Viele Feigenarten haben eine enge Beziehung - zu ganz speziellen Wespen.

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Diskussion
10/28/2016

Dürfen Veganer Feigen essen?

Viele Arten benötigen Wespen zur Bestäubung. Diese können aber im Blütenstand versterben. Für manchen spanischen Veganer ist das ein Problem, für österreichische bisher nicht.

von Ernst Mauritz

Eigentlich sollte ja alles eindeutig sein: Feigen sind Früchte und Früchte sind vegan. Doch so einfach ist es eben doch nicht. In spanischen Medien ist die Frage kürzlich ausgiebig disktutiert worden: Sind Feigen "un producto vegano" - oder doch nicht?

Viele der Hunderten Feigenarten werden von Feigenwespen befruchtet. Quasi als Gegenleistung können die Insekten ihre Eier in den Blütenständen ablegen, in denen sie geschützt sind. In den winzigen Blütenständen entwickeln sich die Larven und ernähren sich von dessen Bestandteilen.

Allerdings: Beim "Hineinzwängen" in den Blütenstand verlieren die Weibchen oft Beine und Antennen - sie legen die Eier ab und sterben, ohne vorher herausgekommen zu sein.

Schon aus diesem Grund seien Feigen nichts für Veganer, argumentieren einige Vertreter dieser Ernährungs- und Lebensform. Und: Wer Feigen esse, fördere damit den Feigenanbau und nehme so bewusst den Tod zusätzlicher Wespenweibchen in Kauf.

Da mussten dann sogar Experten des Königlichen Botanischen Gartens in Madrid ausrücken, um einiges klar zu stellen: "Die Wespenbestände werden nicht geschädigt", wurde etwa der Spezialist Mariano Sánchez in El Pais zitiert: "Es handelt sich um eine Symbiose zum Nutzen beider. Die Wespen brauchen den Feigenbaum für ihre Fortpflanzung, und der Feigenbaum aus demselben Grund die Wespen." - "Der eine kann ohne den anderen nicht leben", sagt auch Harald Thiesz vom Bio-Feigenhof in Wien (siehe unten). Und: Es handelt sich um eine der ältesten Symbiosen der Welt.

Komplett zersetzt

Außerdem würden die Wespen in männliche Blütenstände hineingehen, die Feigen, die man isst, entwickeln sich aber aus weiblichen Blütenständen, betont Sánchez. "Natürlich kann es sein, dass eine Wespe auch einmal in eine weibliche Feige gerät, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist gering." Und auch dann würde man keine Wespe verspeisen: "Sie wird komplett zersetzt, und die Feige nimmt gewisse Nährstoffe auf - so, wie die Pflanze das mit den Nährstoffen aus dem Boden macht."

Überdies seien jene Feigenarten, die für die landwirtschaftliche Feigenproduktion verwendet werden, häufig nicht auf diese Art der Wespen-Bestäubung angewiesen, so die königlichen Feigenspezialisten aus Madrid.

Kein Problem für heimische Veganer

"Bei uns war das in der Community noch keine Diskussion", sagt Felix Hnat von der Veganen Gesellschaft Österreich. "Es gibt Richtlinien der Europäischen Vegetarischen Union, was vegan und was vegetarisch ist und als solches mit einem Gütesiegel ausgelobt werden darf", erläutert Hnat. "Und Feigen gelten als vegan, so wie jedes Getreide, Obst und Gemüse."

Auch bei anderen Obst- und Gemüsesorten habe man nie eine Garantie, dass hier keine Insekten sterben mussten. "Bei Veganismus geht es darum, das Vermeidbare zu vermeiden. Und wenn ich auf Fleisch verzichte, gibt es weniger Regenwaldrodung für Futtermittel, weniger Kohlendioxid-Ausstoß, weniger Tiere, die geschlachtet werden müssen. Beim Thema Fleischverzicht geht es um die Zukunft der Welt."

Und natürlich sei es immer ein Anliegen, Tierleid zu vermeiden: "Aber wenn sie keine Feigen essen, essen sie anderes Obst, und auch da kann es zum Tod von Insekten gekommen sein. Das wird man nie ganz verhindern können. Aber es geht immer auch um die Verhältnismäßigkeit."

Heimische Feigen ohne Wespenbestäubung

Keine Gedanken über Feigenwespen müssen sich Menschen machen, die zum Beispiel im Biofeigenhof von Ursula Kujal und Harald Thiesz in Wien-Simmering Feigenbäumchen, Feigen oder Feigenprodukte kaufen: "In Mitteleuropa ist es den Feigenwespen zu kalt. Wir haben 50 Feigensorten. Alle sind parthenokarp - das heißt, sie bilden Früchte ohne Bestäubung."

Die Saison frischer Feigen beginnt in Österreich Ende Juni mit den ersten Sommerfeigen und endet Ende Oktober mit den letzten Herbstfeigen. Bei den Sommerfeigen sind die Fruchtansätze schon im Herbst vorhanden, sie reifen im Frühjahr am vorjährigen Holz. "Die Fruchtansätze der Herbstfeigen bilden sich hingegen an den neuen Austrieben", erklärt Thiesz.

Manche Sorten sind nach den ersten zwei bis Jahren winterhart bis minus 20 Grad, andere müssen im Inneren bei Null bis zehn Grad überwintert werden. Ob es dabei hell oder dunkel ist spielt keine Rolle, da die Pflanzen im Herbst die Blätter verlieren.
Ursula Kujal und Harald Thiesz haben sich aber nicht nur auf Feigenpflanzen und frische Feigen spezialisiert, sie bieten auch zahlreiche - vegane! - Bio-Feigenprodukte im Glas an: Feigen Chutney, Feige mit Ingwer, mit Rosengeranie, mit Rosenweihrauch, mit Griechischer Bergminze sowie Feige mit Pinienrosmarin und Chili.
Darüberhinaus gibt es Feigensenf, eingelegte Feigen, Feigengeist und Feigenlikör.

Nähere Infos:

Feigenhof, 1110 Wien, Am Himmelreich 325 (Freitag 14-18 Uhr, Samstag 10-17 Uhr bis Weihnachten)
Telefon: 0664/4224480, Internet: www.feigenhof.at

Alles über die gesunden Inhaltsstoffe von Feigen lesen Sie bitte hier:

Was ist gesünder: Getrocknete oder frische Feigen?