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freizeit
10/03/2014

Im Tal der Trolle

Die nilpferdähnlichen Mumins sind in Finnland bekannt wie der Weihnachtsmann. Mumins-Schöpferin Tove Jansson wäre heuer 100 geworden.

von Barbara Mader

Zwei Irrtümer über Mumins. Irrtum Nummer eins: Mumins sind Kinderkram. Tatsächlich haben die nilpferdähnlichen Wesen mit den traurigen Augen Kultstatus – vor allem bei Erwachsenen. Das wusste auch Mumins-Schöpferin Tove Jansson: „Ich bin überzeugt davon, dass immer mehr Erwachsene dieses Land der Fantasie erkunden wollen, wo es weder Regeln noch Enttäuschungen gibt (...).“ Tove Jansson war 77, als sie das schrieb. Also das, was man gemeinhin als „erwachsen“ bezeichnet. Irrtum Nummer zwei: Die Mumins sind plumpe, unförmige Tiere, die am liebsten heile Welt spielen. Plump sind sie höchstens in japanischen Zeichentrick-Serien. Wer Tove Janssons Originale kennt, sieht filigrane, verspielte Zauberwesen. Deren Geschichten viel von dem erzählen, was man als finnische Versponnenheit kennt. Schon der Entstehungsmythos der finnischen Kultfiguren ist ungewöhnlich: Jansson soll den ersten Mumin als Mädchen an die Wand eines Toilettenhäuschens gezeichnet haben. Er sollte den deutschen Philosophen Immanuel Kant darstellen, über den sie zuvor mit ihrem Bruder gestritten hatte. Daneben schrieb sie ihr späteres Lebensmotto: „Freiheit ist das Beste von allem.“

Gruppenbild mit Dame:

Tove Jansson war ein durch und durch ungewöhnlicher Mensch. Im August wäre die feingliedrige Malerin hundert geworden und ganz Finnland, Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, feiert seine Nationalheldin. Und nächstes Jahr kommen die Mumins dann ins Kino. Tove Jansson war die älteste Tochter eines finnischen Bildhauers und einer schwedischen Illustratorin. Sie lebte in Helsinki und auf der Felseninsel Klovharun, wo sie mit ihrer Lebensgefährtin, der Grafikerin Tuulikki Pietilä, bis zu ihrem Tod 2001, 30 Sommer verbrachte. Auf dieser kargen, stürmischen Insel ging Tuve einer weiteren Leidenschaft nach, dem Schreiben: In der zweiten Hälfte ihres langen Lebens war sie Autorin poetisch-humorvoller Novellen und Romane. Doch auch die Malerei blieb ein Leben lang: von surrealistischen Gemälden in den 30er- Jahren bis zu abstrakten Bildern Ende der 50er. Ihre Trolle brachten Tove Jansson internationale Bekanntheit, gleichzeitig arbeitete sie als Dichterin, Bühnenbildnerin, Dramaturgin. Ein arbeitswütiges Multitalent soll sie gewesen sein. Ein einziges Leben – viele Karrieren, so beschreibt die Kunsthistorikerin Tuula Karjalainen in ihrer Biografie die Mumins-Schöpferin („Tove Jansson. Die Biografie“. Urachhaus, 36 €). Die Dreißigerjahre und der Krieg machten Tove Jansson zur politischen Karikaturistin. Sie zeichnete viele antinazistische Karikaturen, was im deutschlandfreundlichen Finnland nicht ungefährlich war. Die erste Mumin-Geschichte schrieb sie im Winter 1939: Jansson nahm den ursprünglich hässlichen und bösartigen kleinen Troll, den sie in ihrem Satire- Magazin als Signatur verwendet hatte und machte ihn zum Protagonisten einer paradiesischen Gegenwelt zu diesen Jahren des Grauens. Die philosophierenden Trolle aus dem Mumintal wurden zu einer Welt, in die sie auch selbst flüchten konnte. 1940 erschien das erste Muminbuch „Mumins lange Reise“. Gegen die hartnäckigen Avancen Walt Disneys, der ihr die Exklusivrechte abkaufen wollte, wusste sie sich zu wehren. Die Mumins wurden zu finnischen Kultfiguren und ihre Schöpferin zur Wegbereiterin der – auch heute noch von Frauen dominierten – finnischen Comicszene.

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