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freizeit Reise
01/14/2021

"Travelshaming": Darf, kann und soll man 2021 reisen?

Reisemedizinerin im Interview: Die einen fahren trotzdem weg, die anderen zeigen mit dem Finger auf sie: Noch nie waren Reisen so umstritten. Setzt sich das neue „Travelshaming“ durch, heben wir 2021 noch ab – und wenn ja: wie?

von Axel Halbhuber

Das Reisen ist einer der durch Corona am meisten betroffenen Teile des Lebens. Derzeit fragen sich viele zwischen Urlaubsplanung und Travelshaming (siehe unten), ob und wann und wie man künftig wegfahren kann.

Ursula Hollenstein beschäftigt sich schon lange und intensiv mit medizinischen Fragen des Reisens. Die Infektiologin, die am Samstag auch beim großen Online-Reisetag zu sehen sein wird, impft in Nicht-Coronajahren Tausende Menschen und kennt deren Fragen.

KURIER: Werden wir je wieder wegfahren oder war es das mit dem Reisen?

Ursula Hollenstein: Ich sehe bei Corona derzeit eine allgemeine Stimmung, auf alle zu zeigen, die ihr Leben anders gestalten, als daheim zu sitzen. Natürlich ist es für viele essenzieller Teil des Urlaubs, Party zu machen, aber für andere gar nicht, für mich etwa. Daher glaube ich, dass vielleicht die Urlaubspartys nicht mehr kommen, aber das Reisen an sich schon. Wir haben das schon oft erlebt: Regionen, die nach Katastrophen gemieden wurden, werden oft wieder rasch zu Reisezielen, auch wenn sich am Problem nicht viel geändert hat.

 

Sehen Sie die Rolle des Flugzeugs bei Ansteckungen ausreichend geklärt?

Es gibt gute Einzelstudien dazu, auch wenn das insgesamt schwer zurückzuverfolgen ist. In Asien wurde das Contact-Tracing dazu genauer gemacht, auch schon beim ersten SARS-Virus im Jahr 2003: Dafür, dass man so lange so dicht sitzt, waren es tatsächlich geringe Ansteckungen, wahrscheinlich wegen der Filter. Aber im Gesamtpaket, bei Securitycheck und Passkontrolle, oft in niedrigen Räumen des Flughafens, könnte man viel mehr Maßnahmen setzen.

Das spricht insgesamt für eine Impfpflicht beim Reisen.

Die gibt es ja, zum Beispiel bei Gelbfieber in vielen Gebieten und punktuell auch für Cholera. Es werden eher die Länder Impfungen verlangen, und die Flugzeuglinien werden sich danach richten. Die WHO hat im internationalen Impfpass die Seite zur Gelbfieberimpfung schon vor Jahren so verändert, dass sie für andere Impfungen verwendbar ist. Man wartet ja schon lange auf eine Pandemie, der Verdacht war aber eher eine gefährlichere Influenza.

Dann waren wir aber schlecht vorbereitet, oder?

Naja, wie viel haben wir gelacht über nutzlos angeschaffte Masken bei der Vogelgrippe? Katastrophenmedizin wird belächelt, bis die Katastrophe eintritt. Es gibt in der Natur ein nicht enden wollendes Reservoir an Viren, die Frage ist immer, ob eines davon plötzlich den Menschen als Wirt befällt.

Also kann es statt der schlecht gegarten Fledermaus bald ein chilenischer Kuckuck sein?

Lassen wir die Fledermäuse, es ist noch immer nicht geklärt, welches Tier das war. Solche Übertragungen kommen auch nicht vom Fledermausschnitzel, sondern von Umgang, Haltung und mangelnder Hygiene auf den Lebendtiermärkten. Der gefährlichste Pandemie-Erreger würde durch Tröpfchen oder Luft übertragen, ist lange Zeit infektiös, ohne dass ihn der Träger spürt, verursacht eine hohe Sterblichkeit und lässt sich nicht behandeln.

Das geht also noch übler als bei Corona. Welchen Impfstoff würden Sie für sich denn aussuchen, wenn man sich einen aussuchen könnte?

Ich halte alle derzeit verfügbaren Impfstoffe für gut, meine erste Wahl wäre einer der mRNA-Impfstoffe (Biontech und Moderna, Anm.), weil durch die Art der Wirkung dieser Impfstoffe anzunehmen ist, dass sie das Immunsystem auf sehr breite Art ansprechen und eine robuste Immunität erzeugen.

Sie impfen bei Traveldoc ja jährlich an die zehntausend Menschen. Wie begegnen Sie jemandem, der skeptisch ist?

Es gibt natürlich jene, die sehr grundsätzlich und dogmatisch gegen das Impfen sind, da bringen Gespräche nicht viel. Aber die allermeisten haben einfach Fragen und wollen Antworten und ein bisschen die Hintergründe verstehen. Dafür braucht man Zeit und ich muss ehrlich sagen, es ist in einer vollen Kassenpraxis schwer, dass sich der Arzt eine Viertelstunde auf ein Aufklärungsgespräch über eine ohnehin anerkannte und empfohlene Impfung einlässt. Ich bin froh, dass ich nicht in der Situation bin.

Dennoch ist eine gute Abwägung, ob eine Impfung sinnvoll ist, immer wichtig. Also eine gesunde Skepsis.

Das stimmt schon und ich überrede auch niemanden zu irgendeiner Impfung. Aber derzeit ist leider eine Polarisierung entstanden, die eine Abwägung schwierig macht. Bei jeder neuen Impfung erleben wir, dass sich schnell die unglaublichsten Geschichten und Gerüchte darum ranken. Und da ja klar war, dass ein Corona-Impfstoff kommen wird, hätte man den auch früh genug aufklärend und positiv kommunizieren können, statt die Infos jetzt panisch nachzureichen. Das war ein totales Versäumnis.

Worüber machen sich Menschen da die meisten Sorgen?

Wir werden laufend zur kurzen Entwicklungszeit gefragt. Als es vor einem Jahr hieß, eine Impfung kann Jahre dauern, sagten viele: Wieso so lange? Und seit der Impfstoff da ist: Wieso so schnell? Dabei kam die Botschaft nicht an, dass bei der Sicherheit keine Abstriche gemacht wurden.

Live zu sehen: Reisemedizinerin Ursula Hollenstein beim großen Online-Reisetag diesen Samstag im Gespräch über Impfen und Reisen: am 16. Jänner ab 10 Uhr (Hollenstein 14 Uhr), alle Programminfos und Livestream auf kurier.at und ferien-messe.at

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