Der Tunnel von Niderviller ist mit 475 Meter der kürzere von zwei Kanaltunneln.

 

© Elisabeth Ruthner

freizeit Reise
08/22/2021

Mit 8 km/h durch das Elsass: Eine Hausbootreise mit Abenteuer

Von Straßburg nach Nancy, vom Elsass nach Lothringen: Mit dem Hausboot auf dem Rhein-Marne-Kanal sieht man alles und kann es erkunden.

Eine gewisse Planlosigkeit ist der eigentliche Reiz an Hausbootferien. Man lässt sich treiben, einzig der Wasserweg gibt die Richtung vor. Die Einweisung bei der Übernahme ist bald erledigt, alles scheint logisch und selbstverständlich. Wir, zwei befreundete Paare, wechseln einander beim Steuern ab, während alle anderen die vorbeiziehende Landschaft an Deck liegend genießen. Die erste Schleuse ist in Sicht, die Ampel davor leuchtet grün, wir dürfen einfahren. Das geöffnete Schleusentor wirkt aus der Entfernung wie ein Nadelöhr. Wir nähern uns im Schneckentempo, damit das Boot die Tore und Wände der Schleuse nicht berührt. Jetzt ist Teamwork angesagt.

Eine Person ist am Bug, eine am Heck postiert, um mit Leinen das Boot an den Pollern zu fixieren.

Schleusen-Abenteuer

Der Dritte behält die Übersicht, ruft mir am Steuer den Abstand zu den Schleusenwänden zu, oft weniger als ein halber Meter auf beiden Seiten, und setzt mit der blauen Stange am Ufer die automatische Schleuse in Gang. Kaum hat sich das Tor hinter uns geschlossen, beginnt es mächtig zu rauschen, Wasser wird eingelassen und unser Schiff beginnt auf den Wellen ein wenig zu tanzen.

Mit viel Gefühl werden die Leinen an Bug und Heck händisch auf Zug gehalten, damit sich das Boot stabilisiert, während es an Höhe gewinnt. Nach wenigen Minuten nimmt das Schaukeln ein Ende, wir schwimmen etwa zwei Meter höher, die Tore vor uns öffnen sich. Mit sanfter Beschleunigung starten wir in die nächste Etappe. Wir bekommen eine Ahnung, was einen Hausboot-Urlaub ausmacht: Entschleunigung, Natur erleben und die Freiheit, an Land zu gehen, wo und wann es einem gefällt. Nur ganz selten begegnen wir einem anderen Hausboot, der Tourismus ist im Elsass beim Abklingen der Pandemie noch nicht voll angelaufen.

Die Fahrt durch Straßburg wird zum ersten Highlight, das Boot wird im Sportboothafen vertäut. Durch enge Gassen mit romantischen Fachwerkbauten gelangen wir in wenigen Minuten zum Münster und bestaunen die unendlich vielen Details der reich verzierten gotischen Fassade. Zu Mittag gibt’s typisch elsässische Kost, Sauerkraut mit Fleisch und Wurst im Restaurant Maison Kammerzell, in einem der ältesten Häuser mit Blick auf die Kathedrale.

Münster bis Europaparlament

Zurück auf dem Kanal fahren wir entlang schmucker Bürgerhäuser mit gepflegtem Grün, immer wieder ein kurzer Blick zurück auf den markanten Turm des Münsters aus rosafarbenem Sandstein, dessen Spitze alles überragt. Schon taucht das moderne Europaviertel auf, in weitem Bogen geht es direkt an der mächtigen, geschwungenen Glasfassade des Europaparlaments vorbei.

Im Dorf Hochfelden machen wir Station. In der Brasserie der Brauerei Meteor sitzen wir als einzige Touristen unter Einheimischen und probieren wieder die elsässische Küche. Flammkuchen, ein dünner Teigfladen mit verschiedenen Belägen, überbackene Camembert-Brötchen mit gebratenem Filet im Salat und dazu Bier von der lokalen Brauerei, die wir später besichtigen. Sehr anschaulich werden die Geschichte des Familienunternehmens und alle Prozesse der Bierfertigung präsentiert. Natürlich verkosten wir die Biere und lassen uns vom Braumeister die Vorzüge der einen oder anderen Sorte näherbringen.

In Saverne legen wir mitten im Ort an, mit Blick auf das prachtvolle Schloss der Fürstbischöfe von Straßburg, dem Palais Rohan. Ein Spaziergang führt in die Grand Rue, einer Fußgängerzone mit alten Fachwerkbauten, etwa das Maison Katz aus dem Jahr 1605 mit gemütlichem Restaurant im Erdgeschoß.

Vom Dorf in die Natur zur Technik

Westlich von Saverne läuft der Kanal an bewaldeten, steilen Hängen der Vogesen vorbei, unterbrochen von schroffen Felsen. Burgruinen thronen über dem Tal. Die besondere Attraktion ist aber das gigantische Arzviller Schiffshebewerk. Wir steuern unser Boot in einen riesigen Trog mit Wasser. Die neunhundert Tonnen schwere Wanne wird mit uns schräg den Berg hinaufgezogen. In wenigen Minuten sind wir oben und das Tor zur Weiterfahrt geht auf. Ein beeindruckendes Wunder der Technik.

Dann warten die nächsten Herausforderungen. Es gilt, die Tunnel von Arzviller (2.306 Meter) und Niderviller (475 Meter) zu durchfahren – jeweils einspurig und nur spärlich beleuchtet. Kühle, feuchte Luft umfängt uns, die Tunnelröhre ist eng, Konzentration beim Steuern nötig. Bei erlaubten vier Stundenkilometern dauert die Passage dreißig Minuten, gleißendes Sonnenlicht empfängt uns am Ende.

Am höchsten Punkt der Kanäle sind weite Seen angelegt worden, zur Wasserversorgung des Kanals – eine willkommene Gelegenheit zum Schwimmen. An passenden Stellen darf man im Elsass an Uferböschungen anlegen. Dazu hämmert man große Metallheringe in den Erdboden und macht das Boot mit Tauen daran fest. Der spannende Tag klingt an Deck in wunderschöner Stimmung inmitten der Natur mit französischen Köstlichkeiten aus – Käse, Schinken, frischem Baguette und Cotė du Rhone.

Elsass nach Lothringen

Wir verlassen das Elsass und kommen nach Lothringen. Der Kanal windet sich durch dichten Mischwald, Äste hängen bis zur Wasseroberfläche, sehr stimmungsvoll. Ein Silberreiher wartet, bis wir auf wenige Meter heran sind, hebt mit eleganten Flügelschlägen ab, um ein Stück voraus wieder am Ufer zu landen. Wir machen vor der Grand Écluse de Réchicourte-le-Chåteau fest, der höchsten Schleuse Frankreichs. Sie wurde 1965 erbaut, ersetzt sechs Schleusenstufen und soll uns um sechzehn Meter tiefer bringen. Ich steuere das Schiff wie gewohnt in die Schleusenkammer. Dann geht es schier endlos hinab. Der Wasserspiegel sinkt und sinkt, in einem Schacht zwischen glitschigen Wänden gleiten wir in die Tiefe. Der ganze Prozess dauert fast eine halbe Stunde, bis wir das untere Schleusentor passieren können, das uns den Weg hinaus in die Sonne und auf den Kanal freigibt.

Bei kleinen Ortschaften machen wir immer wieder halt, um frisches Baguette, Croissants und andere feine Köstlichkeiten zu besorgen. Dabei gewinnen wir auch ein wenig Einblick in den Alltag der Einwohner, der hier einfach und beschaulich abläuft. Die Dörfer sind überschaubar klein, die Natur ringsum wird immer schöner, die künstlich angelegten Ufer des Kanals sind von üppigen Sträuchern und Bäumen überwuchert.

Der Abschluss der Reise führt uns wieder in eine Stadt, nach Nancy. Welcher Kontrast zu den Tagen davor. Pulsierendes Treiben, Einkaufsstraßen, barocke Kunst und Architektur rund um den prächtigen Place Stanislas lassen uns ins Schwärmen geraten. Langsam bricht der Abend an, die Fassaden der Palais werden beleuchtet und tauchen den Platz in eine großartige Stimmung. Hier lassen wir die Reise mit dem Hausboot von Elsass nach Lothringen ausklingen und packen die vielen schönen Eindrücke in den Koffer der Erinnerung.

Straßburg Hauptstadt des Elsass. „La Petite France“ ist ein malerisches von Kanälen durchzogenes Viertel mit Blumen dekorierten Fachwerk- häusern und Restaurants am Ufer. Der 142 Meter hohe Turm des reich verzierten gotischen Münsters war bis ins 19. Jh. das höchste christliche Bau- werk. Der bogenförmige Glas- palast des Europa-Parlaments wurde 1999 fertiggestellt.

Schiffshebewerk Arzviller Dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst wurde 1969 in Betrieb genommen. Es ersetzt 17 Schleusen, deren Passage einen Tag in Anspruch nahm. Heute dauert die Auf-/Abfahrt des Hebewerks auf einer 110 Meter langen schiefen Ebene, die eine Höhe von 44,5 Meter überwindet, nur vier Minuten. Der 41 Meter lange Wassertrog fasst drei Hausboote.

Nancy Hauptstadt der Herzöge von Lothringen, das architek- tonische Ensemble aus dem 18. Jh. zählt seit 1983 zum Weltkulturerbe der UNESCO, wie der Place Stanislas, einer der schönsten Plätze der Welt. Wiege des französischen Jugendstils, Art nouveau: Villa Majorelle und das Museum der Ecole de Nancy vermitteln  einen guten Eindruck von der kreativen Kraft dieser Künstler.

Info

Rhein-Marne-Kanal Ab 1844 zehn Jahre lang gebaut, wurden auf dieser Lebensader viel Kohle und andere Güter transportiert. 178 Schleusen bewältigen die Höhenunterschiede, Mitte der 1970er-Jahre wurden die meisten davon automatisiert. Heute wird der teils sehr schmale Kanal fast nur noch von Freizeitbooten genutzt.

Bootsmiete „Le Boat“ verchartert Haus- boote im Elsass ab den Basen Hesse und Boofzheim. Kein Führerschein erforderlich, Einweisung dauert eine halbe Stunde. Das Boot hier ist eine Horizon 2 (11,5 m lang, zwei 2- Bett-Kabinen, zwei Nasszellen, Salon mit Küche, Sonnendeck mit Grillplatz und Liegefläche. Bug- und Heckstrahlruder erleichtern das Befahren der Schleusen. Preisbeispiel: Miete für eine Woche im Oktober 2021 ab 1.759 €.

Unterkünfte Für Verlängerungen zu empfehlen:
– Hotel Maison Rouge im Zentrum von Straßburg. traditionelles Haus mit Spa, komplett renoviert, 131 Zimmer und Suiten im Art-déco-Stil. maison-rouge.com/de
– Hôtel Mercure Nancy Centre Place Stanislas, direkt im Zentrum, reichhaltiges Frühstücksbuffet. all.accor.com.

Auskünfte at.france.fr; visit.alsace/de

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