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freizeit Mode & Beauty
05/20/2020

Aufschrei in der Modewelt: "Das alles ergibt keinen Sinn mehr"

Immer weniger Zeit für immer mehr Kollektionen – nach der Corona-Krise wollen Designer nicht mehr auf diese Art weitermachen.

von Maria Zelenko

Die Eisheiligen liegen endlich hinter uns, für die kommenden Tage sind über 20 Grad vorhergesagt. Die passenden Outfits warten jedoch bereits seit Februar in den Stores: Schon zu Beginn des Jahres wurden die ersten luftigen Blusen und Kleider ausgeliefert. Wer jetzt eine als „Neue Kollektion“ gekennzeichnete Kleiderstange in einer Boutique sieht, hat bereits die ersten Vorboten der Herbst-Kollektion, Pre-Fall genannt, vor sich. 

Klingt komisch? Finden auch die Designer selbst. Der Modezyklus ist in den vergangenen Jahrzehnten vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Gab es vor 20 Jahren noch die typische Unterteilung in Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter, müssen heutzutage bis zu sechs Kollektionen jährlich aus dem Boden gestampft werden. Eine Schnelligkeit, die in der Coronakrise – und auch künftig – nicht mehr einzuhalten ist.

Immenser Druck

Giorgio Armani beschrieb erst kürzlich den Niedergang des Modesystems. Der aktuellste Aufschrei erfolgt in Form eines offenen Briefes an die Modewelt, zu finden auf forumletter.org. Darin appellieren Dries van Noten, Angela Missoni und weitere namhafte Designer: Es muss künftig weniger produziert werden. Und die Ware zu einem für den Kunden sinnvollen Zeitpunkt in die Geschäfte kommen.

Eine Forderung, der sich Petar Petrov nur allzu gern anschließt. Der in Wien ansässige Designer ist mit seinen Entwürfen in internationalen Luxus-Kaufhäusern wie Bergdorf Goodman und bei Online-Platzhirschen wie Net-A-Porter vertreten. Seit 2009 betreibt der 43-Jährige sein Label, doch in den vergangenen Jahren sei der Druck zunehmend gestiegen. „Wir hatten zuletzt immer häufiger Nachfragen, noch mehr Kollektionen zu präsentieren“, sagt Petrov. „Vor allem die Kaufhäuser wollen ständig neue Ware.“

Das Problem: Die Fristen wurden immer kürzer, schließlich blieben nur noch zwei Wochen für die Entwicklung einer neuen Kollektion. „Der Aufwand wurde immer größer und die Qualität meiner Arbeit litt darunter.“ Pro Jahr schickt Petrov deshalb „nur“ drei Kollektionen in den Verkauf.

Unlogischer Sale

Eine weitere Veränderung, die Designern ein Dorn im Auge ist: Weil so viele Kollektionen lanciert werden, kommen sie nicht nur zu unpassenden Zeitpunkten in die Stores. Auch der Ausverkauf entbehrt jeglicher Logik. Begann dieser einst für die Sommerkollektion im Juli, wird nun teils schon im Mai rabattiert. Petrov: „Die Ware wird vergünstigt verkauft, obwohl der Sommer noch nicht einmal wirklich gestartet hat. Das alles ergibt überhaupt keinen Sinn mehr.“

Der Kunde mag sich im ersten Moment darüber freuen, für die Designer als auch die Umwelt handelt es sich jedoch um einen Teufelskreis. Denn was muss passieren, wenn Ware abverkauft wird? Neue muss nachkommen.

Eine Verlangsamung des Modezyklus, die die Modebranche in ihrem offenen Brief fordert, erhofft sich auch Yasemin Demirci. „Früher bin ich für meine Bestellungen ein bis zweimal pro Jahr in die Modestädte geflogen. Irgendwann waren es aufgrund der vielen Kollektionen doppelt so viele Reisen“, sagt die Besitzerin der Wiener Boutiquen „Schneeweiss“ und „Rosenrot“. „Ich wusste teils nicht mehr, welche Saison ich gerade bestelle.“

Den Druck, den die Designer in puncto Wirtschaftlichkeit haben, bekommt auch sie zu spüren. „Ich kann nicht einfach sagen, dass ich zu einem Bestelltermin nicht komme. Dann könnte man mich in der nächsten Saison ablehnen.“ Für den Ausverkauf wünscht sich Demirci eine einheitliche Regelung: „Der Kunde wurde dazu erzogen, dass dieser immer früher beginnt. Mit einer Vorgabe des Staates, erst im Juli zu reduzieren, wäre viel erreicht.“

Weniger ist mehr

Dass der Kunde regelmäßig mit Neuem überrascht werden will, ist laut Petar Petrov nicht das Problem. „Mode hat viel mit Freude am Leben zu tun“, weiß der Designer. „Aber es gibt viel zu viel Ware, die sich immer mehr ähnelt. Alle sind übersättigt.“

Die Lösung liegt für ihn in wenigen Kollektionen, deren Stücke jedoch zu verschiedenen Zeitpunkten ausgeliefert werden. Dass die Menschen im Zuge der Coronakrise anfingen, über ihren Konsum nachzudenken sei ein Schritt in die richtige Richtung. „Ständig Kleidung zu kaufen, um sie nur dann nur einmal anzuziehen? Man kann an den Dingen auch länger Freude haben.“