Deauville in der Normandie ist auch heute noch ein Anziehungspunkt für hitzegeplagte Pariser. Das Bild der zwei Damen stammt aus dem Sommer 1913.

© Maurice-Louis Branger / Roger Viollet / picturedesk.com

freizeit Reise Reiselust
06/20/2021

Warum diese mondänen Seebäder Orte der Seensation sind

Sie sind reich an Geschichten. Warum Coco Chanel begann, sportliche Mode zu entwerfen und wer das Surfen nach Europa brachte.

von Daniel Voglhuber

Es gibt Orte wie Brighton, Heringsdorf oder Biarritz, da ist der zuletzt viel zitierte Sommer wie damals wirklich präsent. Die Gebäude entlang der Strände sind immer noch imposant und atmen den mondänen Geist des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Als Herren in gestreifter, gestrickter Badekleidung ihre Zehen vorsichtig ins Wasser steckten und Damen mit berüschten Schirmen am Strand spazierten. Und zu Beginn der aufkommenden Badekultur mussten das die Geschlechter sogar getrennt voneinander machen, weil die Moralvorstellungen eben so waren.

Und dennoch, die klassischen Seebäder haben den Sprung ins Heute geschafft. Die Massen tummeln sich an den Stränden und nehmen in Kauf, dass das Meereswasser vielerorts doch etwas frisch ist. Einige waren nie out. Andere sind wieder sehr gefragt. Weil es hier doch sehr schön und retro ist. Oder weil immer nur Südostasien auch einmal fad wird. Auf jeden Fall: Sie alle sind reich an Geschichte und an amüsanten und interessanten Anekdoten.

Eines der ersten Seebäder für Adelige und Reiche war der englische Badeort Brighton, nachdem Mediziner die heilende Wirkung von Meereswasser propagierten. So gesund ging es aber nicht zu. Brighton war ein Ort des Vergnügens. König George IV ließ es schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts krachen. Er ließ im Fischerdorf einen Palast im indisch-sarazenischen Stil mit chinesischer Einrichtung errichten. Dort stiegen – manchmal monatelange – Sauf- und Fressgelage.

Im viktorianischen Zeitalter kamen die Londoner mit dem Zug aus ihrem Moloch, um Meeresbrise zu schnuppern. In weniger als einer Stunde waren sie da. Neben prachtvollen Piers gab es mächtige Musicaltheater und auch die ersten Kinos. Brighton – oder Little London, wie es auch genannt wird – ist bis heute ein Hort des Spaßes.

Die größte Party der Welt

Und da hält es auch einen Rekord. Der Big-Beat-Meister Fatboy Slim lud 2002 zur kostenlosen Party „Beach Boutique“. Gerechnet wurde mit 60.000 Menschen. 250.000 waren es dann, die zum DJ-Set des Musikers tanzten und die Fete zum bis heute größten Rave der Welt machten.

Der Schriftsteller Theodor Fontane lag wohl falsch, als er schrieb: „Das Tollste sind Flitterwochen in einem englischen Seebad. So langweilig, daß Zankszenen eine Erlösung werden.“

Auf der anderen Seite des Ärmelkanals, in der Normandie, fallen jeden Sommer tausende Urlauber in den französischen Badeort Deauville ein. Es ist – ähnlich wie Brighton – ein kleines Paris. Herzog Charles de Morny hat es vor 160 Jahren auf dem Reißbrett als „Königreich der Eleganz“ nach Vorlage der Hauptstadt entworfen. Und deshalb war alles da, was Rang und Namen hatte: Schriftsteller Gustave Flaubert, Maler Eugène Boudin, Modeikone Coco Chanel.

Letztere eröffnete 1913 eines ihrer ersten Modegeschäfte, wo sie sportliche Kleidung verkaufte. Zuvor war ihr aufgefallen, dass die Damen am Strand spazierten, als wären sie in der Stadt: mit Hut und ins Korsett gezwängt. Chanels Kreationen schafften die Strenge ab und revolutionierten die Modewelt.

Heringe und Heringsdorf

Urlaub von der preußischen Strenge gab es an der deutschen Ostsee. Die Aristokratie und Hautevolee fuhr nach Usedom, zur „Badewanne Berlins“. Schon der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III (1770-1840) war hier und ließ sich die Sonne auf das Perücken-Haupt scheinen. Und seine Söhne sollen ihre Näschen gerümpft haben, als sie barfüßige Fischer sahen, wie sie Heringe einsalzten. Zwar ist das nicht verbürgt, dennoch vertreten Historiker die Ansicht, dass Heringsdorf deswegen Heringsdorf heißt.

Auch ein bisschen lustig: An der Ostsee schaffte Thomas Mann, den „Zauberberg“, der in den Schweizer Alpen angesiedelt ist, so gut wie zu Ende zu bringen. Begonnen hatte er 1913, ins Finale ging es 1924 auf Usedom. So schrieb er am 12. August an einen Freund: „Denn nie arbeitete ich reibungsloser und ergiebiger als nach der Morgenandacht am Meer.“ Überhaupt müssen ihn Strandbäder fasziniert haben. In der Novelle „Der Tod in Venedig“ ließ er den zum Gecken verkommenen Gustav von Aschenbach am Lido sterben.

Ihren Abdruck in der Literatur haben auch die Hamptons nahe New York hinterlassen. F. Scott Fitzgerald ließ sich von den Villen auf Long Island zum „The Great Gatsby“ inspirieren. Der mysteriöse Millionär Jay Gatsby feiert dort rauschende Feste, will aber eigentlich nur die Liebe seines Lebens zurückgewinnen. Mit verhängnisvollem Ausgang.

Verhängnisvolles soll angeblich auch der Designer Ralph Lauren, dessen Polos und Chinos perfekt hierher passen, bei einer seiner Partys gesagt haben: „Es ist zu schön hier für hässliche, arme Menschen.“ Bestätigt ist das nicht, aber es hat wohl vielen der Superreichen hier aus der Seele gesprochen. Weil eigentlich wäre man lieber unter sich.

Ein exklusiverer Kreis fand sich früher in Taormina auf Sizilien ein. Heute ist der Ort Fixpunkt für unzählige Touristen. Ist auch toll hier. Unten der Strand mit Jahrhundertwende-Hotels, oben antike Juwelen wie das Theater, von dem man einen tollen Blick auf den Ätna hat. Das zog auch Österreichs Kaiserin Sisi an. Für ihren Besuch ließ man den Bahnhof groß ausbauen und aufhübschen. Die Monarchin lernte für den Aufenthalt extra Altgriechisch. Sie wollte jene Kultur verstehen, die der Stadt ihren Stempel aufgedrückt hat.

Sisi war auch (wo eigentlich nicht?) in Biarritz am Atlantik. Zuvor hatten Napoleon III. und dessen Frau Eugenie das kleine französische Fischerdorf zum kaiserlichen Residenzort umgemodelt. Der Strand „La Grande Plage“, wo der Monarch einst lustwandelte, war auch die Wiege der europäischen Surfkultur. Verantwortlich dafür war dann aber doch ein Amerikaner. Regisseur Peter Viertel kam 1957 mit seiner Frau Deborah Kerr.

Er drehte mit ihr die Hemingway-Verfilmung „Fiesta“. Der mitgereiste Filmproduzent Richard „Dick“ Zanouck ließ sich beim Anblick der Wellen seine Surfbretter aus Kalifornien nachschicken. Das lockte neugierige Einheimische an und ein Jahr später wurden die ersten Plastikboards in Frankreich gefertigt.

Heute ist Biarritz einer der begehrtesten Surfstrände der Welt. Aristokratisch womöglich ein bisschen: Hier regieren die Könige der Wellen.

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