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freizeit Mode & Beauty
12/07/2019

Bitte ganz oberflächlich: Industrial-Designer Zanzotti im Interview

Christian Zanzotti hat dem bekannten Start-up unu mit seinem Design aus der Patsche geholfen. Der Stardesigner im Interview.

von Christina Michlits

„Ich hätte den Auftrag gar nicht annehmen dürfen“, gibt der preisgekrönte Industriedesigner Christian Zanzotti zu und spricht dabei über seinen neuesten Entwurf: einen Elektro-Roller. Die drei Gründer des viel gehypten Berliner Start-ups unu waren dann aber zu sympathisch und teilen mit Zanzotti zudem die Affinität zur E-Mobilität.

Der 34-jährige Agenturchef, der mit seiner Münchener Firma ansonsten für Kunden wie Audi oder BMW arbeitet, erzählt, wie es doch zum neuen E-Roller kam, wie hart die Branche ist  und wie ein Ästhetik-Fetischist wie er privat wohnt.

KURIER: Es ist einigermaßen ungewöhnlich, dass in einer Presseaussendung für einen neuen E-Roller erklärt wird, wie schwierig die Ausgangslage für den Designer war.

Christian Zanzotti: Ich wollte darauf hinweisen, dass ich erst am Ende des Entstehungsprozesses mit an Bord geholt wurde. So arbeite ich eigentlich nicht, weil es extrem wichtig ist, bei einem Produkt von Anfang an eingebunden zu sein und Analysearbeit zu leisten. Aber unu ist ein spezieller Kunde, den ich wirklich schätze. Es war sehr chaotisch und die junge Firma befand sich in einer kreativen Krise, weil das Designkonzept nicht besonders prickelnd war, das Projekt aber schon weit fortgeschritten. Eine ungute Ausgangslage.

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Sie haben aber dann doch zugesagt. Warum?

„Es ist spannend, etwas zu entwerfen, dass dann tatsächlich produziert wird. Das ist bei der Arbeit für großen Firmen oft nicht der Fall. Ich habe ganz schön geschluckt, als unu erklärte, es bleiben nur noch zwei Monate Zeit. Aber ich wollte diesen Jungs helfen und ich beschäftige mich seit Jahren leidenschaftlich mit E-Mobilität.“

Und wie finden Sie das Endprodukt nun?

Mit dieser Story im Hinterkopf bin ich wirklich sehr zufrieden. Man kann nie behaupten, ein perfektes Produkt geschaffen zu haben, es ist immer das bestmögliche. Aber der Scooter sieht jetzt viel besser aus. Ich werde mir auf jeden Fall einen zulegen. Für den verrückten Verkehr hier in München ist der unu ideal.

Viele können sich unter der Berufsbezeichnung Industriedesigner wenig vorstellen. Hatten Sie diesen Berufswunsch?Nein, überhaupt nicht. Ich bin ein Südtiroler aus den Bergen und wusste gar nicht, was ein Industriedesigner ist. Ich habe eine HTL absolviert, also eine sehr technische Ausbildung im Bauwesen. Damals habe ich gemerkt, dass mich die Kreation von Dingen am meisten reizt und mir wirklich Spaß macht. Irgendwann habe ich mich getraut, an der Hochschule für Produktdesign in München zu bewerben. Meine Mappe war im Gegensatz zu den anderen sehr technisch, was aber sicher kein Nachteil war.

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Wie stark ist die Konkurrenz in diesem Metier?

Tatsächlich sehr stark. Von Tag eins hat man zu performen. Alle versuchen, wo unterzukommen. Der Designberuf ist sehr gefragt.

Sie sind jetzt mit ihrer eigenen Agentur für Unternehmensriesen wie Audi oder BMW tätig. Ist das anders als für kleine Firmen zu arbeiten?

Total. Als Erstes hat man hier mit der Rechtsabteilung zu tun und bekommt einen Geheimhaltungsvertrag auf den Tisch gelegt. Vieles was entworfen wird, wird am Ende nicht umgesetzt. Die Ausschussrate liegt bei 80 Prozent. Was auch verständlich ist. Der Druck ist enorm und wenn etwas realisiert wird, dann ist das Investment bei diesen Unternehmen sehr hoch.

Sie sind mit 34 Jahren relativ jung für einen derart erfolgreichen Designer. Das gilt fast als Nachteil in dieser Branche.

Ja, Alter ist Gold wert (lacht). Daher kann ich mich glücklich schätzen, so viele tolle Aufträge übernehmen zu können. Erfahrung ist tatsächlich sehr wichtig. Auch weil der Beruf so vielfältig ist. Man hat unterschiedlichste Kunden, mit denen man umgehen muss und Projektabwicklung ist meist extrem aufwendig.

Das beste und das schlechteste Produkt, das Sie bislang entworfen haben?Es gab eigentlich keinen Reinfall, ich muss ja zu allem stehen können, sonst präsentiere ich es nicht. Ich finde den Industriedrucker „Durst“ sehr gelungen. Wahrscheinlich auch, weil wir uns hier am wenigsten erwartet haben. Aber es ist ein grundehrliches, schönes Produktdesign geworden, das den Operator unterstützt. Auch gut finde ich unsere Whiskeyflasche. Sie ist traditionell und modern zugleich. Ich habe von einem Whiskey-Experten die entscheidende Info bekommen, dass Kenner auf Purismus setzen und keinen Schnickschnack mögen. Daher haben wir die ursprünglichen Flaschenformen nur leicht überzeichnet und modern interpretiert.

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Wie setzt man sich von den anderen Agenturen ab – muss man vor allem verkaufen können?

Natürlich muss man überzeugen und verkaufen können. Aber wir unterscheiden uns dadurch, dass wir sehr wissenschaftlich an die Sache herangehen und sehr viel Vorarbeit bei der Analyse leisten. Es ist eine Sache, ob man etwas vom CEO hört oder von den Mitarbeitern. Wir recherchieren sehr viel. Und wir sind sehr stark in der Ausführung tätig. Wir erstellen also nicht nur das Konzept und arbeiten aus einer ästhetischen Sicht heraus, wir bauen die Maschine auch. Außerdem machen wir keine Faceliftings von schon bestehenden Produkten, nur um unseren Umsatz zu steigern. Ich versuche Produkte zu machen, die so langlebig wie möglich sind.

Wie leben Sie privat, wenn sie im Beruf extrem auf ästhetische Details achten.

Ich muss schon sagen, dass man einen gewissen Anspruch entwickelt und dieser das Leben oft um Vieles schwerer macht. Ich habe eine Affinität zu gut gemachten Produkten. Möbel zu kaufen kann deshalb sehr anstrengend sein. Ich bin da noch entspannter als viele Kollegen und versuche einfach, keinen Müll zu kaufen. Das heißt aber nicht, dass es besonders teuer sein muss.

Welche Couch steht in Ihrem Wohnzimmer?

Wir haben eine gebrauchte Couch, die wir in den Kleinanzeigen entdeckt haben. Sie stammt aus einer kleinen deutschen Möbelmanufaktur und hat lächerlich wenig gekostet. In Pforzheim habe ich beispielsweise auch Designklassiker entdeckt, die zur Entsorgung auf die Straße gestellt wurden.

Esstisch und Sessel?

Ich habe mir den Brut Esstisch von Magis geleistet, die Stühle sind Prouvé Standard.

Welches Auto fahren Sie?

Einen älteren Audi.

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Christian Zanzotti

Christian Zanzotti stammt aus Süditalien, hat sich in renommierten Agenturen wie IDEO und bei Hannes Wettstein einen Namen gemacht und ist seit sieben Jahren selbstständiger Produktdesigner mit Schwerpunkt Mobilität und Lifestyle. Zu seinen Kunden gehören neben unu auch Audi, BMW oder Rolls Royce. Der 34-Jährige hat gemeinsam mit drei Mitarbeitern sein Atelier in der Kreativwerkstatt in München. 2014 erhielt er den German Design Award als Newcomer des Jahres, 2018 den Förderpreis der Stadt München für herausragende Leistungen.

Unu wurde 2013 von Elias Atahi, Pascal Blum und Mathieu Caudal in Berlin gegründet, die mit ihrem Start-up das Mobilitätsproblem in Städten lösen wollen. Mittlerweile sind sie Marktführer im deutschsprachigen Raum. Ab Februar 2020 liefert unu nun die zweite Version seines E-Scooters. Er hat eine Reichweite von 50 Kilometer, kann mit dem Handy abgesperrt werden (inkl. Key Sharing und Diebstahlschutz), hat einen portablen Akku, der an einer normalen Steckdose geladen wird (0,61 Euro pro 100 Kilometer) und fährt eine Höchstgeschwindigkeit von 46 km/h. Preis: ab 2799 Euro.

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