© Manfred Horvath

freizeit
12/14/2020

Reportage: Hohe Handwerkskunst - Besuch beim Instrumentenbauer

Vom Akkordeon bis zur Orgel: Instrumente zu bauen ist ein Handwerk – und eine Kunst. Die "freizeit" hat Erzeuger bei ihrer Arbeit in deren Werkstätten besucht. Von Manfred Horvath

Die Werkstatt des Geigenbauers Christoph Schachner ist viel mehr als ein Raum für die Holzbearbeitung. Stapel alter Noten, Celli, Bratschen, Kontrabässe stehen wie Wächter entlang des Weges, der sich wie das F-Loch der Geigendecke zur roten Chaiselongue windet. Davor sitzt konzentriert Meister Schachner. Er ist vornübergebeugt über ein Werkstück. Eine neue Geige.

Zehntelmillimetergenaues Abziehen des Bodens mit einem rasierklingenscharfen Werkzeug. Mit den Fingerkuppen spürt er immer wieder durch sachtes Darüberstreichen den Fortschritt der Glättung. Die anfallenden Holzspäne sind fein wie Flachshaare und kringeln sich über seine Hände. Mit jedem Ausholen und Gleiten über die Fichte entsteht ein sonores Kratzgeräusch. Der Duft von frisch gehobeltem Holz hängt über dem Arbeitstisch. Jetzt wird Schachner aus der Konzentration gebracht. Eine Kundin kommt gerade vom Eingang entlang des gewundenen Weges durch den Raum, öffnet ihren mitgebrachten Geigenkasten und spielt vor, um zu zeigen, warum ihr Instrument nicht so klingt wie gewohnt.

Österreich ist ein Musikland

Im Advent und zu Weihnachten wird  in Stadt und Land wohl kaum wie anderswo auf der Welt so viel musiziert wie in Österreich. In der Zeit der virusbedingten sozialen Distanz  heuer jedoch weniger in der Gruppe, aber dafür um so mehr im Kreis der Kernfamilie. Anregung dazu bietet aktuell der Klingende Adventkalender des Österreichischen Volksliedwerkes auf YouTube. Bis 24. Dezember öffnet sich jeden Tag ein Fenster mit einem Musikstück.

Unzählige Musikinstrumente gibt es in Österreich, von A wie Akkordeon bis Z wie Zither. Man kann ein Instrument online, gebraucht auf dem Flohmarkt, geschenkt oder aus dem Fachgeschäft  bekommen. Oder direkt vom Musikinstrumentenbauer. Was seine Vorteile hat. Denn so wie ein Auto hin und wieder ein Service benötigt, ist es auch bei einem Instrument. Dann ist der direkte Kontakt zum Erzeuger von Vorteil. Nicht nur Geigen sind zerlegbar.

Man kann sein Wunschinstrument auch in Zusammenarbeit mit einem Musikinstrumentenbauer entwickeln. Der Orgelbauer Christoph Allgäuer aus Würflach an der Hohen Wand war 1998 gefordert, an die Basis des Orgelbauens zurückzukehren. Er sollte für das Technische Museum ein Claviorganum bauen, ein Instrument, welches auf das 15. Jahrhundert zurückgeht. Das Spezielle daran ist, dass ein Saiteninstrument und ein Orgelinstrument gemeinsam auf einer Klaviatur gespielt werden können.

Der erfolgreich hergestellte Prototyp wurde als Auftragsarbeit für einen Professor für Alte Musik in Wien als Zimmerinstrument ein paar Jahre später noch einmal gebaut. Mehr als 1.000 Arbeitsstunden hat Allgäuer dafür aufgewendet. Aber was ist schon Zeit für einen Orgelbauer? Im Anbetracht  hunderter Jahre alten Orgelpfeifen aus Zinn und dem Orgelwind des Balges, der mit der Windwaage gemessen wird.

Die Restaurierung der barocken Orgel von Stift Heiligenkreuz war für Christoph Allgäuer drei Jahre Arbeit. In den vergangenen Jahren wurden kaum noch neue Orgeln in Auftrag gegeben, auch weil die Bedeutung von Kirchen derzeit einem starken Wandel unterworfen ist. Immer mehr Musiker finden jedoch Gefallen an einem individuell für sie entwickelten Instrument und Orgelbaumeister Christoph Allgäuer freut sich auf neue Herausforderungen.

Das Österreichische Musiklexikon der Akademie der Wissenschaften umfasst fünf Bände mit 2.800 Seiten zu aktuellen und historischen Themen österreichischer Musik. Es zeigt, dass der Bau von Musikinstrumenten ab der Renaissance begann und von einer Personalunion von Spieler und Hersteller ausgegangen wird.

Spätestens Mitte des 18. Jahrhunderts waren in unserem Land hochqualifizierte Lauten- und Geigenbauer ansässig wie die Instrumente aus der Ambraser Wunderkammer in Tirol belegen. Ernst Spirk ist ein Paradebeispiel dafür. Als Volksmusiker sind seine Schrammel-Auftritte legendär, als gelernter Orgelbauer stellt er in seiner Werkstatt in Laxenburg hochwertige Ziehharmonikas her. Er erzeugt aber auch Hackbretter, Drehleiern oder Idiophone wie die Teufelsgeige, die in der Volksmusik als Rhythmus- und Lärminstrument eingesetzt wird.

Musikinstrumentenbauer sind meist eigenwillig. Es ist eine Schrulle von Geigenbaumeister Christoph Schachner, dem Rummel rund um das Mozarthaus in Wien, in dessen Nähe sich ein weiterer Werkraum befindet, dadurch zu entkommen, dass er auch in der Welthauptstadt des Geigenbaus, in Cremona, arbeitet. Zentral, an der Piazza Duomo gelegen, sitzt er dort im Stockwerk mit Blick über die Passanten, konzentriert auf sein Werkstück, sägt, leimt und lackiert seine Geigen. Er will bei der Arbeit im Trubel nicht gestört werden.

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