© Victoria Will/Invision/AP

freizeit
08/31/2019

Pretty Man: Richard Gere wird 70!

70 Jahre – davon mehr als die Hälfte im Schatten einer hübschen Frau. Andere Männer wären daran zerbrochen. Richard Gere wurde einfach immer noch besser.

von Andreas Bovelino

Hat Richard Gere „Pretty Woman“ jemals zum Teufel gewünscht? Nicht laut, an der Öffentlichkeit, aber wenn er alleine war, mit zusammengebissenen Zähnen, während er an frühe Rollen wie „In der Glut des Südens“, „Yanks“  und  „American Gigolo“  dachte. An die Arbeit mit Regisseuren à la Terrence Malick, John Schlesinger und Paul Shrader, die den jungen Gere in den späten 70ern und frühen 80ern zum heißesten Kandidaten als Nachfolger der großen Hollywood-Helden Paul Newman und Marlon Brando gemacht hatten.

Gere war der Rebell, der gutaussehende, ein wenig wilde Typ, den alle Mädels anhimmeln – und mit dem trotzdem alle Jungs befreundet sein wollen. 1990 hatte Richard Gere aber auch schon Rückschläge an den Kinokassen einstecken müssen – mit seinem expressiven „König David“ etwa oder dem leider völlig unterschätzten Remake des französischen Klassikers „Außer Atem“ („Breathless“), immerhin einem der erklärten Lieblingsfilme Quentin Tarantinos.

Und dann kam „Pretty Woman“. Das schöne Aschenputtel und der Prinz in schimmernder Rüstung mit etwas „My Fair Lady“ als Obershäubchen oben drauf. Der Stoff, aus dem Kinoträume sind. DER Film, der aus dem ambitionierten 31-Jährigen  New Yorker   quasi über Nacht DEN „Mr. Dreamy“  sämtlicher Frauengenerationen gleichzeitig machte ...

Der Ruhm hatte seinen Preis, gegen den Ruf eines bloßen „Schönlings“ kämpfte er danach jahrelang an. Dabei halfen seine zahlreichen Affairen – von Diana Ross, Barbra Streisand und Kim Basinger über Diane von Fürstenberg, Priscilla Presley und Susan Sarandon bis zu italienischen und britischen Supermodels, Salman Rushdies Ex Padma Lakshmi und Uma Thurman! – natürlich nicht wirklich.

Immer frisch verliebt

Seine Ehe mit Cindy Crawford? Das ultimative Prinzenpaar des Klatsch-Karnevals. Bejubelt, dann 1.000 Mal zu Tode geschrieben, nach vier Jahren war tatsächlich Schluss. Heute, mit 70, ist er mit der spanischen Erbin und Aktivistin Alejandra Silva verheiratet. Sie ist 36. Sie sind harmonisch, nicht nur der Kampf für Menschenrechte vereint sie, im Februar brachte Alejandra einen Sohn zur Welt, man darf wohl auch hier gratulieren.

So leidenschaftlich sein Liebesleben verlief, so leidenschaftlich ging Richard Gere auch immer an seine Filmrollen heran. Das führte 1974 am Filmset zu einer Prügelei mit Silvester Stallone, meistens aber zu ganz einfach starken Performances. Seine frühen Erfolge haben wir schon genannt,  nach „Pretty Woman“ legte er ein beinahe manisches Arbeitspensum an den Tag. Bei bis zu zwei Filmen pro Jahr ist natürlich einiges nur Mittelmaß, dagegen stehen allerdings genügend großartige Arbeiten wie der Betrüger Clifford Irving in „The Hoax“, als eiskalter Manager in „Arbitrage“ oder auch im  extraharten Cop-Thriller „Brooklyn’s Finest.

Dann der beklemmende Thriller „Red Corner“, „Dr. T & The Women“, in dem er genussvoll sein eigenes Womanizer-Image auf die Schaufel nimmt, dann gleich darauf der betrogene Ehemann in „Unfaithful“, und, absolut großartig: Als Ehemann hinter der legendären Flieger-Heldin Amelia Earhart.

Dancing Star & böser Bub

Dass er ein unglaublich fieser Bösewicht sein kann, zeigte Gere schon im selben Jahr als „Pretty Woman“ herauskam. „Internal Affairs“ hieß der Thriller, der damals zu Unrecht ein wenig untergegangen ist. Unvergesslich: Das sardonische Lächeln, mit dem er dem rasend eifersüchtigen  aber hilflos am Boden liegenden Andy Garcia ein Höschen von dessen Frau zuwirft, nachdem er ihn auf hinterhältige Weise windelweich geprügelt hatte: „Mach dich damit sauber“, sagte er dazu sachlich in seinem butterweichen Bariton.

Und natürlich, ganz großes Kino bekam kaum wer  so charmant hin wie Mr. Gere:  Wir erinnern uns an das Historien-Drama „Sommersby“   mit Jodie Foster,  „Shall We Dance“ und das geniale Musical „Chicago“. 

Ja, tanzen kann Richard Gere tatsächlich – er ist aber auch ein ausgezeichneter Musiker, komponierte und spielte das Piano-Thema für „Pretty Woman“ persönlich ein, ebenso wie das Gitarren-Solo für „Runaway Bride“. Haben wir eigentlich schon erwähnt, dass er ein versierter Boxer ist und einige Meister-Grade in Karate absolviert hat?

Richard Gere ist viel zu höflich, um sich abfällig zu bestimmten Themen zu äußern oder schnell genervt abzuwinken. So  beantwortete er noch 35 Jahre nach der Filmpremiere von  „Pretty Woman“ im US-Frühstücksfernsehen geduldig die Fragen sämtlicher Interviewerinnen zur „Badewannen-Szene“, den verschiedenen Drehorten und der Harmonie zwischen ihm und Julia Roberts. Auch wenn er eigentlich aktuelle, aber weniger glamouröse Projekte promoten will,  wie  etwa vor zwei Jahren das Drama „Norman“ mit Charlotte Gainsbourg und Steve Buscemi oder aktuell die Psycho-Studie „Three Christs“ mit der anbetungswürdigen Julianna Margulies und dem fabelhaften Peter Dinklage.

„Ruhm ist eigentlich lästig“, wiederholt er so sanft wie regelmäßig in Interviews, „aber er ermöglicht dir auch, Sachen zu machen, die du normalerweise nicht machen könntest. Also sollte man auch dankbar sein.“

Und Richard Gere, der Sohn eines kleinen Versicherungsvertreters, der seinen Stammbaum bis zurück zu den „Pilgervätern“ zurückführen kann, die 1620 mit der legendären „Mayflower“ aus England in die Neue Welt kamen, ließ wirklich keine Gelegenheit aus, genau das zu tun, was er wirklich wollte.

Schön & gut

Ein Privileg, das der aktive Buddhist und persönliche Freund des Dalai Lama auch zu schätzen weiß. Und zu nutzen. Er setzt sich weltweit für gefährdete indigene Bevölkerungen ein, über die er  auch ein Buch geschrieben hat.

Er ist regelmäßig auf Unterstützungskampagnen für Umweltschutz und die Aids-Hilfe und gründete die „Gere Foundation India Trust“, um verschiedene humanitäre Projekte in Indien zu finanzieren. Legendär sein spontaner Hinweis auf die Menschenrechtsverletzungen in China als er 1993 einen Oscar überreichen soll. Seitdem darf er offiziell keine Oscar-Reden mehr halten.

Aber Hollywood scheint Richard Gere ohnehin zunehmend egal zu sein. Lieber spielt er in internationalen Independent-Filmen. Und nein, wahrscheinlich wünschte er „Pretty Woman“ wirklich nie zum Teufel. Sondern dankt ihr dafür, dass sie es ihm ermöglicht hat, in ihrem Schatten wirklich alles zu tun, was er wollte.