© Johan Paulin/Netflix

freizeit
12/17/2020

Nordischer Serien-Boom: Was machen die Skandinavier besser?

Intensiver, mutiger, besser: Ob als Krimi, Fantasy oder als Komödie, Serien aus dem hohen Norden sorgen für einen Boom in Streaming und TV. Ein Millionenpublikum ist fasziniert. Warum eigentlich?

von Alexander Kern

Er hat genug. Von allem. In Helsinki erinnert ihn jede Ecke an ein Verbrechen. Seine Frau ist an Krebs erkrankt. Dem allen möchte der finnische Top-Cop entfliehen – und woanders ein neues Leben beginnen. In einem Städtchen nahe der russischen Grenze hofft der knorrige Kauz zur Ruhe zu kommen. Doch Entspannung ist nicht – ein Serienkiller zieht nämlich seine blutige Spur durch den Schnee ... 

Mehr als eine Million Zuschauer folgten der Serie "Bordertown" in Finnland – und sogar Horror-Meister Stephen King bekannte sich als Fan. Auf Netflix kann man sehen, warum. Für die Freunde nordischer Krimis ist die Reihe ein Fest:  grausame Verbrechen, düstere Stimmung und psychische Abgründe – sie hat alles zu bieten, was Nordic Noir ausmacht. Das Genre ist ein Phänomen:  ungebrochen beliebt lässt es sein Publikum seit Jahren vor Spannung das Blut in den Adern gefrieren – und erlebt derzeit eine neue Hochblüte: Serien wie "Deadwind" (Finnland), "Quicksand" aus Schweden oder "The Valhalla Murders" sowie "Trapped" aus Island sind geprägt von dunklen Geheimnissen, eisiger Kulisse und verstörenden Fällen.

Die trostlose Atmosphäre ist dabei Programm. Und dennoch reichen einzig diese augenscheinlichen Versatzstücke keineswegs, um die finstere Faszination dieser Arbeiten nachempfinden zu können: Da ist noch etwas anderes, unerklärlich Tiefgehendes, mit der  sie das Menschsein der Protagonisten wie auch gesellschaftliche Zusammenhänge beleuchten – und das kriegen scheinbar einzig die Skandinavier so hin, wie sie es hinkriegen.

Der Täter? Zweitrangig

"Die Landschaft, die Weite und Atmosphäre Skandinaviens, die furchtbar langen Winternächte, die Einsamkeit – all das macht Nordic Noir aus", weiß Thomas Roth. Der Regisseur, vielen bekannt durch "Falco – Verdammt, wir leben noch!", weiß, wovon er spricht. Nicht nur ist der Österreicher ein Mann vom Fach, der etliche "Tatort"-Folgen in seiner Vita stehen hat. Sondern er schrieb und inszenierte  auch mehrere Filme der Reihe "Der Kommissar und das Meer". Von der Kritik wurde die Serie, in der Hauptdarsteller Walter Sittler auf der Insel Gotland ermittelt, stets über den grünen Klee gelobt. Und auch die Quote konnte sich aber so was von sehen lassen: Sechs Millionen Menschen sahen an Samstagabenden regelmäßig zu.  Kurz vor der 30. Jubiläumsfolge wurde die Serie dennoch abgesetzt – "Senderentscheidung", kommentiert Roth knapp, der die letzte Folge eben abdrehte. Warum die nordischen Krimidramen so gut ankommen? 

"Diese Serien trauen sich mehr, als man gewohnt ist – die Macher wagen etwas", weiß Roth. Sie brechen mit erwartbaren Handlungsverläufen, überraschen mit unvorhergesehenen Wendungen. Sie fordern das Publikum, das für diesen Aufwand aber reich belohnt wird. Und die Arbeiten weisen oft über die Grenzen des Krimis hinaus Richtung Thriller. Für Sozialromantik bieten die Nordic-Noir-Filme wenig Raum. Für Realitätsnähe sehr wohl. "Sie haben den Mut, das Leben am Abgrund zu zeigen", so der Regisseur. Das Genre, das literarisch mit Henning Mankells Romanen über den Kommissar Kurt Wallander literarisch seinen Ausgang nahm und auch in Stieg Larssons Büchern ("Millennium"-Trilogie) große Erfolge feierte, setzt auf komplexe Charakterstudien und beißt sich in gesellschaftlichen Problemen fest. 

Whodunit – wer hat es getan? Die klassische Gretchenfrage des Krimigenres hat im kühlen Real-Kosmos des Nordic Noir keine Priorität. "Es geht um das menschliche Drama", erläutert Thomas Roth. "Die Figuren sind keine wandelnden Klischees. Stattdessen machen sie eine Entwicklung durch oder stellen sich ihr entgegen – diese Serien gehen der Frage auf den Grund, warum diese Menschen dort enden, wo sie geendet sind. Die Suche nach dem Täter scheint weniger wichtig als die Frage: Wie entsteht Verbrechen eigentlich?" 

Eine Antwort darauf sucht auch die Serie "Quicksand", nach dem Bestseller von Malin Persson Giolito. Am Beginn steht ein Amoklauf an einer Schule in Stockholm. Die einzige Überlebende gerät zur Verdächtigen – angeklagt wird die 18-jährige Maja. Die schwedische Netflix-Produktion geht unter die Haut. Und verbindet eindrucksvoll Gerichtssaal-Drama, Teenager-Konflikt und Sozialkritik. Denn übergeordnet stellt die Miniserie vor allem eine brennende Frage: Wie kann es kommen, dass Jugendliche sich von der Gesellschaft derart entfremden? 

Wer möchte, findet im nordischen Serien-Universum etwas für jeden Geschmack. Sei es die neue Fantasy-Serie "Ragnarök" aus Norwegen, die nordische Mythologie-Götter mit Klimawandel und Teenager-Drama kurzschließt. Oder die Endzeit-Serie "The Rain", die von einem für die Menschen tödlichen Regen erzählt und den Überlebenden im postapokalyptischen Dänemark. In "Kalifat" aus Schweden werden eine Studentin und eine ehrgeizige Polizistin in einen bevorstehenden IS-Angriff verwickelt. "Blutiger Trip" wiederum ist eine vor skurrilen Ideen strotzende Horror-Anthologie aus Norwegen.

Wunderbar gelungen ist die schwedische Komödie "Liebe und Anarchie", die von Mutproben unter Liebenden erzählt – und dabei vom Dilemma des Angepasstseins und einer Frau, die sich daraus befreit. Wer danach wieder Lust auf Düsteres verspürt, wird sich wohl "The Valhalla Murders" ansehen. In Reykjavik wollen ein getriebener Profiler und eine Kommissarin einem Serienkiller auf die Spur kommen: klassischer Noir pur – und mit Mystery-Touch. Aber auch "Der junge Wallander" (siehe Artikelbild) ist der Stolz des Genres. In der Vorgeschichte zu Mankells berühmten Kommissar ist dieser noch ein unerfahrener Bursche und wird Zeuge eines grausamen Mordes. Dahinter steckt jedoch mehr: Rassismus und Rechtsextremismus. Aktueller geht’s kaum.

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