Genuss
10/29/2015

Unser Fleischkonsum zerstört die Welt

Österreich lebt EU-weit am ungesündesten. Das wirkt sich auch negativ auf die Umwelt aus.

Unsere Ernährung zerstört nicht nur uns selbst, sondern gleich die ganze Welt. Zwei Tage nachdem die WHO übermäßigen Fleisch- und Wurstkonsum krebsfördernd nannte, heißt es in einer Studie von WWF und Wirtschaftsuniversität Wien, dass Ernährung für ein Viertel des ökologischen Fußabdrucks in Österreich verantwortlich ist. Die Produktion unserer Nahrungsmittel verursacht pro Kopf und Jahr so viel CO2-Emissionen wie eine Autofahrt von Wien nach Peking – rechnet man die ganze Produktionskette von Düngemittelerzeugung und Tierfutterproduktion über Verpackung und Transport bis zu Kühlung und Abfallentsorgung mit ein.

Neben den Emissionen bindet unser aktueller Ernährungsstil aber noch mehr Ressourcen, betont Josef Eitzinger, Agrarmeteorologe an der Universität für Bodenkultur: "Für ein Kilogramm Rindfleisch braucht man 50.000 Liter Wasser. Für ein Kilogramm Mehl nur rund 400 Liter." Der hohe Fleischkonsum sei zwar nicht die größte, aber eine wesentliche Klimasünde. "Vor allem weil Fleisch, das wir essen oft von Tieren stammt, das mit Futter gefüttert wird, welches mit hohem Einsatz an fossiler Energie erzeugt wird, etwa Mais mit hoher Stickstoffdüngung, bzw. dessen Produktion zu Treibhausgasemissionen (z.B. Sojaimport aus Brasilien steht mit Regenwaldabholzung im Zusammenhang, Anm.) beiträgt."

Erst durch leicht verfügbare und günstige fossile Ressourcen sei laut Eitzinger Massentierhaltung möglich, die wiederum Basis des übermäßigen Fleischkonsums unserer Gesellschaft ist. "Die niedrigen Fleisch-Preise lassen sich letztlich auf die extremen billigen fossilen Energieressourcen wie Kohle und Erdöl zurückführen." Je mehr fossile Ressourcen wiederum eingesetzt werden, desto mehr CO2 erreicht die Atmosphäre.

Grafik: Die Ernährungs-Fakten

Allerdings ist gar nicht so sicher, ob wir wirklich viel mehr Fleisch essen als vor 30 Jahren. Christine Chemnitz von der deutschen Heinrich Böll-Stiftung ist für den regelmäßig publizierten Fleischatlas mitverantwortlich und erklärt die veränderte Relation von Verzehr und Verbrauch: "Der Verzehr von Fleisch in Deutschland stagniert bei jährlich rund 60 Kilogramm pro Kopf. Aber der Verbrauch ist gestiegen, liegt schon bei über 90 Kilogramm. Denn vor 30 Jahren haben wir mehr von dem geschlachteten Tier gegessen als heute." Die Zahlen für Österreich sind ähnlich, zeigt die aktuelle WWF-Studie, allerdings mit dem feinen Unterschied, dass Österreich wieder einmal den traurig-ungesunden ersten Platz einnimmt: Pro Kopf werden im Land 100 Kilogramm Fleisch jährlich geschlachtet, 65,3 davon werden verzehrt. Denn wir essen vor allem Filet, Brust und andere Gustostückerl, der Rest wird entsorgt. Ein Bruchteil wird auch zu Tierfutter verarbeitet.

Anonymes Schnitzerl

Alte Rezepte zu Innereien oder anderen "minderwertigen" Fleischstücken werden kaum noch verwendet. Noch problematischer sind für Expertin Chemnitz die Verhaltensweisen des Konsums. "Früher wurde Fleisch frisch an der Theke gekauft, heute zu 70 Prozent verpackt aus dem Regal. Wir haben den Bezug zum Tier verloren. Ein Stück Fleisch im Plastik ist anonym, die Wertschätzung geringer, daher tun wir uns leichter, viel wegzuwerfen."

Außerdem schlachten wir heute mehr Tiere, an denen salopp gesagt weniger dran ist. Das schlägt sich im Brutto-Verbrauch nieder, in den auch Knochen eingerechnet sind. "Geflügel steigt, Rindfleisch ist dagegen konstant oder leicht rückläufig." Huhn und Schwein sei in der Produktion billiger, erlaube der Fleischindustrie größere Gewinnspannen. "Und natürlich haben wir da einen starken Strukturwandel erlebt, es gibt kaum mehr kleine Viehzüchter." Die großen Betriebe haben eine stärkere Lobby und kommunizieren konsequent neue Ernährungsfakten, die langsam zu Gewohnheiten wurden – Stichwort Huhn ist gesünder. Gefördert wird der Trend zum Geflügel durch die Tatsache, dass in Schwellenländern der Fleischkonsum massiv ansteigt, und dort isst man vor allem das Federvieh.

Man kann Massentierhaltung durchaus zum Hauptschuldigen erklären, sowohl in Bezug auf unsere Gesundheit als auch auf Klimaschäden durch Nahrungsproduktion. Allerdings könne man das Problem laut Chemnitz nicht nur über politische Steuerung lösen: "Das eine geht nicht ohne das andere, wir brauchen auch den Bewusstseinswandel – der Konsum von Fleisch zu jeder Mahlzeit an jedem Tag ist kein Luxus. Luxus ist ausgewogene Ernährung. Und ein bis zwei Mal pro Woche Fleisch." Politische Maßnahmen brauche es vor allem gegen die Lebensmittelketten, die über Billig-Angebote Profit maximieren, unter dem schlussendlich alle leiden: Konsument, Bauer und Umwelt. "Derzeit gibt es glückliche Schweine und Hühner nur in der Werbung und in absoluten Nischen in der Produktion."

Dunkle Prognose

Eher schwarz sieht Josef Eitzinger von der Universität für Bodenkultur auch für die Zukunft, wenn der Trend zu mehr Fleisch anhält. Zwar sei eine Welt ohne Fleisch nur als Extrem-Szenario denkbar, aber durchaus möglich. "Für ein Kilogramm Fleisch brauche ich zehn Kilogramm pflanzliches Futtermittel. Wenn man kein Fleisch produziert, bleibt mehr Getreide übrig, wir würden also mehr Lebensmittel haben." Realistischer und durchaus auch effektiv wäre aber, wenn alle Menschen um die Hälfte weniger Fleisch essen würden.

Warum die Österreicher solche Fleischfans sind, ist nicht eindeutig zu beantworten. Eitzinger sieht unsere Fleischeslust auch klimabedingt. "In kühleren Klimaten wachsen einige Pflanzen wie Getreide nicht besonders gut. Dadurch muss man auf Gras ausweichen, das man nur durch Tiere veredeln kann. Wo Ackerfrüchte nicht gedeihen, gewinnt man durch Tiere Lebensmittel – daher essen die Leute dort mehr Fleisch."