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Interview
12/12/2020

Streetstyle-Fotograf Scott Schuman: "Sich gut zu kleiden ist eine Kunst"

Im Interview verrät der New Yorker, welche Fashion-Fauxpas er beobachtet – und warum es trotzdem in Ordnung ist, sich an keinerlei Moderegeln zu halten.

von Maria Zelenko

Als Scott Schuman Anfang des neuen Jahrtausends seinen Blog „The Sartorialist“ aus der Wiege hob, stellte er damit das gängige Bild der Modefotografie auf den Kopf. Der US-Amerikaner zeigte online nicht die üblichen perfekt inszenierten Studioaufnahmen, sondern Alltagsoutfits von Frauen und Männern, die er auf der Straße angesprochen hatte. Schuman prägte das, was heute als Streetstyle-Fotografie bekannt ist. Soeben hat der 52-Jährige seinen fünften Bildband veröffentlicht. Die erreichte ihn telefonisch in seiner New Yorker Wohnung, um über das Geheimnis des guten Stils zu sprechen.

freizeit: Herr Schuman, wie kamen Sie vor fast zwei Jahrzehnten auf die Idee, ganz normale Menschen auf der Straße abzulichten?

Scott Schuman: Ehrlich gesagt wollte ich nie Modefotograf werden. Aber schon als Kind habe ich mich für Magazine und Mode interessiert. Erst nachdem meine beiden Kinder auf die Welt kamen, war das Interesse an Fotografie geweckt. Irgendwann habe ich beschlossen, dass das gut mit meiner Leidenschaft für Mode kombiniert werden könnte, wollte aber auf keinen Fall im Studio arbeiten. Niemand hat zu diesem Zeitpunkt jene Menschen auf der Straße fotografiert, die ich als interessant empfand.

Mittlerweile hat sich die Streetstyle-Fotografie ziemlich verändert.

Ja. Als ich damit anfing, kam das Thema Blogs gerade erst auf. Heute gibt es Instagram und jeder, der möchte, kann sich einen Account anlegen und Fotos hochladen. Alle Personen, die ich damals fotografiert habe, waren wie mysteriöse Wesen. Jetzt kann jeder Fotos von ihnen in den sozialen Medien finden. Aber die Leute lieben noch immer diese Art von Aufnahmen, wie man sieht.

Es ist ein regelrechter Hype um diese Art der Fotografie ausgebrochen. Heutzutage wartet bei den Fashion Weeks in New York oder Paris eine Fotografen-Meute auf die Show-Besucher, um sie vor die Linse zu bekommen. Es hat fast den Anschein, dass sich Letztere nur für die Kamera so herausputzen.

Das stimmt. Und es würde mich nicht stören, wenn sie dabei gut gekleidet wären. Aber die meisten dieser Leute ziehen sich nur an, um Aufmerksamkeit zu erregen. In vielen Fällen wollen sie einfach nur zeigen, dass sie Designerkleidung besitzen – und tun das nicht gerade auf originelle Art und Weise. Viele der dort anwesenden Frauen bekommen von den Designern Teile geliehen. Und genau so sieht es in vielen Fällen auch aus: Es fühlt sich wie Werbung an.

Können solche Outfits überhaupt noch als Inspiration für andere dienen?

Vielleicht ziehen sich diese Frauen ja wirklich jeden Tag so an, das weiß ich nicht. Aber es hat meiner Meinung nach nichts mit gutem Stil zu tun, in einem Moment jenes große Modehaus von Kopf bis Fuß zu tragen und kurze Zeit später schon wieder ein anderes. Das sind keine Stilikonen. Aber am Ende des Tages geht es nur darum, was der Betrachter für sich selbst mitnehmen kann. Vielleicht gefällt das Outfit nicht, dafür aber die Farbkombination oder die Art und Weise, wie jemand dasteht.

Ich habe Sie einmal beim Verlassen einer Show-Location in Paris beobachtet. Jene Frauen, die die anderen Fotografen ablichteten, haben Sie ignoriert. Welche Outfits wecken Ihr Interesse?

Ich habe da keine konkreten Vorstellungen, ich lasse mich gerne überraschen. Manche Frauen haben einen sehr dramatischen Stil, andere einen sehr zurückhaltenden. Mein Ziel ist: Wie kann ich ein Foto machen, auf dem die Mode ein wenig darüber verrät, wer diese Person sein könnte.

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Kommt es vor, dass sich Menschen bewusst in Ihrer Nähe positionieren, nur um von „The Sartorialist“ entdeckt zu werden?

(lacht) Manchmal. Ich merke das sofort und es führt dazu, dass ich mich befangen fühle – und diese Person erst recht nicht fotografieren will.

Gibt es jemanden, der sich nicht vor Ihre Kamera stellen wollte?

Oh ja, ständig. Wenn Leute nicht Nein zu dir sagen, fragst du nicht genug.

Wie würden Sie nach mehreren Jahrzehnten in dieser Branche guten Stil definieren?

Fast niemand, den ich fotografiere, ist perfekt angezogen. Das erwarte ich auch nicht. Es gibt jedoch Menschen, die ich über die Jahre hinweg immer wieder abgelichtet habe. Sie haben immer wie sie selbst ausgesehen, aber ihr Look hat sich dennoch entwickelt. Das macht für mich guten Stil aus.

Sie haben mehrere Bildbände veröffentlicht, der aktuellste widmet sich ausschließlich Männern. Ihnen wird häufig nachgesagt, dass sie modisch nicht so experimentierfreudig sind wie Frauen.

Auf die jüngere Generation trifft das nicht mehr zu. Heutzutage haben Männer keine Angst mehr, sich so zu geben, wie sie wirklich sind. Bei Modenschauen sehe ich beispielsweise oft Profi-Basketballer oder Footballer, die Ausgefallenes tragen. Früher gab es an Männern im Beruf nur Anzüge zu sehen. Heutzutage ziehen sie an, was sie wollen. Das Schlechte an weniger Moderegeln ist jedoch, dass manchmal das Gefühl dafür verloren geht, dabei auch das Richtige für den eigenen Körpertyp zu wählen. Viele Männer sehen cool aus, aber physisch gesehen nicht unbedingt gut.

Was ist in diesem Zusammenhang der häufigste Fehler der Männer?

Dass sie ihre Kleidung nicht zum Schneider bringen. Das gilt übrigens auch für Frauen. Früher war das gang und gäbe. Jetzt sehe ich oft zu lange oder zu kurze Hosen und Hemden, die nicht perfekt sitzen. Deshalb verrate ich im Buch auch, wie jeder dafür sorgen kann, dass seine Klamotten gut an ihm aussehen. Das heißt jedoch nicht, dass diejenigen, die es bewusst anders machen, automatisch schlecht aussehen. In der Einleitung schreibe ich: Hier sind viele Ideen, wie ihr gut aussehen könnt, gleichzeitig zeige ich Fotos vieler Männer, die genau das Gegenteil machen. Sie wollen einfach Spaß mit Mode haben, es kümmert sie nicht, ob ihre Proportionen gut zur Geltung kommen oder nicht. Sich gut zu kleiden, ist nun mal eine Form von Kunst. Es ist wie Kochen: Du kannst die besten Zutaten haben, dennoch wird es Gerichte geben, die gut schmecken – und jene, die es nicht tun.

Buchtipp: „The Sartorialist Man“ von Scott Schuman. 312 Seiten, um ca. 39,95 Euro. Erschienen bei Rizzoli

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