Die Insel Öland leuchtet in gedämpften Farben und betört durch ihre eigenwillige Schönheit

© Malin Wengdahl

freizeit Reise
06/05/2021

Neustart in Südschweden: Der wahre Luxus ist die Langsamkeit

Vor 30 Jahren brach Sylvia Lindström ihre Zelte in Norddeutschland ab und zog mit ihrem Sohn auf die Insel Öland. Wie viel Bullerbü in ihrem Alltag steckt und was sie Auswanderern rät.

von Julia Pfligl

Tabak. Buttermilch. Lavendel. Ocker. Modriges Waldgrün, das Rot der Holzhäuser. In diesen Farben leuchtet Südschweden, die Wahlheimat von Sylvia Lindström und ihrem (inzwischen erwachsenen) Sohn Hauke. Die eigenwillige Schönheit der Landschaft, die behördlichen Hürden und die Mentalität der Schweden schildert die

62-Jährige in ihrem neuen Buch. Anfang der 1990er übersiedelte die Pferdetrainerin und Schriftstellerin nach einer Lebenskrise von Schleswig-Holstein in die schwedische Provinz – erst aufs Festland, später auf die Ostsee-Insel Öland.

Im Gespräch schwärmt sie. Und erzählt von ihrer Begegnung mit König Carl Gustaf, vom Bullerbü-Faktor und worum es bei „Fika“ wirklich geht.

KURIER: Ihr Buch heißt „Ein Meer aus Licht und Farben“. Wie würden Sie diese Farben beschreiben?

Sylvia Lindström: Ölands Farben sind meist gedämpft. Die charakteristische Landschaft ist eine Kalksteppe, die man Alvar nennt. Dort wachsen keine hohen Bäume, sondern allenfalls Wacholder und verkrüppeltes Buschwerk. Wenn die Sonne über dem Kalmarsund (Meerenge zwischen Festland und Öland) untergeht, hat man das Gefühl, dass man sich in einem impressionistischen Gemälde befindet. An der Westküste der Insel kann man auf einem Schotterweg der Küste folgen. Alte Steinbrüche, verwaiste kleine Häfen, ein paar rostige Maschinen und selbst die struppigen Hochlandrinder oder das Möwengeschrei können zu einer Farbe werden.

Sie kannten niemanden hier, hatten ein Leben in Deutschland. Warum ausgerechnet Schweden?

In Deutschland war ich an der Seite eines treulosen Mannes sehr unglücklich. Ich sehnte mich nach einem frischen Start und wollte meinem Sohn die gut gelaunte Mutter sein, die er verdiente. Schweden war für mich ein Synonym für ein Leben im Einklang mit der Natur in freundlicher Gesellschaft toleranter Menschen. Freiheit, das schon auch. Ein ziemlich romantisches und teils auch unrealistisches Bild von einem unbekannten Land.

Im Buch ist häufig von „Fika“ die Rede. Was kann man sich darunter vorstellen und welche Rolle spielen Essen und Trinken in Ihrer neuen Heimat?

Mein Sohn und ich sind Genussmenschen. Auch wenn es sich nur um eine Scheibe Knäckebrot und eine Tasse schwarzen Kaffee handelt wie in meinen Zeiten ökonomischer Ebbe. Egal. Die Beine hochlegen, eine Pause einlegen. Das, was dir das Leben bietet, dankbar annehmen und genießen. Das war immer mein Motto. Fika ist eine schwedische Institution: gemütlich Kaffee trinken, obwohl zur Fika auch durchaus Saft und ein Butterbrot gehören können. Es ist ein Atemholen im Alltag, eine Viertelstunde Pause (oder auch mehr). Fika ist ganz einfach das Gegenteil von Stress.

Apropos Essen: Und wie schmeckt Elchfleisch?

Angeblich ähnlich wie Pferdefleisch, das ich allerdings noch nie gegessen habe. Es ist sehr mager, und wenn es nicht richtig zubereitet wird, recht trocken. Ich habe öfter gut zubereitetes Elchfleisch gegessen, als ich einem Bauern im Stall geholfen habe. Viele schwedische Bauern jagen. Inzwischen esse ich allerdings kein Fleisch mehr.

Südschweden ist berühmt als Heimat von Astrid Lindgren. Wie viel Bullerbü steckt in Ihrem Alltag?

Bullerby, so heißt das Dorf auf Schwedisch, liegt in Småland, Lindgrens Heimat, und man darf nicht vergessen, dass ihre Kindheit hundert Jahre her ist. Als ich vor neunundzwanzig Jahren nach Schweden kam, war im Leben auf dem Land dennoch etwas Bullerbü zu erkennen. Schweden war noch kein Mitglied der EU, es gab viele kleinere Höfe. Ich half bei einem Bauern, der dreizehn Kühe, dreißig Hennen und zwei Schweine hatte. Inzwischen hat die europäische Landwirtschaftspolitik solche Höfe auch in Schweden total unrentabel gemacht. Doch hier auf Öland gibt es immer noch Leute, die sich dem modernen Leben nicht so richtig anpassen wollen – Lebenskünstler eben. Ich war mit einem solchen Exemplar, einem Fischer, eine Weile lang verheiratet. Das war eine gute Zeit, in der ich viel über die Schweden gelernt habe. Heute sind wir zwar geschieden, aber dennoch gute Freunde.

Sind die Schweden wirklich so tolerant, wie man hier oft glaubt?

Das mit der Toleranz in Schweden ist so eine Sache. Viele halten sich mit ihrer Meinung zurück, vor allem, wenn die von der Norm abweicht. Zum Beispiel das Thema Kindergarten. Mit einem Jahr wird man zu einer Tagesmutter oder in den Kindergarten geschickt. Für viele eine Notwendigkeit, aber eben nicht für alle. Man wird und wurde damals schon schief angesehen, wenn man sich nicht in die Mehrheitsgruppe einreiht. Aber ich habe meinen Standpunkt immer behauptet. Ja, es gibt hier eine Menge Engstirnigkeit oder vielleicht eher Kleinkariertheit. Kein Land ist eben durch und durch ideal.

Zurück zu Öland, wo sich ja auch das Sommerschloss der königlichen Familie befindet. Haben Sie sie je getroffen?

Kronprinzessin Victoria, sie ist sehr beliebt und eine tolle Frau, leider nicht. Dafür hatte ich einmal eine Begegnung mit dem König! In Kastlösa, im Süden Ölands, sollte das Weltnaturerbe der UNESCO eingeweiht werden. Ich wurde als berittene Repräsentantin für Borgholms Schloss mit meinem Friesenhengst Piet hingeschickt. Mit mir hatte ich sechs aufgeregte Erstklässler auf ihren aus Steckenpferden aus ölandischer Wolle. Die Kinder hatten Rosen, die sie nach unserer Vorführung dem König überreichten. Heute sind sie erwachsen, erinnern sich aber noch gern an diesen Tag.

Seit der Pandemie träumen viele von einem Neustart im Ausland. Was raten Sie?

Für Auswanderer gibt es drei Phasen: Zuerst glaubt man, im neuen Land sei alles besser. Die Menschen netter, das Leben leichter. In Phase zwei fallen einem die negativen Seiten auf. Man bekommt Heimweh, sehnt sich nach dem Vertrauten und neigt dazu, die Vergangenheit zu idealisieren. Erst, wenn diese Phase überwunden ist, kommst du an und wirst Land und Leuten gerecht. Das Wichtigste ist, die Sprache zu lernen. Ohne sie bleibst du fremd und wirst nie richtig akzeptiert.

Haben Sie Ihren Aufbruch je bereut?

Nein, eigentlich nie. Eine Weile hatte ich Heimweh nach Schleswig-Holstein. Dann bin ich nach Öland gezogen, und mein Heimweh ist nicht mitgezogen. Ich habe durch meine diversen Jobs viele Menschen und ihre Schicksale kennengelernt. Mein Sohn hat seine Kindheit hier verbracht, und auch ihn, der nun in Stockholm lebt, zieht es immer wieder nach Öland zurück. Öland ist längst mein neues Zuhause und meine zweite Heimat geworden.

Klimafreundliche Anreise
Mit Austrian von Wien nach  Kopenhagen  oder Göteborg. 
CO2-Kompensation via climateaustria.at: 7 €.  Weiter mit dem Mietauto in  4,5 Std. über die  6 km lange Brücke auf Öland. Von z. B. Stockholm geht ein  Zug  bis Kalmar, der Küstenstadt am Festland vor Öland. visitsweden.com

Beste Reisezeit
Die Sommermonate sind mild, die Temperaturen  steigen auf über 20 Grad. Mittsommer fällt heuer auf den 26. Juni: Die Sonne geht  um 22 Uhr unter,  die Tage werden kürzer 

Sehenswert
Hauptattraktion ist die Natur: In Schonen, der Landschaft nach der Öresund-Brücke, gibt es schöne Strände. Sehr empfehlenswert ist das Apfelfestival in Kivik. Småland erinnert mit seinen Seen, Wäldern und einzelnen Höfen an die Lindgren-Bücher. Auf Öland kann die Burgruine Borgholm besichtigt werden
 

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