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Gesund
09/11/2019

Ein Monat ohne Alkohol: Könnten Sie sich das vorstellen?

Für viele ist ein Monat Abstinenz eine Herausforderung. Wer es schafft, ist meist positiv überrascht, zeigen Studien.

von Ernst Mauritz

Einen Monat lang keinen einzigen Tropfen Alkoholisches trinken? „Das schaffe ich nicht“, sagen darauf viele. Doch international gibt es immer mehr solcher Initiativen: Derzeit ist es „Sober September“ (nüchterner September) – in den sozialen Medien als #soberseptember ein Thema – der KURIER berichtete. In Australien ist „Dry July“ populär, in Großbritannien „Dry January“. Der Psychologe Richard O. de Visser von der Universität Sussex hat mehr als 1700 Fragebögen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern am „Dry January“ ausgewertet.

KURIER: Was verändert ein Monat ohne Alkohol?

Richard O. de Visser: Die positiven Auswirkungen überwiegen in Summe eindeutig. Unmittelbar danach berichtete die Mehrheit der Studienteilnehmer, dass sie sich insgesamt besser fühlten, sich besser konzentrieren und schlafen konnten, mehr Vertrauen in sich hatten und auch ihr Trinkverhalten besser kontrollieren konnten. Viele fühlten sich auch energiegeladener. Andere Untersuchungen mit Blutbefunden haben gezeigt, dass sich die Cholesterin- und die Leberwerte verbessert hatten.

Veränderte sich danach der Alkoholkonsum?

Zunächst: Das Ziel eines solchen Monats ist ja nicht, dass später kein Alkohol mehr getrunken wird. Es geht um die bewusste Pause und eine bessere Kontrolle des Trinkverhaltens danach. 50 Prozent tranken danach so viel wie vorher, aber bei 40 Prozent ging der Alkoholkonsum zurück – im Schnitt um einen Tag pro Woche, in unserer Befragung waren das dann drei statt vier Tage, an denen alkoholische Getränke konsumiert wurden. Und an diesen drei Tagen wiederum sank die Trinkmenge im Schnitt um ein Getränk. Dieser Effekt war auch ein halbes Jahr später noch vorhanden. Nur bei zehn Prozent war der Alkoholkonsum im Februar leicht erhöht – das war im Wesentlichen ein Teil jener, die den alkoholfreien Jänner nicht durchhielten. Wobei rund zwei Drittel derer, die sich für „Dry January“ anmeldeten, nach eigenen Angaben auch tatsächlich alkoholfrei durch den Jänner kamen.

Viele, die mit der Idee „ein Monat ohne Alkohol“ konfrontiert werden, reagieren zunächst mit „unmöglich“. Was antworten Sie ?

Es ist ja tatsächlich so: Viele von uns haben Verhaltensweisen, die sie seit langer Zeit praktizieren: Immer ein Glas Wein oder Bier zum Essen, immer ein Glas am Abend, immer dasselbe Trinkverhalten am Wochenende. Meine Erfahrung ist, dass viele Teilnehmer am „Dry January“ am Anfang schon eine Motivation und Unterstützung aus ihrem Umfeld brauchen, aber dann sehr positive Erfahrungen machen: „Ich war Abendessen mit einem Freund und es war auch ohne Alkohol schön. “ Oder auch: „Ich war am Wochenende auf einer Party und ich konnte auch ohne eine Tropfen Alkohol lustig sein.“ Viele berichten auch, dass sie zwar immer geglaubt haben, dass sie das Glas Wein zum Einschlafen brauchen – aber dann gemerkt haben, dass sie nach dem Monat ohne Alkohol eigentlich besser schliefen.

Und welche Erfahrungen gibt es mit der Reaktion des Umfeldes?

Natürlich ist es leichter, wenn viele Menschen an so einer Kampagne teilnehmen. Aber es ist auch insgesamt weniger ein Thema, wenn man beim Ausgehen sagt, man trinkt jetzt ein Monat nichts als man trinkt nie mehr etwas. Und wer das Gefühl hat, er schafft wirklich kein ganzes Monat, der kann ja mit der WHO-Empfehlung beginnen: Zwei alkoholfreie Tage in der Woche einbauen.

Nüchtern sein: Lebensstil und Herausforderung

„Wir sehen einen Trend, dass junge Menschen weniger trinken. Das hängt auch mit einem steigenden Gesundheitsbewusstsein zusammen“, sagt der britische Psychologe Richard O. de Visser. „Das ist auch ein Lebensstil, so wie der steigende Anteil von Vegetariern und Veganern. Bei vielen Jungen ist das Bewusstsein heute einfach größer als früher.“ Gerade für junge Menschen sei es auch eine „Challenge“ sagt der britische Psychologe, eine Herausforderung: „Schaffe ich das ein Monat? Schaffen das die Freunde?“

Freilich gebe es heute auch bessere antialkoholische Alternativen:  Viele Bars bieten eine größere Auswahl an sogenannten Mocktails an (ein Kunstwort aus „Cocktail“ und dem englischen Wort „to mock“ – „nachahmen, vortäuschen“) – alkoholfreie Zutaten, meist Sirups, sollen den Geschmack der Spirituosen imitieren. „Und auch die Auswahl an alkoholfreiem Bier ist  ein viel größere geworden“, betont de Visser, „das macht es leichter“. In Dublin hat im Mai das erste alkoholfreie Pub eröffnet – The Virgin Mary. „Jeder Drink ist perfekt designt“, heißt es in einer Bewertung auf Facebook.

Auch in Österreich zeigt sich  ein Rückgang beim Alkoholkonsum von Jugendlichen: Tranken 2010 noch 48 Prozent der Burschen (9. und 11. Schulstufe) und 40 Prozent der Mädchen mindestens einmal pro Woche Alkohol, waren es 2018 nur noch 32 bzw. 26 Prozent. Das zeigt die neueste HBSC-Studie („Health Behaviour of School-aged Children“).  Dafür wurden die Daten von rund 7600 Schülern ausgewertet. Und auch der Tabakkonsum ist rückläufig.

 

80 % konnten ihr Trinkverhalten besser kontrollieren.

71 % schliefen besser.

71 % hatten das Gefühl, sich auch ohne Alkohol gut unterhalten zu können.

70 % empfanden ihren Gesundheitszustand generell als besser.

67 % fühlten sich energiegeladener.

57 % konnten sich besser konzentrieren.

54 % empfanden ihre Haut als schöner.