© Screenshot / youtube / Sandra Backwinkel: www.kinderleichtkochen.com

Trend
02/25/2015

Partys für Küchenmaschinen boomen

Partys für Kerzen- und Plastikgeschirr waren gestern – jetzt boomen Verkaufpartys für Küchengeräte. Kosten: 1.109 Euro.

von Anita Kattinger

Auf die Einladung erfolgt zuerst ein Stöhnen: "Was? Das ist doch peinlich. Wie die Partys mit dem Plastikgeschirr." Die Kinder der Siebziger und Achtziger zucken heute noch bei dem Gedanken zusammen, dass fremde Menschen in den eigenen vier Wänden bunte Kerzen oder Plastikbehälter feilbieten. Sinnloser Smalltalk mit den Nachbarn und trockene Käsehäppchen verleiten die junge Generation nunmal nicht dazu, von ihren Smartphones aufzuschauen und ihren Hintern von der Vintage-Couch zu hieven. Wenn allerdings das Stichwort "Kochen unter Freunden" fällt, folgt doch so mancher Gast der Einladung. Unter Protest, versteht sich.

Gegenstand der Begierde im Jahr 2015 ist eine Hightech-Küchenmaschine des deutschen Herstellers Vorwerk. Der Thermomix gilt in Deutschland seit 1961 als kleines Statussymbol und hat sich mittlerweile in Wiens Bobo-Küchen vorgekämpft. Statussymbol ist keine Übertreibung, kostet die Küchenmaschine doch 1.109 Euro. "Der Preis kann sich jederzeit ändern", wie Direktvermarkterin Frau B. später bei der Thermomix-Party in Wien-Mariahilf mit einem entschuldigenden Lächeln erklären wird.

Wer den Begriff Thermomix auf youtube eingibt, findet 133.000 Videos. Alleine in Deutschland verkaufte Vorwerk 200.000 solcher Küchenmaschinen im Jahr 2013, weltweit waren es 840.000. Macht einen Umsatz in der Höhe von 800 Millionen Euro. Die Zahlen machen neugierig: Was kann das Gerät, was die Konkurrenz nicht kann? Und mit wie viel Peinlichkeiten läuft so eine Verkaufsparty ab?

Abwiegen, kneten und kochen

Über die Vorwerk-Homepage lässt sich per Kontaktformular Interesse bekunden, anschließend meldet sich die Vertreterin mit Anweisungen für die Party. Dinkel- oder Weizenmehl, Öl, Kristallzucker, tiefgekühltes Obst stehen unter anderem auf der bewältigbaren Liste. Es ist 12.30 Uhr, als die Direktvermarkterin an einem Samstag klingelt. Frau B., eine sympathische Mutter aus Stammersdorf, entert die Wohnung mit einem riesigen Sackerl, schließlich soll mit der Küchenmaschine ein dreigängiges Menü zubereitet werden. Nachdem sie alles ausgepackt hat – dankenswerterweise bereits geschnippeltes Gemüse – treffen die Gäste ein. Zuerst startet sie mit einem kleinen Vortrag, was das Gerät nun alles kann: abwiegen, zerhacken, rühren, kneten, dämpfen und kochen. Gimmick der neuesten Generation: ein digitales Kochbuch, das am Display die Kochschritte anzeigt. Da das Gerät mit einer Stoppuhr arbeitet und von selbst rührt, kann also das Risotto nicht anbrennen und der Koch muss nicht neben dem Herd stehenbleiben.

Frau B. ist geduldig, hat Spaß am Job. Sie macht Komplimente über die Wohnung: Ob ehrlich oder Verkaufsstrategie, bleibt offen. Jedenfalls trägt es zur Stimmung bei. Die Gruppe plaudert über das Grätzel. Danach zieht jeder Gast ein Kärtchen, auf der steht, welche Speise er zubereiten soll. Gleich zu Beginn soll das Eis zubereitet werden. Funktioniert wie mit einem Hochleistungsmixer – Zucker, Schlagobers und tiefgefrorene Früchte rein, mixen, fertig. Einziger Vorteil im Vergleich zu anderen Geräten: Das genaue Abwiegen der Zutaten erspart man sich dank eingebauter Küchenwaage. Der Behälter ist schnell ausgespült, kein mühsames Putzen. Nun lässt Frau B. den Teig für Baguette zubereiten: Wenige Sekunden dauert der Knetvorgang. Hier wieder die gleichen Vorteile. Beim anschließenden Rohkostsalat und Kräuteraufstrich zerhackt das Gerät mühelos Gemüse und Kräuter klein. Bis auf das Abwiegen noch kein Unterschied zu Geräten der Konkurrenz. Alle wollen das Gerät endlich kochen sehen.

Sie könnte einen Gebrauchtwagen verkaufen

Mit Spannung erwarten die Gäste also die Hauptspeise: Was kann nun das Gerät, das einen Preis von 1.108 Euro rechtfertigt? Die Stimmung ist gut, abwechselnd bereiten die Damen die letzten Schritte zu. Während unten im Behälter der Reis kocht, lässt sich mit einem Aufsatz das Gemüse darüber dämpfen. Für Frau B. ein klarer Vorteil. Streng genommen jedoch keiner: Ob nun zwei Töpfe auf dem Herd stehen und abgewaschen werden müssen oder der Thermomix an der Steckdose hängt, der Behälter und der Aufsatz abgewaschen werden müssen, ergibt noch keinen Kaufgrund. Am ehesten ist es noch ein Vorteil, dass der Reis und das Gemüse gleichzeitig fertig werden. Das könnte man natürlich auch am Herd so abstimmen.

Beim Essen ist die Stimmung heiter und gelöst. Die Gastgeberin urteilt positiv: "Für faule Hobbyköche wie mich eignet sich der Thermomix wegen des eingebauten Kochbuchs. Am besten gefällt mir, dass nichts anbrennen kann. Ich bleibe nicht gerne neben der Herdplatte stehen. Aber ob das den Preis rechtfertigt?" Bettina stimmt zu: "Der Preis ist hoch und die Kreativität kommt zu kurz." Caroline findet das Gerät praktisch wegen der eingebauten Waage, hat aber schon andere Geräte, die mixen oder hacken können.

Frau B. will wissen, wen sie die Woche darauf kontaktieren darf und teilt Formulare aus. Bettina schaut betreten. Sie und Caroline wollen nicht kontaktiert werden, für Frau B. kein Problem. Erst beim Verabschieden im Vorzimmer wird sie noch einmal nachfragen. Die Mitvierzigerin sieht aus, als könnte sie auch Radfahrern einen Gebrauchtwagen verkaufen. Diesmal hat das Verkaufsgespräch aber nicht geklappt.

So sieht der Thermomix aus

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