© MANFRED HORVATH

Freizeit-Reportage
11/18/2020

Der Komponist Peter Ablinger und das Lied der Bäume

Im Mühlviertel legte ein Musiker einen Klangwald an. Seither besuchen ihn Kollegen, die zu Blättern improvisieren - von Manfred Horvath.

Treffpunkt mit dem Cellisten Uli Winter ist der Parkplatz des einzigen Wirtshauses von Seitelschlag, hoch oben im Mühlviertel. Winter wuchtet seinen Instrumentenkasten aus dem Cargo-PKW, klemmt einen Küchensessel unter den Arm und sagt: „Geh’n wir da rüber, Richtung Kardinalpunkt, da steht eine alte Stieleiche und im Hintergrund sieht man das ganze Arboretum (Anm. zu Studienzwecken angelegte Pflanzung verschiedener Bäume).“

Wir steigen einen sanften Hügel bergauf. Das Gras ist nebelfeucht vom Morgen, unsere Schienbeine bald auch. Birken säumen die Waldlichtung. Goldene Blätter flirren in ihren Kronen. Oben an der Kuppe wogen die Fichtenwipfel.

Unter seinem Lieblingsbaum stellt Uli Winter einen hellblau tapezierten Sessel auf den Erdboden und nimmt sein Cello vorsichtig aus dem Koffer. Er setzt sich nieder, schaut zur Krone hinauf, schließt die Augen, und setzt einen Akkord in die Luft. Es ist ein Klang von einer anderen Welt. Rein analog. Mit dem Vor und Zurück des Oberkörpers sinken die Vorderbeine des Sessels langsam ein.

Der Klang der Natur                  

Das Arboretum von Seitelschlag ist ein Projekt des Komponisten Peter Ablinger aus dem Jahr 2009. Das Fahrwasser der Donau bei den Aktivitäten zur Linzer Kulturhauptstadt Europas ist im Jahr 2009 sogar bis zum Hochficht im nördlichen Oberösterreich geschwappt.

Peter Ablinger wurde mit einem Projekt zur Komposition einer Landschaftsoper beauftragt. Nahe der böhmischen Grenze in der rollenden Landschaft rund um Ulrichsberg wurde er in Seitelschlag fündig. Sein Freund Alois Fischer, der das Jazzatelier Ulrichsberg betreibt, schafft das Schwierige, einen geeigneten Pflanz-Ort zu finden. In langwierigen Gesprächen versuchte er die Bauern davon zu überzeugen, auf ihren Feldern und Wegen einen neuen Wald zu gründen.

Rauschende Wasserfälle, das Geräusch von Getreidefeldern und der symptomatische Klang von Baumarten waren schon seit den frühen 1990ern das Interesse von Peter Ablinger. Als Student bei Roman Haubenstock-Ramati nahm er die Klänge der Natur auf Tonband auf. Auch synthetisches Rauschen. Bei einem Spaziergang im Osten Wiens bemerkte er einmal, wie sich beim Wechsel der Anbausorte von Weizen auf Roggen die Klangfarbe des aufnehmbaren Geräusches änderte.

Ablingers Ansatz ist, dass man das intensive Klangerlebnis, das man in einem akustisch perfekten Konzertsaal hat, in der Natur genau so finden kann. Schon vor dreißig Jahren nahm Peter Ablinger 18 verschiedene Baumarten auf und vernahm, dass die Klangfarbe von einem Baum zum nächsten im Schnitt symptomatisch war. In diesem Prozess entstand ein Tonbandstück, das schon damals als Liveprojekt in einem Arboretum war.

Landschaftsoper

Jene acht Bauern, auf deren Grund und Boden die Bäume gepflanzt sind, konnten von dem Projekt überzeugt werden. „Ich hätte nicht mit den Landwirten reden können, das hat damals alles der Alois Fischer unter einen Hut gebracht“, sagt Peter Ablinger in Erinnerung an die langen Gespräche über die Möglichkeit einer künstlerischen Arbeit in Seitelschlag.

Die Baumpflanzung, Konstellation der Pflanzen zueinander und deren Klänge als Landschaftsoper zu konzipieren, da hätten manche Leute aus dem Mühlviertel zuerst etwas entfremdet dreingeschaut, meint Ablinger. Es ging um Ernteverlust durch den Schattenwurf der Bäume auf die Felder. Und die Erschwernis bei der Bewirtschaftung. Das umständliche Umrunden der Stämme bei der Arbeit mit dem Traktor. Das Aufasten der Stämme, damit man unter den Kronen durchfahren kann.

Durch eine kleine finanzielle Entschädigung für die Grundbesitzer wurden diese Nachteile wettgemacht und das Projekt konnte realisiert werden.

Bei der Pflanzung der Bäume in Ulrichsberg/Seitelschlag wurde von einem Idealbild der Malerei der Frührenaissance ausgegangen. Wie bei einer optischen Sammellinse gibt es einen fernen Punkt in der Landschaft, wo alle Bäume auf einmal zu sehen sind. Er heißt Kardinalpunkt und ist genau 781 Meter weit vom entferntesten Baum des Klangwaldes entfernt.

Die Umrisse der Bäume überschneiden sich von hier aus betrachtet nicht. Die dreieckigen Tannen, säulenförmigen Pappeln, ovalen Robinien, Eschen und Ahörner stehen solitär wie die Noten einer Partitur vor dem Horizont. Dahinter türmt sich der Böhmerwald.

„Die Erle hat einen dunklen Klang, die Birke tönt so scharf wie ein ,S’ und die Pappel spricht mit ihren langstieligen Blättern, welche sehr beweglich gelagert sind, beim kleinsten Luftzug an“, meint Peter Ablinger über die Klangwelt seiner Bäume.

Der Lieblingsbaum

Bevor die Laubbäume ihre Blätter verlieren, will der Cellist Uli Winter heute noch einmal zu seinem Lieblingsbaum kommen, um zum Klang der säuselnden Eichenblätter zu improvisieren. „Aber selbst wenn die Blätter schon angeherbstelt und später auch braun und dürr sind, bleiben sie am Baum hängen, wie die Schoten auf den Robinien. Das rasselt dann so schön und macht einen richtigen Klangteppich“, sagt Winter.

Der Wind  dreht einen Wirbel in seinen Vollbart, als er seinen Bogen über die Saiten streicht. Ein Eichenblatt landet mit einem finalen Hubschrauberdreh neben dem F-Loch seines Cellos und gleitet von dort auf die goldene, blätterbedeckte Erde.

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