Na-mann-ste: Wieso Yoga für Männer besonders vorteilhaft ist
Zu sanft, zu spirituell, zu wenig Wettbewerb. Yoga gilt immer noch als Frauensport – zu Unrecht. Die beste Performance erreichen wir nicht durch Krafttraining alleine. Warum auch Männer den Tag öfter mit dem Sonnengruß beginnen sollten.
Ein aufrechter Stand, die Füße verwurzelt, die Hände vors Herz. Drei Mal tief einatmen, der Blick ist dabei sanft, die Augen vielleicht sogar geschlossen. Schultern fallen lassen. Es ist der typische Beginn einer Yogastunde. Und die Person, die bei dieser Beschreibung am häufigsten vor dem inneren Auge erscheint (außer Sie haben sich von der Illustration leiten lassen), ist wohl eine Frau.
Beim Wort Yoga denken wir heute schnell an lavendelfarbene Leggings von Lululemon, klirrende Armreifen zum Sonnengruß und junge, schlanke Frauen, die am Strand von Bali eindrucksvolle Verrenkungen vorführen.
Vier Fünftel der Yogapraktizierenden sind Frauen.
©Dash - FotoliaDas ist nicht verwunderlich. Obwohl im vergangenen Jahrzehnt die Yogabeteiligung von Männern laut dem School Yoga Institute um 150 Prozent gestiegen ist, sind weltweit immer noch vier Fünftel der Yogapraktizierenden Frauen.
Dabei sind die Vorteile dieses Sports auch für Männer längst bewiesen – körperlich wie mental, erläutert die Wiener Yogalehrerin Ines Faber, die in ihrem Studio in Wien-Mauer gezielt auch Männer anspricht: „Auf rein physiologischer Ebene haben Männer weniger Flexibilität im Beckenbereich.“ Übungen wie die Heldenposition (eine kraftvolle Standhaltung) oder die Taube (ein tiefer Hüftöffner) bringen Dehnung und Beweglichkeit.
Vermeintlich passiv
Doch der Bereich, der Männern in ihren Kursen oft am schwersten fällt: Pranayama, also Atemübungen. Ruhige, vermeintlich passive Sequenzen, die wichtig für den Energiehaushalt und ein bewusstes Loslassen sind.
Ines Faber ist Yogalehrerin in Wien-Mauer.
©Paul Wienerroither„Im Yoga“, sagt Faber, „geht es um Balance. Um einen Ausgleich zwischen Kraft und Flexibilität, aber auch um ein Gleichgewicht auf mentaler Ebene.“ Die Praxis beruhigt das Nervensystem, lindert Angst, Stress, negative Gedanken. „Es hilft also für ein ganzheitliches Wohlbefinden – das ist für Männer ebenso wichtig wie für Frauen.“
Bereits vor zehn Jahren hat Ines Faber die Männermannschaft des Wiener Fußballklubs Admira Wacker mit Yogaübungen gestärkt. „Im Hochleistungssport liegt der Fokus oft einzig auf dem Training. Aber wer nur auf Krafttraining setzt, trainiert einseitig.“ Yoga lehrt, mit den eigenen Energien besser hauszuhalten, eine positive Grundstimmung beizubehalten, den Atem kontrolliert einzusetzen. Passivität, die wir mit Ruhe verbinden, wird in unserer kompetitiven Leistungsgesellschaft gerne mit Faulheit gleichgesetzt, doch wer nicht nur die aktivierenden Yang-, sondern auch entspannenden Yin-Elemente übt, wird resilienter.
Gerne ignoriert aber äußerst effektiv: die ruhigeren Yin-Elemente von Yoga.
©Getty Images/VII-photo/IStockphoto.comEin Beispiel: Die Heldenposition II einzunehmen, ist nicht anspruchsvoll: ein weiter Schritt, der hintere Fuß wird dabei um fast 90 Grad gedreht, das Becken eingerollt, die Arme ausgestreckt und der Blick in der Verlängerung des Mittelfingers nach vorne gerichtet. Doch wer hier für vier, fünf tiefe Atemzüge bleibt, bemerkt eine Ruhe, die konträr zum Lümmeln auf der Couch ist: fokussiert, konzentriert, kraftvoll.
Ursprünglich männlich
Dass sich Yoga in den vergangenen Jahrzehnten so stark in einen Frauensport gewandelt hat, wundert Ines Faber manchmal: „Das ursprüngliche Yoga stammt schließlich vor allem aus der Männerwelt. Die ersten Yogis in Indien waren Männer. Viele der Übungen sind männlich geprägt, sehr anspruchsvoll und nicht auf den zyklischen Frauenkörper ausgelegt.“
Auch heute sind viele der berühmtesten Yogis weiterhin Männer: der 68-jährige Sadghuru ist Begründer der Isha Foundation, Sri Dharma Mittra gilt als Guru des modernen Yoga.
In Indien ist Yoga sehr männlich geprägt.
©APA/AFP/IDREES MOHAMMEDIn den sozialen Medien sind hingegen andere Namen präsenter. Die Texanerin Adriene Mishler, bekannt als „Yoga with Adriene“, inspiriert mit ihrem Hund Benji auf YouTube 13,6 Millionen Abonnenten. Die deutsche Influencerin Mady Morrison teilt ihre Yoga-Einheiten mit 4,1 Millionen Subscribern. Und Kino MacGregor machte mit ihren Büchern, Workshops und Social Media ihre Ashtanga-Tradition berühmt.
Eine der größten Hürden, die die laut Deakin University in Melbourne Männer davon abhält, das Yogastudio aufzusuchen, ist fehlender Mut. „Yogastudios“, sagt Melissa O’Shea, außerordentliche Professorin an der School of Psychology an der Deakin University, „werden oft als Frauenräume wahrgenommen“. Das empfänden manche Männer als einschüchternd. Es sei ihnen peinlich mit Frauen zu trainieren.
Vorbilder gefragt
„Männer brauchen Vorbilder“, appelliert auch Professor Jonathan Y Cagas von der University of the Philippines im American Journal for Men’s Health. Seine Studie ergab, dass Männer eher mit dem Yoga beginnen, wenn sie Zugang zu männlichen Vorbildern haben, über die Vorteile von Yoga aufgeklärt sind und die körperlichen Vorteile am eigenen Leib erfahren.
Skepsis hat den Wiener Physiotherapeuten und Osteopathen Christoph Lauber jedoch nie vom Yoga abgehalten.
„Yoga war für mich immer positiv behaftet. Aber ich habe mir lange Zeit nicht die Zeit dafür genommen. Im Zweifelsfall bin ich dann doch ins Fitnessstudio gegangen.“ Erst als ihn eine Verletzung vor einigen Jahren dazu zwang, ein wenig langsamer zu schalten, meldete er sich bei Ines Faber zu einer Stunde an. Seitdem bucht der 47-Jährige nicht nur eine Yogastunde pro Woche, sondern hat mehrere Yogaübungen – wie Katze & Kuh (runder Rücken im Wechselspiel mit leichtem Hohlkreuz) oder den Scheibenwischer (die angewinkelten Beine nach links und rechts fallen lassen) – in sein allgemeines Warm-up integriert. „Ich merke, wie gut es mir tut. Meine sportliche Performance verbessert sich, meine Atmung ist bewusster, meine Muskeln sind beweglicher.“
Christoph Lauber leitet zwei Therapiezentren in Wien und Niederösterreich.
©PrivatAls Leiter zweier Therapiezentren in Wien und Niederösterreich sieht er vor allem bei Männern ein Beweglichkeitsdefizit. „Deshalb empfehle ich Yoga mittlerweile häufiger auch meinen Klienten.“
Und er ist nicht der einzige. In den USA werden Heldenposition und Lotussitz beim „Veterans Yoga Project“ dazu eingesetzt, posttraumatische Stressstörung zu lindern. Die „Bro-Ga“-Community bringt Sonnengruß und Taube ebenfalls gezielt an den Mann. Und Ines Faber bietet demnächst einen Yogakurs in einer Autowerkstatt an.
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