© APA/dpa/Karl-Josef Hildenbrand

freizeit
09/13/2019

Willkommen zur größten Party der Welt: Oktoberfest in München

München muss sein. Der Gaudi und der Weißwürscht wegen, aber auch wegen dem spannenden Nebeneinander von Tradition und Trends.

von Bernhard Praschl

Ja, sind wird da in Monaco, oder was? Auf der Einkaufsmeile Maximilianstraße cruisen Luxuskarossen hinter Nobelhobel, Winke Winke und Bussi Bussi zu allen Seiten inklusive. Man könnte meinen, es handle sich um das Casting für die TV-Show „Wer wird Milliardär?“. Oder der ganze FC Hollywood, äh, Bayern belohnt sich nach dem Training mit einem Kaufrausch.

Nein, es sind ganz normale Schickimickis, die hier ihre Spielzeuge spazieren führen. Und die gehören zu München wie eine Maß Bier zum Frühschoppen. Aufsehen erregen sie kaum, zumindest bei den Einheimischen nicht. Denn die sind einiges gewohnt.

Weltstadt mit Herz
Von der barocken Lebenslust des Königs Ludwig II. über die schrägen Pointen eines Karl Valentin bis zur Keilerei der Ober-Stones Mick Jagger und Keith Richards um  Fotomodel Uschi Obermair in einer Münchener  WG-Küche ist es ein weiter Weg. Sicher. Aber möglich war er nur hier, in der „Weltstadt mit Herz“.

Ja, das geht schon was weiter

Ja, da geht schon etwas weiter. Und das Geld liegt in der bayerischen Metropole tatsächlich auf der Straße. Nicht nur rund um den Promenadenplatz mit dem Bayerischen Hof, der Fünf-Sterne-Herberge mit den illustren Namen von Kaiserin Sisi bis zu den Prominenten  dieser Tage im Gästebuch.

"Boarisch" geht immer

Jo mei, bei all diesen Hochglanzansichten traut man sich fast nicht mehr „Minga“ sagen wie die Einheimischen. Aber „boarisch“ geht hier immer. Denn gerade München hat etwas quer durch alle Regionen und Schichten Verbindendes: Zum Beispiel dass man sich beim Essen und Trinken nicht so gschamig gibt wie unsereins.

Es macht direkt eine Freude, dabei zuzusehen, wie sie an ihrem Heiligtum zuzeln, der Weißwurst. Am besten sucht man für dieses Schauspiel die Metzgerei Gaßner auf. Denn dort, in der Zenettistraße im Schlachthausviertel, werden  die zuvor von der Münchner Metzger-Innung prämierten besten Weißwürste verkostet.

Heiliger Frühschoppen

Ein Tipp: Wenn sich der Appetit erst zu Mittag meldet, ist es bereits  zu spät. Die Weißwurst ist was fürs Frühschoppen und der ist in Minga heilig. Wenn Sie’s rechtzeitig zum Marktstüberl vom Gaßner schaffen – muss ja nicht sechs in der Früh sein, da sperrts schon auf – müssen Sie aber darauf gefasst sein, dass auch andere glauben, dieser Geheimtipp gehöre ihnen allein. Die Amerikaner nämlich.

Die waren ja zuvor  schon  „awesome!“ angetan von der bayerischen Landeshauptstadt. Aber seit die „New York Times“ Anfang des Jahres München unter die 52 sehenswertesten Orte der Welt gereiht hat, sind Mr. & Mrs. Smith heuer vermutlich  noch  üppiger  vertreten. Besonders zum Oktoberfest.

Flexibel zum Fest

Gerade auf der Wiesn - heuer vom 21. September bis zum 6. Oktober - zeigt sich, wie flexibel die Münchner sind. Es sind nämlich nicht nur der Schweinsbraten und die Maß Bier – heuer kommt  sie übrigens auf 10,80 bis 11,80 Euro – ein Renner, sondern auch das Grillhendl. Und das  aus einem historischen Grund. Anno 1881 eröffnete auf der Theresienwiese die größte Hendl-Braterei der Welt. Tradition ist Trumpf hier, also kosten wir auch davon.

Gut, dass man die Düfte, die über der Festwiese schweben, nicht  per Smartphone einfangen und verschicken kann. Es würden ja noch mehr Gäste kommen. Im Vorjahr waren es  6,3 Millionen in den drei Wochen. Mit einem Wort:  Ausnahmezustand!

Was glauben Sie, wie viel Maß Bier flossen dabei  die Kehlen runter? Damit wir uns richtig verstehen: Eine Maß ist ein Liter, also nicht wenig. Knapp acht Millionen Maß Bier wurden 2018  auf der Wies’n getrunken. Sagen wir so: Verdurstet ist hier noch niemand.

Ein Biergarten, kein Kindergarten

Es ein bissl ruhiger angehen, ist aber auch nicht leicht. Will man sich mit einer Halben oder gar einem Seiterl begnügen,  muss man sich auf ein forsches „Wir sind ein Biergarten, kein Kindergarten!“  gefasst machen.

Hungrig auf Kultur

Weißwurst, Schweinsbraten, Grillhendl. Satt sind wir jetzt auch schon. Durstig nicht mehr wirklich, selbst wenn es bei mehr als tausend Biergärten in München keinesfalls an verführerischen Orten fehlt.  Aber hungrig sind wir nach wie vor, hungrig auf Kultur.

Gut so!  Um nicht vollends dem Klischee der Biermetropole zu erliegen, hat sich München in den letzten Jahren noch mehr zu einem  Paradies für Kulturfans entwickelt. Weltklasse ist  nicht nur die Pinakothek der Moderne, das Lenbachhaus mit der weltweit größten Sammlung mit Werken des „Blauen Reiter“ sowie die vom  Wiener Architektenbüro Coop Himmelb(l)au entworfene futuristisch anmutende  BMW Welt, sondern auch ein Graffiti-Museum. Schön langsam versteht man, was Ernest Hemingway, der Schriftsteller und Lebemann,  einst behauptet hat:  „Fahren Sie gar nicht erst woanders hin, ich sage Ihnen, es geht nichts über München.“

Jo mei, mia san mia. So denken  Jahr für Jahr Zigtausende andere auch. Denn München wächst und wächst und wächst. Pro Jahr um knapp 30.000 neue Einwohner.  Mit etwa 1,5 Millionen Einwohnern hat sich das lange Zeit als heimliche Hauptstadt geltenden „Millionendorf“ seit „Monaco Franzes“ Glanzzeiten wirklich neu erfunden.

König ohne Thron

Bayern hat es geschafft, sich vom bitterarmen Agrarzuschussland zu einem wirtschaftlich starken, soliden Technologiezentrum  zu entwickeln, ohne seine Eigenart zu verlieren,“ sagt im DuMont-Band „München. Die Isarmetropole“ mit Herzog Franz von Bayern einer, der  selbst einzigartig ist.

Der Urenkel des letzten bayerischen Königs Ludwig III. und Chef des Hauses Wittelsbach überblickt mit 86 Lebensjahren nicht nur die letzten drei Generationen, als  Sammler und Förderer zeitgenössischer Kunst steht er mit beiden Füßen  fest in der Gegenwart.

München wächst

Ein Nachteil dieses anhaltenden Booms sind die steigenden Mieten und Grundstückpreise, die zu den teuersten Deutschlands zählen. Vom  Vorteil aber profitieren auch die Besucher: Ständig entwickeln sich neue Stadtviertel mit einem eigenständigen Charakter und Charme.

Das Grätzel  um den Gärtnerplatz zum Beispiel galt vorgestern noch als typischer Wohnort für kleinbürgerliche Groschenzähler, mittlerweile hat  sich die neue bayerische Bohème hier  schick eingerichtet.

Ja, servus noch einmal

Zum Glück hat die ausufernde Stadt mit ihren mondänen Rooftop-Bars und trendigen Poolterrassen nach wie vor etwas kuschelig Dörfliches. Man läuft sich immer wieder über den Weg, da braucht man sich nicht groß was ausmachen.

Im Zentrum beim Marienplatz hält man sich sowieso nur kurz auf. Das Glockenspiel zu High Noon ist wirklich etwas für Touristen. Wenn nicht der FC Bayern dort seinen Meistertitel feiert, schlängelt man sich  lieber rasch an den Touristenmassen vorbei zum  Viktualienmarkt, dem Naschmarkt Münchens. Dort kann es gut sein, dass man einem lebenden Denkmal der Stadt begegnet, dem Barmann Charles Schumann.

Ikone ohne Tracht

"Jo, gibt's denn so was?" Die 75 Jahre sieht man der Barkeeper-Ikone  nicht an. Genauso wenig wie man Charles Schumann je bei jenem Fest antreffen wird,   das München weit über seine Grenzen bekannt gemacht hat – dem Oktoberfest. „Ich besitze keinen Trachtenanzug, ganz sicher nicht“, versichert er glaubhaft. Wir hegen aber den leisen Verdacht, dass es nicht nur die Garderobe ist, die den Mann von Welt von der Theresienwiese fernhält. Aber stimmt schon: Schunkel-Schunkel in Krachlederner und gepflegte Bargespräche passen nicht gut  zusammen.

 
Also begleiten wir Herrn Schumann  an den Odeonsplatz zu seiner Schumanns-Bar, überlassen ihn seinen Gästen, durchqueren  Hofgarten und Englischen Garten und nähern uns langsam einem Bauwerk, das ganz und gar exotisch daherkommt – der  Chinesische Turm.

Man glaubt es kaum, die 25 Meter hohe aufwendige Turmkonstruktion hat bereits 230 Jahre auf dem Buckel. Sie erinnert   an einen Tempel im Stil einer Pagode und steht für die kosmopolitische Aufgeschlossenheit der Münchner. Von der  Turmspitze tönt bereits zu Mittag Blasmusik,  zu ebener Erd’  gibt es mit 7.000 Plätzen einen der größten Biergärten der Stadt. Und unweit davon  kann man  im Japanischen Teehaus stilecht asiatische Teezeremonien kennenlernen.

Einfach einzigartig, dieser  Mix an unterschiedlichen Kulturen. 


Die Zeit wird schon wieder knapp. Und es gäbe noch so viel zu sehen und zu besuchen.  Die Delikatessen-Tempel von Käfer, von Dallmayr, Alfons Schubecks Kochschule am Münchner Platzl. Ins Tantris, für das einst Eckhart Witzigmann die Gourmetsterne vom Himmel holte, wollten wir doch auch einmal hineinschauen.  Das P1, die vom New Yorker  Studio 54 inspirierte Disko.  Und was ist mit  Hirmer vis-à-vis der Türme der Frauenkirche, das größte Männermodehaus der Welt, da muss man doch auch rein, oder?

Irgendwie geht sich das alles nicht aus.  Tja, und irgendwie spürt man’s nach einem langen Wochenende auch in den  Beinen: das Millionendorf München IST eine Weltstadt. Und alles andere als eine Stadt für einen  einzigen Besuch.

Von Vespa bis Schifffahrt

„100 Gründe München  und die ganze Region zu lieben“, trommelt die blau-weiße Ausgabe von Radio Arabella seit zwei Jahren gute Laune in eigener Sache. Mit der Vespa durch die Stadt flitzen, wurde dabei genannt,  wegen des Dolce-Vita-Gefühls. Und wegen des erdigen Schmähs: Dass Schauspieler Elmar Wepper  nicht weit von  hier lebt,  ebenso der Kabarettist Michael Mittermeier.  Ahoi, auch ein Grund, auf München abzufahren: die Seenschifffahrt.

Halt, das geht sich noch locker aus. Seit einem Jahr befindet sich mit der MS Utting ein ehemaliger Ausflugsdampfer in bester Citylage mitten im Stadtteil Sendling. Und das nicht etwa in einem Hinterhof, nein,  auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke. Musiziert wird dort auch, und gefeiert und gegessen und getrunken.  
Das gibt’s  nur hier, in München, der Weltstadt mit einem Herz für ein großes Hallo – und einige Hallodris.