Gesund
12.11.2018

Immer öfter Diabetes bei Kindern: "Am Anfang ein Ausnahmezustand"

Die Zahl der Fälle von Typ-1-Diabetes steigt deutlich. Für Familien ist die Umstellung eine Herausforderung.

Sommer 2011: Thomas, damals elf Jahre alt, war mit seinen Eltern auf Urlaub. „Er hatte auf einmal ständig Durst, musste viel öfter auf die Toilette und war den ganzen Tag müde“, erzählt sein Vater Harald Führer. Innerhalb weniger Tage hatte er einige Kilos abgenommen. „Wir sind sofort nach Hause nach Graz gefahren.“Dort wird im Spital Typ-1-Diabetes diagnostiziert.

1600 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren sind in Österreich von dieser Diabetesform betroffen, die häufigste Stoffwechselerkrankung in dieser Altersgruppe. „Die Neuerkrankungen nehmen jährlich um 3,6 Prozent zu“, sagt Birgit Rami-Merhar, Leiterin der Diabetesambulanz der Kinderklinik am AKH Wien / MedUni Wien im Vorfeld des Weltdiabetestages (14.11.). „Die Ursachen dafür sind weitgehend unklar.“ Jedes dritte Kind wird zu spät diagnostiziert – wenn es bereits zu einer Stoffwechselentgleisung gekommen ist. Typ-2-Diabetes ist hingegen trotz Anstiegs bei Kindern immer noch selten.

Ausnahmezustand

„Eine Neudiagnose führt in einer Familie am Anfang immer zu einem Ausnahmezustand“, sagt Führer, der sich im „Verein für Diabetiker der Universitätskinderklinik Graz“ („Diabär“) engagiert. Auch in seiner Familie: „Wir waren zwar gut informiert, weil ein Freund von Thomas ebenfalls Typ-1-Diabetiker ist. Aber den Umgang mit Messgerät, Spritzen oder Pumpe muss man erst lernen. Und man muss sich zumindest anfänglich und je nach Therapie an fixe Essenszeiten halten. Die Kohlenhydrate in den Mahlzeiten – die sogenannten Broteinheiten – sind berechnen, um den Insulinbedarf anzupassen.“ Thomas ergänzt: „Naschen zwischendurch geht jetzt nicht mehr.“

Thomas trägt am Hosenbund eine Insulinpumpe, die alle fünf Minuten kleine Insulinmengen abgibt – sein Basisbedarf. Bei Mahlzeiten gibt er in ein kleines mobiles Gerät den zusätzlichen Insulinbedarf ein. Ein Sensor am Oberarm misst den Blutzuckerspiegel: „Pumpe und Sensor sind eine große Erleichterung im Alltag“, erzählt er. „Blutige Messungen sind viel seltener geworden und Insulin muss ich selbst so gut wie gar nicht spritzen.“

Harald Führer suchte von Anfang an das Gespräch: „Wir haben offensiv informiert und Thomas konnte dank engagierter Lehrer immer alles mitmachen. Es gab immer Verständnis. Aber ich kenne Beispiele, wo Kinder mit Vorurteilen und mangelnder Unterstützung konfrontiert sind“, sagt er.

„Es gibt immer wieder Fälle, wo sich Pädagogen vor der Verantwortung fürchten und die Kinder keinen Kindergartenplatz finden oder nicht an Schulveranstaltungen teilnehmen dürfen“, sagt Rami-Merhar. „Dabei dürfen sie unterstützen, es gibt keine persönliche Haftung mehr. Ich kann mich nicht erinnern, dass je etwas passiert ist.“ Ein Lösungsansatz wäre es, vermehrt spezialisierte mobiles Pflegepersonal einzusetzen, das die Pädagogen unterstützt. „Leider scheitert das oft an der Finanzierung.“

Tipp: KURIER-Thementage „ Diabetes“ vom 15. bis 17.11., beigelegt Ihrer Tageszeitung.

Typ 2: Viele Fälle wären vermeidbar

58 Millionen Menschen sind in Europa Diabetiker (700.000 in Österreich, zu 90 Prozent Typ 2), 2045 sollen es 67 Millionen sein – ein Anstieg um 16 Prozent. 50 bis 70 Prozent der Typ-2-Fälle wären durch Prävention (z.B. Gewichtsreduktion) vermeidbar,  sagt Alexandra Kautzky-Willer (MedUni Wien), Präsidentin der Österreichischen Diabetes-Gesellschaft (ÖDG).   Eine von zwei Erkrankungen bleibt lange unerkannt. Für bessere Früherkennung und Prävention haben die Diabetologen drei Forderungen:

Nummer eins. Derzeit wird bei der Gesundenuntersuchung nur der Nüchternblutzucker ermittelt. „Der wird aber oft als Ausreißer abgetan“, sagt Kautzky-Willer. Deshalb sollte der aussagekräftigere HbA1c-Wert (Langzeitzuckerwert, erlaubt eine Aussage über den Blutzuckerspiegel der vergangenen sechs bis acht Wochen) in die Vorsorgeuntersuchung aufgenommen werden.Damit lässt sich auch die Vorstufe von Diabetes (Prädiabetes – Blutzucker erhöht, aber noch kein Diabetes) erkennen – und gegensteuern.

Nummer zwei. Bereits jede zehnte Schwangere ist von Schwangerschaftsdiabetes betroffen: „Die Anzahl übergewichtiger Frauen in der Schwangerschaft steigt deutlich“, sagt Diabetologin Yvonne Winhofer-Stöckl, MedUni Wien. Um das Risiko der Mütter für späteren Typ-2-Diabetes zu senken, sollte drei Monate nach der Geburt ein routinemäßiger Zuckerbelastungstest im Mutter-Kind-Pass verankert werden.

Nummer drei. Mehr Aufmerksamkeit auf Übergewicht in der Jugend durch einen Jugendpass.

Info: Verschiedene Formen

Typ-1  Das Immunsystem richtet sich gegen jene Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die Insulin produzieren.


Typ 2 Die Bauchspeichledrüse produziert Insulin, doch  die  Wirkung (Zucker aus dem Blut in die Zellen zu transportieren) wird immer schwächer (Insulinresistenz).

Mischformen Werden ebenfalls häufiger. So gibt es junge, schlanke Patienten, die wie Typ-1-Diabetiker an schwerem Insulinmangel leiden, bei denen aber nicht das Immunsystem
involviert ist.