© Braunrath Birgit

freizeit Reise
07/18/2021

Ganz Island auf der Halbinsel Snæfellsnes

Auf engem Raum findet sich alles, was Island ausmacht: Gletscher, Vulkane, Wasserfälle, schwarze Strände, Fischerorte und Wale.

von Birgit Braunrath

Fast hätten wir die Halbinsel im Westen buchstäblich links liegen gelassen. Nur eine Panne im Reiseablauf führte dazu, dass wir Snæfellsnes, diesen linken Ringfinger Islands, näher betrachtet haben – und feststellten, dass die Halbinsel ihren Beinamen Miniatur-Island zurecht trägt. Alles, was Island einzigartig macht, ist auf den 1.468 Quadratkilometern zu finden. Im äußersten Westen, im Krater des schneebedeckten Vulkans Snæfellsjökull, nahm Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ 1863 ihren Ausgang. Und Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness siedelte 1968 hier den sozialkritischen Roman „Am Gletscher“ an.

Zurück zur Panne: Wir warten in der Schlange am Fährticketschalter in Stykkishólmur, der kleinen Küstenstadt, die mit 1.200 Einwohnern in Island als groß gilt. Wir haben nicht vor, länger als eine Stunde zu bleiben. Um 15 Uhr soll Fähre „Baldur“ unser Wohnmobil und uns über den Breiðafjörður-Fjord in die wilden Westfjorde bringen. Ziel ist der Dynjandi-Wasserfall, ein dreißig Meter breiter Fächer, der aus hundert Metern Höhe herabfällt. Die Westfjorde sind rau und unzugänglich. Man hat uns gewarnt, dass die Versicherung für unser Wohnmobil die Anreise über die holprige Straßenpiste „60“ nicht abdecke. Eine Überfahrt mit der Fähre sei hingegen erlaubt.

Übersetzungsprobleme

Wir sind an der Reihe. Es scheint Übersetzungsprobleme zu geben: Die Tickets, die man uns gibt, tragen den Stempel von übermorgen, da wollten wir schon zurück sein. Der Fehler ist rasch aufgeklärt: Es gibt erst übermorgen den ersten freien Platz für die Überfahrt mit Wohnmobil.

Wir protestieren. Was zwecklos ist. Isländer sind zäh. Sie haben Natur- und Finanzkatastrophen weggesteckt. Ein paar Touristen, die Katastrophenstimmung verbreiten, nimmt hier keiner ernst.

Wasserfälle

Aber wir haben doch nicht ewig Zeit! Island ist groß. Wir wollten noch die Wasserfälle Gullfoss, und Seljalandsfoss sehen, den Gletscher Vatnajökull, die Papageientaucher auf den Westmännerinseln, den schwarzen Strand Reynisfjara ... und so viel mehr. Von all dem etwas ... und so viel mehr ... werden wir in den nächsten 48 Stunden erleben. Wir ahnen es noch nicht. Noch meutern wir. Grollend bestellen wir Bier am Hafen, im „Sjávarpakkhúsið“. Die Kellnerin lässt uns wissen, dass die Muscheln vom Tag schon im Clam Chowder dampfen, und wir essen die fantastischste Suppe, die wir nie bestellt hätten.

Die Sonne kommt heraus, die bunten Häuser bekommen Farbe, unsere Wangen auch. Wir holen die Straßenkarte aus dem Rucksack und planen die fantastischste 48-Stunden-Tour, die wir nie vorhatten.

Mitternachtsregenbogen

Bedächtig holpert unser Wohnmobil über die Straße „54“ auf die Snæfellsnes-Halbinsel. 23 Uhr. Der Campingplatz in Grundarfjörður wirkt trist. Es nieselt. Da entdecken wir den Fußballplatz. Und den Regenbogen, den die Nachtsonne über ihn spannt. Wir spielen Mitternachtsfußball unterm Regenbogen und spüren dabei einen merkwürdigen Zauber.

Richtung Meer sehen wir den Kirkjufell. „Ein Berg wie eine Pfeilspitze“ heißt er in „Game of Thrones“. Von hier aus wirkt er zahm. Aber morgen, wenn wir weiterfahren, wird er durch die Gischt des dahinterliegenden Wasserfalls wie eine Pfeilspitze erscheinen. Doch bevor wir aufbrechen, machen wir noch eine Entdeckung: Das örtliche Schwimmbad liegt direkt hinter uns. Und da in Island jedes Bad seinen Hot Pot hat, nehmen wir ein herrlich heißes Bad – statt kalter Katzenwäsche.

Wale finden

Am liebsten würden wir bleiben. Aber wir fahren nach Ólafsvík. Dort haben wir uns gestern noch für eine Walbeobachtungstour angemeldet. Bei „Láki-Tours“ warnt man uns, dass es in den vergangenen Wochen keine Walsichtungen gegeben habe. Wir steigen dennoch ein – und sind im Glück, als die ersten Papageientaucher nah an unser Boot kommen.

Dann schwimmen Delphine neben uns, spielen mit der Bugwelle. Wie schön, dass wir hier sind.

Gerade, als der Kapitän umkehren will, nähern sich Minkwale. Wir folgen ihnen – und fallen vor Überraschung fast über die Reling, als auch noch Orcas auftauchen, eine ganze Familie. Fasziniert begleiten wir sie. Plötzlich wird das Meer rot, die Orcas haben einen Delfin erlegt. Schweigen an Bord. Nur die beiden Biologinnen, die alles protokollieren, sind in heller Aufregung: Erst zweimal seit Beginn der Aufzeichnungen sei ein solcher Vorfall in den Gewässern rund um Island beobachtet worden.

Märchenwelt aus Lavagestein

Langsam ahnen wir, dass wir Momente, die wir nie vergessen werden, verpasst hätten, wären wir wie geplant auf die Fähre gelangt. Wir übernachten am Westzipfel, in einer Märchenwelt aus Lavagestein auf dem Campingplatz von Hellissandur.

Am Morgen umrunden wir den Snæfellsgletscher. Als wir an seinem Fuß, am schwarzen Strand von Djúpallónssandur, riesige Fischskelette entdecken, scheint alles klar: Hier kann man die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ antreten, aber auch das Ende der Welt erahnen. Zurück in Stykkishólmur sehen wir den Snæfellsjökull erneut, diesmal geschmolzen: In der „Wasserbibliothek“ zeigt US-Künstlerin Roni Horn Wasser von 24 isländischen Gletschern in raumhohen Zylindern. So lässt auch das Ende der Welt die Gletscher nicht verschwinden. Die Fähre legt pünktlich ab. Wir schauen zurück auf Stykkishólmur. Und jemand sagt: „Hier wurde ein Hollywoodfilm mit Ben Stiller gedreht: ‚Das erstaunliche Leben des Walter Mitty‘.“ – Uns erstaunt hier nichts mehr.

Klimafreundliche Anreise
Von Wien nach  Reykjavík, Flughafen Keflavík, etwa mit Lufthansa ab zirka 500 €  mit einem Zwischenstopp.
-Kompensation via climateaustria.at: 16 €. Dann mit dem Camper weiter zur Fähre nach Stykkishòlmur

Wohnmobil/Camper
Ab Keflavík zum Beispiel mit McRent-Island Wohnmobil für zwei Personen, zwei Wochen:  4.100€ oder mit KúKú-campers Campervans von ca. 1.350 bis 3.370€. Für Sommer ein Jahr im Voraus buchen! Empfohlene Campingplätze auf der Halbinsel Snæfellsnes: Grundarfjördur, Hellissandur

Fährverbindung Westfjorde
 seatours.is: Im Sommer täglich von Stykkishólmur nach Brjánslækur via Flatey. Fahrzeit: ca. 3 h. Preisbeispiel hin und retour für Wohnmobil (6 m) und 2 Erwachsene: 300€

Auskunft
lakitours.com (Whalewatching); west.is; grundarfjordur.is

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