig das Kind zum Sport zu animieren. Eine Sportart zu finden, die dem Kind Spaß macht. Ich war ein etwas übergewichtiges Kind, mich hat man in einen Sportverein gesteckt, den ich hasste. Das ist kontraproduktiv. Am Wochenende Bewegung als Familie: Radfahren, Wandern, Schwimmen.

Lesen Sie bitte unterhalb der Info-Grafik weiter.

Was raten Sie Eltern, deren Kind massiv übergewichtig ist?

Einfühlsame Ärzte und eine Psychotherapie. Wenn ein Kind massiv übergewichtig ist, braucht es professionelle Hilfe. Das können die Eltern alleine nicht mehr schaffen. Ich empfehle, die Kinder bei den ersten Terminen zu begleiten. Es müssen kompetente und gefühlvolle Menschen sein, denn das Thema ist hochsensibel.

So errechnen Sie online den Body-Mass-Index (BMI) Ihres Kindes.

 

Wie mobilisiert man ein Kind, dass es nicht hinter dem Rücken der Eltern wieder Süßes in sich hineinstopft?

In dem man Geduld mit dem Kind hat und Vertrauen in die Machbarkeit der Veränderung. Projekte brauchen seine Zeit. Beschämen wir die Kinder nicht, wenn wir es merken, sondern finden wir heraus, was sie brauchen.

Was halten Sie von Diät-Camps?

Wenn diese Camps kompetent, gefühlvoll und mit einer Leichtigkeit gestaltet sind, halte ich sehr viel davon. Denn in der Gruppe lässt es sich leichter und spielerisch abnehmen. Man ist mal für ein paar Wochen weg, hat Spaß, hat abgenommen, fühlt sich gut – dann kann man als Eltern zu Hause das Familienprojekt „Bewusste Ernährung“ ins Leben rufen.

Gibt es einen Trick aus Ihrer Erfahrungs-Schatzkiste?

Wie schon erwähnt: Ein Familienprojekt daraus machen. Oft ist nur ein Kind übergewichtig und die Geschwister nicht. Die Kinder sollen sich unterstützt fühlen und nicht wie Außerirdische, die eine spezielle Behandlung brauchen.

Lesen Sie bitte unterhalb der Infografik weiter.

Service: Was tun, wenn das Kind dick ist?

Informationsstellen Die Wiener Gebietskrankenkasse hat mit dem Hanusch-Krankenhaus eine Online-Broschüre mit zahlreichen Tipps zum Thema „Übergewicht bei Kindern“ verfasst.

Mit ihrem Programm „Enorm in Form“ unterstützt sie stark übergewichtige Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren durch Ernährungsberatung, Sportangeboten und psychologische Begleitung (www.wgkk.at).

Auch andere Krankenkassen wie jene aus NÖ bietet Angebote bis hin zu Diätferien. Einen Überblick über Therapieangebote in ganz Österreich bietet die Adipositas-Gesellschaft im Internet unter www.adipositas-austria.org.

Tipp: Einen Body-Mass-Index-Rechner auch für Kinder und Jugendliche finden Sie hier.