Genuss
06.10.2018

Was Sarah Wiener Politikern zum Essen servieren würde

Die Star-Köchin über Gerichte, die die Welt veränderten, Angela Merkel und perfekte Staatsbanketts.

„Unpackbar“. So salopp umreißt Kulinarik-Star Sarah Wiener die Geschichte eines Lammrückens. Nicht irgendeines Lammrückens, sondern eines „in der persischen Wüste“. Er wurde zur 2500-Jahr-Feier der Iranischen Monarchie serviert– ein verhängnisvolles Mahl, zumindest aus Sicht von Schah Reza Pahlavi (Näheres siehe unten).

Anekdoten wie diese serviert Wiener in ihrem neuen Buch „Geschichten, die die Welt veränderten“. Sie erzählt, was historische Persönlichkeiten bei wichtigen Ereignissen geschmaust haben – und was das für die Weltgeschichte bedeutete. Über die Faszination lebendiger Geschichte sprach Sarah Wiener mit dem KURIER.

KURIER: Wie kam es zu der Idee, Geschichten mit Gerichten zu verknüpfen? Sarah Wiener: Mich haben alte Kochbücher und Rezepte schon immer interessiert, wo man in Welten eintaucht, die man heute nicht mehr renaturieren kann. Weil es nicht mehr authentisch ist oder weil die Menschen nicht mehr daran interessiert sind, so zu essen, wie man vor 100 Jahren gegessen hat.

Mögen Sie Geschichte?

Ich bin an Geschichte schon immer interessiert gewesen, das war sogar mein Leistungsfach. Aber nicht an Zahlen und blutleeren runtergeratschten Ereignissen. Ich musste mir Geschichte immer vorstellen können. Sonst mochte ich sie nicht.

Wie lange haben die Recherchen für die alten Rezepte gedauert, das war wohl komplex?

Ja, Hochachtung vor den Kollegen. Die Recherchen waren mühsam und haben lange gedauert, weil sie solide belegt werden mussten.

Geht Politik oder gehen Erfindungen „durch den Magen“?

Brecht hat schon gesagt: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. Ich würde es prinzipieller sagen: Speisen waren sicher nicht direkt Auslöser. Aber hätte es die Küche allgemein nicht gegeben, hätten manche Erfindungen oder Ereignisse anders ausgeschaut. Wie man anhand der Geschichte des Schah von Persien sieht: Hätte er nicht dieses unglaublich opulente Festmahl gemacht, wäre er vielleicht länger an der Macht geblieben und nicht gestürzt worden. Essen kann Geschichte schon beeinflussen. Ohne neue Erfindungen, etwa die industrielle Nahrung, wäre es nicht möglich gewesen, zum Mond zu fliegen. Und die Konservierungsmöglichkeiten wurden weiterentwickelt, weil man darüber nachgedacht hat, wie man Essen für die Feldzüge konservieren kann. Aber dass Marie Curie so genial war, weil sie etwa Königsberger Klopse gefuttert hat, wäre zu simpel.

Was würden Sie Politikern servieren, um den Lauf der Welt positiv zu beeinflussen?

Naja, ich würde ein leichtes Essen machen und ein konventionelles, das jeder erkennt und jeden Gaumen trifft. Auch nicht zu viel Fleisch, weil es den Organismus belastet. Und keinesfalls zu viele harte Getränke oder Wodka, damit man sich am nächsten Tag noch erinnern kann, was man geredet hat. Und ich würde eine große Suppenterrine auf den Tisch stellen, damit sich die Politiker gegenseitig einschenken müssen. Ich würde auch keinen Tellerservice machen, sondern einen ganzen Braten servieren, den irgendjemand zerschneiden muss. Es würde dazu führen, dass man kommuniziert und den anderen bedient. Es schafft Nähe – und das Gefühl, dass wir alle aus einem Trog essen. Was vielleicht das Gefühl verstärkt, dass wir alle in einer Welt sind.

Im Vorwort bedauern Sie die geringe Frauenquote in der Rezept-Auswahl. Wenn Sie so ein Buch in 20 Jahren schreiben würden, von welchen Frauen müsste ein Gericht drinstehen?

Wahrscheinlich würde ich ein Rezept von Angela Merkel hineinnehmen, weil es doch sehr erstaunlich ist, wie sie im Gegensatz zu vielen aufgeplusterten, egomanischen Männern die Contenance behält und ihre Emotionen im Griff hat, wo doch Frauen immer zugeschrieben wird, sie seien hysterisch. Wie sehr diese Frau ihre politischen Entscheidungen vor ihre Befindlichkeiten stellt, ist eine große Leistung.

Welche Köche haben die Welt verändert – kulinarisch?

Die Franzosen haben in den vergangenen 100 Jahren die Nouvelle Cuisine erfunden. Die Drei-Sterne-Küche ist extrem von französischen Köchen geprägt – etwa Paul Bocuse und Alain Ducasse. Das sind Köche, die in Europa, dann durch die Globalisierung weltweit, einen Essstil vorgegeben haben

Ihre Lieblingsgeschichte?

Die vom Schah von Persien macht mich sprachlos. Zumal meine beste Freundin aus Wien Perserin ist. Ihr Vater war unter dem Schah Kulturattaché, er musste in Deutschland das Silberbesteck für diesen Wahnsinn besorgen. Tausende Besteckteile – und sie hat als Kind mit den meterlangen Rechnungen dafür gespielt. Ist das nicht unglaublich? Was ich auch lustig finde: Die Geschichte rund um die Eröffnung des Suezkanals und die ganzen Intrigen. Es ist spannend, wie persönliche Sympathie oder Antipathie den Weltlauf verändern – bei Tisch.