Larry David: Der Mann hinter Seinfeld sudert wieder
Larry David bleibt der König der Querulanten, auch wenn die Serie „Leben, Larry und das Streben nach Unglück“ polarisiert. Seit Seinfeld verarbeitet er sein Leben zu Comedy.
Die Figuren sind ja immer irgendwie am Schreien. Nie passt irgendwas. Sogar bei der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung nicht. Da steht ein Mann mit Brille und Perücke auf und will die Entstehung mit absurden Anliegen sabotieren, bei denen man sich ans Hirn greift: „Es sollte verboten sein, einen Regenschirm zu teilen!“ Tiefes Atmen im Freien sollte auch verboten sein, weil es blöd aussieht.
Noch bevor der erste Sketch der historischen Comedyshow Leben, Larry und das Streben nach Unglück (HBO, im Original: Life, Larry and the Pursuit of Unhappiness) losgeht, erklärt Ex-US-Präsident Barack Obama im Intro, wohin die Reise der Sendung zum 250-Jahre-USA-Jubiläum gehen soll: Amerika, sagt er, sei historisch gesehen oft genug „mürrisch, kleinlich, egoistisch und geizig gewesen. Und seien wir ehrlich: Manche von uns finden immer etwas zu schimpfen“.
Larry David ist der perfekte Grantler
Und genau dafür ist Larry David der perfekte Mann. Grantler, Suderanten, Querulanten, diese Spezies Mensch, die in entscheidenden Momenten nicht hilft, sondern garantiert im Weg steht, hat der Komiker, Drehbuchautor und Schauspieler einfach perfekt drauf.
Er brüllt als dritter der Gebrüder Wright herum, weil er im ersten Flugzeug ausgerechnet den Mittelsitz erwischt. Und im nächsten Moment spielt er einen Soldaten im Ersten Weltkrieg, der sich stur weigert, der Verlobten eines Kameraden dessen Brief zu übergeben, falls der im Einsatz fällt. Dazu gibt’s eine ganze Riege prominenter Mitspieler: Jon Hamm, Vince Vaughn, Bill Hader, Isla Fisher, Kaley Cuoco, Jane Krakowski und Jerry Seinfeld.
Das kürzlich gestartete Leben, Larry und das Streben nach Unglück produziert von Barack und Michelle Obama mit ihrer Firma Higher Ground Productions, ist im Grunde sowas wie Lass es, Larry! (auf Englisch: Curb Your Enthusiasm), aber halt im Historienkostüm. In der HBO-Serie, die von 2000 bis 2024 lief, gab Larry David den grantigen Autor, der grundsätzlich einmal gegen alles ist. Er spielt darin eine fiktionalisierte Version seiner selbst: Durch Serienruhm schwer wohlhabend geworden, hat er genug Zeit, um seinen Mitmenschen in Los Angeles so richtig konsequent auf die Nerven zu gehen. Mit an seiner Seite: jede Menge Promis. Unter anderem Martin Scorsese, Ben Stiller oder Mila Kunis.
Die Show „über nichts“ war die beste
Die Kritiken zum historischen Nachfolger waren verhalten. Aber man sollte womöglich ein, zwei Augen samt Hühneraugen zudrücken. Und eines nicht vergessen: Der Mann hat der Welt Seinfeld (zu sehen auf Netflix) beschert! Diese Show „über nichts“, die von 1989 bis 1998 lief und stets unter die besten Serien aller Zeiten gewählt wird.
Auch wenn die Serie wie der zweite Verantwortliche Jerry Seinfeld heißt: Ohne Larry David wäre sie nie das geworden, was sie war. Vor der Kamera war er, abgesehen von ein paar Gastauftritten, kaum zu sehen. Aber im Hintergrund war er nicht nur als Drehbuchschreiber stark präsent. Die Stimme des schnell sprechenden New-York-Yankees-Bosses George Steinbrenner kam von ihm.
Ohne Larry David gäbe es „Seinfeld“ nicht. Und den Charakter George (2.v.l) auch nicht
©NBCUniversal via Getty Images/NBC/Getty ImagesUnd auch der cholerische, erfolglose und fiese George Costanza basiert zu großen Teilen auf dem Privatleben von David, das durch den Comedy-Fleischwolf gedreht wurde. George versucht sich als BH-Verkäufer, David war zeitweise BH-Verkäufer. George kündigt und kommt am nächsten Tag wieder, als wäre nichts gewesen. David machte das als Autor bei der Late-Night-Sketch-Show Saturday Night Live.
Und weil bei David sowieso viel ineinanderfließt, wurde er später bei Saturday Night Live zur politischen Figur: als Bernie Sanders mit der „Gleich explodiere ich“-Tonart. Das Lustige daran: Sanders ist mit ihm sogar weitschichtig verwandt.
Dieser Film floppte an den Kinokassen
Am Höhepunkt des Erfolgs stieg er nach der siebten Staffel bei Seinfeld aus. „Nein, es war kein Burn-out“, sagte er einmal in der Talkshow „60 Minutes“. „Ich wollte jetzt etwas Neues ausprobieren.“ Also versuchte er es mit Kino: Er schrieb das Drehbuch und führte Regie bei Sour Grapes (auf Deutsch: Jackpot – Krach in Atlantic City), einer Story über einen Jackpot-Gewinn und ziemlich schlechte Entscheidungen. Blöd nur: Offenbar war der Film selbst auch eine davon. Bei den Kritikern ging das Ding baden. Und auch an der Kinokasse floppte es.
Da könnte er schon fast leidtun. Aber man darf mit ihm dann doch auch härter ins Gericht gehen. Bis heute ist er der Einzige aus dem Team (und womöglich auf diesem Erdenrund), der das Seinfeld-Serienfinale grandios findet. Immerhin kam er nach seinem Ausstieg zurück und schrieb dieses Ende. Zur Erinnerung: Die vier Hauptfiguren müssen in Massachusetts vor Gericht, weil sie gegen ein Gesetz zur Hilfeleistung in Notfällen verstoßen haben.
Und dann wird’s erst richtig unangenehm: Im Prozess marschiert noch einmal gefühlt das komplette Seinfeld-Universum auf. Vom Suppen-Nazi bis zur Frau, die einfach immer zu leise spricht. Alle erzählen, wie sehr sie unter dem Verhalten der Vier gelitten haben. Das Urteil: schuldig – wegen Egoismus, Unreife und Gier. Ab hinter Gitter für ein Jahr. Geläutert wirken sie in der Haft aber nicht. Das Magazin Rolling Stone hat die Folge 2015 jedenfalls ziemlich uncharmant zu den schlechtesten TV-Finali aller Zeiten gezählt.
Immer wieder Seinfeld
Dass das alles offenbar noch nicht ganz verarbeitet ist, zeigt David in der Seinfeld-Folge von Lass es, Larry!. Da geht’s um eine fiktive Seinfeld-Reunion-Show – und dafür wurde wirklich tief in die Nostalgie-Kiste gegriffen: Die Original-Kulissen wurden wieder hervorgeholt, Jerrys Wohnung und Monk’s Café sahen aus wie damals. Und auch sonst war das wichtigste Personal wieder an Bord. George, Jerry, Kramer und Elaine. Sogar Wayne Knight taucht als schräger Postler Newman wieder auf.
Und als ob das nicht genug war: das Serienfinale von Lass es, Larry! hieß: „Nichts dazugelernt.“
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