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Interview
12/20/2020

Regisseur Xaver Schwarzenberger verrät die Geheimnisse um "Single Bells"

Wie macht man einen Kultfilm, der zwei Jahrzehnte später noch begeistert? Die freizeit fragte bei Xaver Schwarzenberger nach.

von Julia Pfligl

Morgen vor 23 Jahren flimmerte „Single Bells“ erstmals über die Fernsehschirme, seitdem ist die bissige Satire über ein missglücktes Familien-Weihnachtsfest aus dem österreichischen Advent nicht mehr wegzudenken. Maßgeblichen Anteil an diesem Erfolg trägt Xaver Schwarzenberger, der filmte und Regie führte. Nach elf Jahren München wohnt der 74-Jährige nun wieder in Wien. Die freizeit durfte ihn in seiner Altbauwohnung besuchen.

KURIER Freizeit: „Single Bells“ und „O Palmenbaum“ wurden auch heuer über zehnmal wiederholt. Können Sie Ihre Filme selbst noch sehen?

Xaver Schwarzenberger: Ich sehe sie meist nur zufällig, wenn ich Sport schaue, und finde das eigentlich sehr beruhigend – außerdem kommt immer ein bisschen Geld ins Haus. (lacht)

„Single Bells“ hat sich zum Kult-Weihnachtsfilm entwickelt, selbst bei Millennials, die damals Kinder waren. Worauf fußt dieses Phänomen?

Ich denke, einer der Hauptgründe ist die große Identifikationsmöglichkeit. Viele erkennen das wieder, was sie selbst erlebt haben oder aus ihrem Umfeld kennen. Diese Prototypen der Mütter, das klassische Problem mit der Schwiegermutter, die Mutter, die ihren Sohn vergöttert, das alles erscheint mir zeitlos. Und dann natürlich die Frage „Karpfen oder Gans“ – das sind urösterreichische, ideologische Auseinandersetzungen. (lacht)

Ulrike Schwarzenberger, Ihre damalige Frau, hat das Drehbuch geschrieben. Flossen auch Ihre eigenen Familien-Erfahrungen mit ein?

Die Geschichten sind zum Teil wortwörtlich so passiert, manches wurde zugespitzt und ausgeschmückt. Meine Mutter, in diesem Fall Inge Konradi (Omama, Anm.), war die Frau eines Schienenschweißers, eine klassische Arbeiterfamilie der Fünfzigerjahre. Die Mutter von der Ulli war eine aristokratisch angehauchte, sehr selbstbewusste Frau, die gut austeilen konnte. Bei Familienfeiern sind diese Welten aufeinandergeprallt. (lacht) Die Väter haben eigentlich keine große Rolle gespielt, meiner ist früh gestorben, Ullis Vater war, sagen wir so, kein Teil dieser Auseinandersetzung.

Es ist wohl kein Zufall, dass Sie Weihnachten als Rahmen für den Film gewählt haben ...

In der Regel treffen selten alle Familienmitglieder aufeinander, zu Weihnachten kommt esgeballt, manche müssen zurückstecken. Die Erwartungen sind hoch, alles ist emotional belastet und in Wahrheit purer Stress. Weihnachten eignet sich also gut für derlei Auseinandersetzungen.

Ihre Filme leben von einer besonderen Art österreichischen Humors. Was zeichnet ihn aus?

Es ist ein bisschen ein Brutalhumor, aber auf gutem Niveau, nicht tief. In diesem Humor steckt viel Sarkasmus und Ironie, das ist auch das, was die Ulli so gut gemacht hat damals. Man braucht unheimlich gute Schauspieler und Dialoge, die Kamera muss das Ganze dann richtig auflösen. (Anm.: Man denke an die Nahaufnahme der geköpften Gans.)

Netflix-Serien boomen – werden TV-Filme wie „Single Bells“ nicht mehr gemacht?

Ich muss sagen, die meisten 90-Minüter sind schlecht oder, na ja, medioker. Wenn etwas gut ist, dann Mehrteiler oder Serien. Es gibt Ausnahmen, den Schalko zum Beispiel. Ich bin froh, dass ich in einer Zeit Filme gemacht habe, als es noch einfacher war. Wir konnten viel mitentscheiden, heute gibt es jedes Mal einen Krieg ums Geld. Auf Netflix habe ich mich übrigens wegen „The Crown“ angemeldet. Wenn ich dann höre, es gibt noch eine und noch eine Staffel, fühle ich mich gefoppt – wie ein Hund, dem man dauernd ein Stück Wurst hinhält.

Was blieb Ihnen vom Single-Bells-Dreh in Erinnerung?

Eigentlich wollten wir alles in Freistadt (OÖ, Anm.) drehen, aber da lag kein Schnee. Also haben wir in dem Bauernhaus nur die Innen-Szenen gedreht. Über die Nichte von Birgit Hutter, der Kostümbildnerin, die mittlerweile meine Lebensgefährtin ist, haben wir dieses Haus bei Mariazell gefunden. Die Nichte ist Försterin und wusste, dort, am Annaberg, ist immer Schnee. So war es dann auch. Wann haben wir diesen Film denn eigentlich gemacht?

Xaver Schwarzenberger, geboren 1946, ist  einer der bedeutendsten österreichischen Kameramänner und Regisseure. Für „Der stille Ozean“ erhielt er 1982 den Silbernen Bären, im Rahmen eines jahrelangen Exklusivvertrags mit dem ORF entstanden  Filme wie  „Tafelspitz“ oder „Zuckeroma“. Mit Drehbuchautorin Ulrike Schwarzenberger war er 37 Jahre verheiratet, sie haben   zwei Töchter. 

1997! Ahnten Sie, dass er Kult wird?

Nein, nie. So ist das ja immer bei sogenannten Erfolgen. Man versucht, einen guten Film zu machen, oder zumindest einen, der das hält, was er verspricht. Die Reaktionen waren sofort sehr gut. Richtig ist ein Film dann, wenn die Leute an den Stellen lachen, wo sie sollen. Übrigens hat der Film auch in Bayern irrsinnig viele Fans. Ich hätte nie gedacht, dass so viele Menschen die gleichen Probleme haben. Wir haben sie eben komödiantisch gelöst, nicht in der Tragödie.

Apropos: Hat der Baum wirklich gebrannt?

Jaja. Da gibt es eine spezielle Brandmasse und rundherum stehen Leute mit Feuerlöschern. Der Nerz war glaube ich auch nicht echt. (lacht) Obwohl man sich damals nichts gepfiffen hat. Das waren andere Zeiten.

Wie kam es zur Fortsetzung auf Mauritius?

Die Ulli hat sich lange bitten lassen, weil sie das überhaupt nicht wollte. Meist ist der zweite Teil ja schwächer als der erste. Zu dieser Zeit waren wir über Weihnachten oft mit den Kindern auf Mauritius. So entstand die Idee für „O Palmenbaum“. Im Grunde wurde im ersten Teil schon alles erzählt. Aber es war eine gute Fortsetzung.

Lebt die Chance auf einen dritten Teil?

Die Ulli war nie für Fortsetzungen, ich weiß auch nicht, ob der ORF bereit wäre ... Ich habe seit vier Jahren keine Filme gemacht, weil ich nicht mehr das machen konnte, was ich wollte. Projekte, die man selber entwickelt, hinter denen man steht. Mit 70 wollte ich mich nicht länger damit herumärgern.

Auch Ihre Liebesgeschichte wäre filmreif: Nach 50 Jahren haben Sie sich in die Kostümbildnerin Birgit Hutter verliebt.

Wir kennen einander seit 1969 und haben fünf, sechs Filme gemeinsam gemacht. Ich bin dann nach Deutschland gegangen und wir haben einander aus den Augen verloren. Als ich 2018 zurück nach Wien kam, habe ich intuitiv den Kontakt zur Birgit gesucht.

Würden Sie wieder heiraten?

Nein, eine Ehe reicht. (lacht) Wir haben getrennte Wohnungen, aber wir leben miteinander. Das funktioniert wunderbar. In unserem Alter fallen viele Spannungen weg, Arbeit, Erziehung. Das einzig Beschwerte ist, dass man alt ist. Meine Enkelin sagte unlängst zu meiner Tochter: Weißt du, der Nonno ist schön – aber alt. (lacht)

Wie werden Sie Weihnachten begehen?

Zurückgezogen, wir werden wie immer kochen und essen.

Gansl oder Karpfen?

Weder noch! Vielleicht machen wir einen Branzino in Salzkruste. Es wird zu keinen Single-Bells-artigen Szenen kommen. Wir haben alle aus dem Film gelernt. (lacht)

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