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Schächten
04/12/2016

A Schoafe mit Siaß'n, aber halal

Fleischer Sakir Turan über die Eröffnung von Wiens erstem Halal-Würstelstand.

von Anita Kattinger

"Animal lovers against halal" – auf einer Demo von Pegida-Aktivisten Anfang Jänner in Antwerpen ging es nicht nur um die Aufnahme von Flüchtlingen. Das Schächten von Tieren ist seit Jahren ein Reizthema und wird oft mit Zuwanderungsproblemen verknüpft. Erst im Dezember hatte der österreichische Lebensmittelkonzern Spar den Verkauf von Halal-zertifiziertem Fleisch wegen eines Shitstorms abgesagt. Der Markt – 574.000 Muslime leben in Österreich – wird hierzulande den Ethno-Supermärkten überlassen.

Derzeit sind in Österreich sechs Schlachthöfe für Rinder und einer für Geflügel vom heimischen Islamischen Informations- und Dokumentationszentrum Halal-zertifiziert. Sowohl im Islam als auch im Judentum werden Tiere geschächtet, um das Fleisch halal bzw. koscher zu schlachten. Darunter versteht man eine Schlachtung ohne Betäubung: Für rituelle Schlachtungen gibt es in Österreich mit Paragraf 32 eine Ausnahme imTierschutzgesetz. Die Tiere müssen nach dem Öffnen der Blutgefäße wirksam betäubt werden oder es muss eine Betäubung sofort nach dem Schnitt wirksam werden. Zudem ist die Anwesenheit eines Tierarztes während der Schlachtung vorgeschrieben.

A Wiener, halal!

Der kurdische Koch Sakir Turan möchte gemeinsam mit der Brunnenpassage, dem Kunst- und Sozialraum der Wiener Caritas im 16. Bezirk, einen mobilen Halal-Würstelstand im Juni eröffnen, wieDie Presseberichtete. Das Startkapital soll über die Crowdfunding-Plattformwemakeitaufgestellt werden, es fehlen noch rund 2000 Euro. Im Interview mit dem KURIER spricht Turan über seinen ersten Halal-zertifizierten Schlachthof und wie die Frankfurter ohne Schweinefleisch schmecken werden.
KURIER: Warum brauchen wir einen Halal-Würstelstand?
Sakir Turan:
Ich hab das erste Mal auf der Soho Ottakring(Anm. eine Kulturveranstaltung)von der Idee gehört und gefragt, ob ich mitmachen darf. Mir ging es darum, Menschen zu helfen: Wir schaffen mit diesem Projekt einen Arbeitsplatz für Flüchtlinge. Ein multikulturelles Miteinander. Jetzt kann ich mein Wissen weitergeben – ein Traum geht in Erfüllung. Mit meinem Wissen über gesunde Lebensmittel und Schlachten kann ich der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Kommen wir zum Schächten: Schafe sollen bis zu 40 Sekunden weiterleben nach dem Schnitt, sind das nicht unnötige Qualen für das Tier?
Nein, das stimmt nicht. Nach österreichischem Gesetz kommt der Tierarzt und dokumentiert das Schächten. Ein erfahrener Fleischer kennt sich aus, das Tier leidet überhaupt nicht. Ich habe es in meinem Schlachthof immer so gehalten, dass nach dem Stich das Tier mit Elektroschock betäubt wird. Ich bin Tierliebhaber, ich habe Hunde, Tauben und Hendln. Wir sind von Natur aus Fleischesser und auch ich bin von so manchen youtube-Videos geschockt. Wir leben in einer modernen Zeit und haben so viele technische Möglichkeiten, wie wir den Schmerz von Tieren lindern können.

Manche Gläubige legen das Schächten viel strenger aus und wollen die Tiere nicht betäuben...
Nein, nein, da bin ich dagegen. Das Tier darf nicht leiden und es darf auch nicht zusehen, wie andere Tiere leiden. Schächten ohne Betäubung hat mit dem Glauben, halal und Tierliebe nichts zu tun. Und ist in Österreich auch verboten.

"Beim rituellen Schächten werden in einem einzigen Schnitt die Luft- und Speiseröhre und die großen Blutgefäße durchtrennt."

Wie sieht eine Halal-Schlachtung aus? Stimmt es, dass das Tier nach Mekka ausgerichtet sein muss?
Der Schlachthof ist modern eingerichtet und wie jeder andere Schlachthof muss er tiptop und sauber sein. Halal bedeutet ja sauber, rein. Nach Mekka wird das Tier nicht ausgerichtet, aber es muss auf der Seite liegen, damit es schnell ausbluten kann. Beim rituellen Schächten werden mit einem sehr scharfen Messer in einem einzigen Schnitt die Luft- und Speiseröhre und die großen Blutgefäße durchtrennt. Es dürfen keine Nerven durchtrennt werden, man muss wie ein Chirurg arbeiten.

Sie haben als Erster in Österreich einen Halal-Schlachthof aufgemacht?
Ja, das war 2003. Meinen Schlachthof in Stockerau habe ich aber schon an die nächste Generation übergeben. Ich arbeite seit 40 Jahren in der Lebensmittelbranche: Zuerst als Koch, dann als Koch mit einem eigenen Restaurant(Anm: Kervannsay, im 5. Bezirk), später hatte ich ein Lebensmittelgeschäft und einen Kebap-Stand und habe das Fladenbrot selber gebacken, und dann hab ich als Fleischer mit eigenem Schlachthof gearbeitet.

Wann haben Sie zum ersten Mal ein Tier getötet?
1986 ein Lamm, damals gab es keinen Halal-Schlachthof in Österreich. Ein österreichischer Bauernhof hat für mich ein Auge zugedrückt. Ich lebe seit 1980 hier, aber ich habe unseren Geschmack im Koffer mitgebracht. Ich war damals nur Koch, noch kein Schlachter, aber ich hatte meinen Eltern in der Türkei oft zugesehen. Vor dem Schlachten habe ich viele Gespräche geführt, auch mit den Bauern. Der Akt selbst hat mich nicht extrem schockiert.

Fühlt sich das Töten beim ersten Mal anders an als beim 100. Schaf?
Nein, Beruf ist Beruf. Für einen professionellen Fußballer darf sich das 100. Match auch nicht anders anfühlen. Es muss immer alles fachmännisch ablaufen.

"Was ist halal? Rindfleisch ist halal, also auch die Österreicher essen halal."

Essen Sie selber Schweinefleisch?
Es gibt Rindfleisch-, Schweinfleisch- und Hirschgulasch: Als Koch hab ich immer alles gekostet. Ich bin ein Fachmann, natürlich hab ich Schweinefleisch immer berührt und auch damit gekocht. Ich bin nicht nach Österreich gekommen, sondern nach Europa. Es war klar, dass die Menschen hier anders reden, sich anders kleiden. Ich bin freiwillig gekommen und respektiere die österreichischen Gesetze und die Sprache. Ich kenne beide Kulturen und habe eine Mischung für mich gefunden.

Zu Hause kochen Sie auch mit Schweinefleisch?
Nur für Freunde. Ich schaue immer darauf, dass das Fleisch aus Österreich kommt. Unsere Gesellschaft übertreibt manchmal, das ist traurig. Wir leben im Überfluss und dürfen nicht vergessen, was unsere Vorahnen erlebt haben, und wie wenig Fleisch sie gegessen haben. Wir dürfen nicht jeden Tag Fleisch essen. Ich respektiere alle Religionen und alle Hautfarben. Ich will Leute zusammenbringen und nicht diskriminieren. Was ist halal? Rindfleisch ist halal, also auch die Österreicher essen halal.

"Warum Leute diskrimieren? Jeder soll sein Würstel bekommen."

Wie schmecken Frankfurter ohne Schweinefleisch?
Sehr gut, die kann ich Ihnen empfehlen. Fleisch ist Fleisch, sie werden kaum einen Unterschied schmecken, allerdings sind sie rötlicher in der Farbe. Ich bin Koch und habe früher selbst viel mit Schweinefleisch gekocht und wollte unbedingt die Würstel selber herstellen. Weil die Würstel ohne Schweinefleisch sind, haben sie weniger Fettanteil, Geschmacksverstärker kommen sowieso nicht hinein. Unsere Kinder essen zu viel Fett und bei den Fertigprodukten wissen wir nicht, was drinnen steckt. Wir machen auch vegane Würstel aus Brokkoli, Spinat, Karotten und Grieß oder Stärke zum Binden. Unsere vegetarischen Würstel bereiten wir mit Eiern und Joghurt zu. Warum Leute diskrimieren? Jeder soll sein Würstel bekommen.

Was sagen Sie dazu, dass Spar einen Rückzieher gemacht hat und nun doch kein Halal-Fleisch verkauft?
Das finde ich falsch. Ich habe früher auch Extrawurst und Krakauer verkauft. Der Kunde ist König. Wenn der Kunde etwas verlangt, dann muss er es kriegen. Es gibt einen Markt für Halal-Fleisch. Die anderen Kunden werden ja nicht zum Kauf gezwungen.

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