Gesund
28.10.2018

Akupunktur und Aromatherapie: Was bringen alternative Methoden?

Warum Heiler und alternative Angebote von Aromatherapie bis TCM gefragter sind denn je.

Die junge Frau, die monatelang die Kräutermischungen einer eingetragenen Energetikerin gegen eine schwere Infektion mit humanen Papilloma-Viren (HPV) einnimmt.

Die Bluthochdruckpatientin, die ihre Medikamente absetzt, weil eine Auspendelung ergeben hat, dass die Blutdrucksenker der Lebensenergie schaden sollen und zu einem rezeptfrei erhältlichen, homöopathischen Präparat greift.

Der Mittfünfziger, der seine allgemeine Schwäche auf Mangelerscheinungen zurückführt, und nach einem Gratis-„Bioscan“ mit mehr als einem Dutzend teurer Mikronährstoffe aus der Apotheke nach Hause geht, ohne seine Beschwerden beim Arzt abzuklären.

Oder die Brustkrebspatientin, die aus Angst vor Chemotherapien an einen Arzt gerät, der ihr stattdessen Vitamin- und Ozonspritzen verordnet.

Das sind nur einige Beispiele alternativmedizinischer Behandlungen, die der Mediziner Ashish Bhalla mit Patienten erlebt hat. Von selbst ernannten „Heilern“ über diverse Ausbildungen bis hin zu Ärzten, die ergänzend bestimmte Therapien und Techniken anwenden – Alternativmedizin boomt enorm. Kaum jemand, der nicht jemanden kennt, der schon dieses oder jenes ausprobiert hätte. Warum ist das so, wo doch die Erfolge und Fortschritte der modernen Medizin unbestritten sind – und die Therapien standardmäßig vom Gesundheitssystem bezahlt werden?

 

 

Die Gründe sind vielfältig. Ein Faktor ist, dass die Schulmedizin recht technisch ist und immer weniger Zeit für Patientengespräche bleibt. Durch den Anstieg an psychosomatischen Beschwerden und gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch Stress sind zunehmend andere Qualitäten gefragt. Und auch die Patienten selbst sind kritischer geworden, hinterfragen mehr. Dazu kommt: Auch die medizinische Welt ist kleiner geworden. Informationen sind im Internet leichter den je erhältlich – und jeder holt sich das, was eine vielleicht schon vorhandene Meinung verstärkt.

Mehr Anbieter

Auf der anderen Seite werden die Anbieter in dieser lukrativ gewordenen Branche immer mehr. Allein die Gruppe der bei der Wirtschaftskammer registrierten Energetiker ist heuer auf 18.000 gestiegen. Sie bieten ein buntes Spektrum von Ernährungsberatung über Bioresonanz-Therapie bis hin zum Auspendeln an.

Die Unüberschaubarkeit macht es immer schwerer, kompetente und seriöse, wirksame Angebote zu finden und nicht an Scharlatane oder Kurpfuscher zu geraten.

„Die systemischen Probleme der Schulmedizin treiben die Menschen zur Alternativmedizin“, sagt Ashish Bhalla. „Die Menschen suchen Ganzheitlichkeit, Geborgenheit – etwas, woran sie sich festhalten können. Die Bereitschaft, etwas anderes auszuprobieren, ist in den vergangenen 20 Jahren stark gestiegen“, ergänzt Yoga- und Meditationstherapeut Christian Wolf. Er arbeitet mit Bhalla in einer ganzheitlichen Praxisgemeinschaft in Sattledt (OÖ) und hat mit ihm ein Buch über die Gründe für den Trend zur Alternativmedizin geschrieben.

 

Zu Bhalla kommen Patienten, weil er neben seiner klassischen schulmedizinischen Ausbildung an der Universität Wien auch eine mehrjährige Ausbildung an der Europäischen Ayurveda-Akademie in Deutschland absolviert hat. „Ayurveda ist zwar ein richtiger Trend geworden, aber die klassische Ayurveda-Medizin ist noch nicht sehr verbreitet.“ Er sieht sich als Komplementärmediziner – und arbeitet ergänzend. „Bei einer Lungenentzündung ist häufig ein Antibiotikum notwendig und keine Kräutermischung. Da geht es um schnelles, effektives Eingreifen.“

Ausbildung

Alternative Methoden können aber durchaus ihre Berechtigung im Gesundheitswesen haben, gerade bei chronischen Beschwerden. „Manchmal kommt die konventionelle Medizin einfach nicht weiter“, sagt Christian Plaue, komplementärmedizinisch tätiger Arzt in Wien und im Vorstand des Dachverbands für ärztliche Ganzheitsmedizin. Er hat etwa bei chronischen Nebenhöhlenentzündungen oder ständigen Herpes-simplex-Infektionen gute Erfahrungen mit alternativen Methoden gemacht. Unter anderem setzt er auf die Homotoxikologie (Spezialform der Homöopathie, die das Immunsystem stärken und die Selbstheilungskräfte anregen soll, Anm.).

 

80 Prozent seiner Patienten sind aber Tumorpatienten – seit 25 Jahren behandelt er ergänzend zu Chemo- und Strahlentherapie. Damit sollen die negativen Begleiterscheinungen dieser Therapie gemildert werden. „Da gibt es wirklich sehr gute Erfolge. Die Lebensqualität verbessert sich – und auch die Chemo wirkt besser, wenn man die richtigen Substanzen verwendet.“ Daher gehört eine Behandlung in die Hände von Experten.

 

Denn das größte Problem in der Alternativmedizin: die mangelnde oder fehlende Ausbildung vieler Anbieter. Durch Erfolge fühlen sich viele bestätigt, sie neigen zu Selbstüberschätzung und erkennen ihre Grenzen nicht, findet Plaue. Bhalla betont ebenso: „Häufig fehlt medizinisches Basiswissen für die Anzeichen von schweren oder chronischen Krankheiten. In vielen Ausbildungen werden weder Indikationen noch Kontraindikationen gelehrt oder es wird zu wenig in die Tiefe gegangen“, betont Bhalla. Ähnlich argumentiert Plaue: „Wichtig ist, den gesamten Überblick zu haben, was im Körper abläuft – auch im Hintergrund. Weiß der Verordner etwa, ob ein Tee, der ‚gut für die Leber‘ sein soll, mit einzunehmenden Medikamenten interagieren kann?“ Manchmal könne schon die Einnahme vermeintlich harmloser Mittel kontraproduktiv sein. „Daher braucht es jemanden mit einer medizinischen Ausbildung, um alles richtig einzuordnen.“

Buchtipp

Ashish Bhalla, Christian F. Wolf, „Böse Heiler – Wie Sie Scharlatane in der Alternativmedizin erkennen“, Verlag
edition a, 20 €.