© Maurice Haas/Diogenes Verlag

Interview
12/27/2020

Martin Suter und Benjamin Stuckrad-Barre: „Es war Liebe auf den ersten Blick“

Die Autoren Benjamin von Stuckrad-Barre und Martin Suter haben aus ihren Gesprächen ein Buch gemacht. Im Interview erzählen sie von Weltangst, Österreich-Liebe, und warum einer von ihnen in Wien aus dem Hotel Sacher flog.

von Alexander Kern

Zwei Schreiber beim Reden. Ihnen zuhören kann man jetzt beim Lesen: Im Buch „Alle sind so ernst geworden“ (Diogenes Verlag) unterhalten sich Benjamin von Stuckrad-Barre und Martin Suter in Dialogform über Gott und die Welt. Höchst amüsant geht es da um Hochzeiten wie um LSD, um den Teufel wie um Verliebtheit oder die Verwendung des gedanklichen Lückenfüllers „Äähm“. Zwei Autoren, zwei Freunde. Die unterschiedlicher nicht sein könnten: Stuckrad-Barre, Popliterat, TV-Moderator mit Drogenhistorie, nervöser Vielredner. Suter: Bestseller-Autor, Schweizer, Gentleman. Per Zoom-Meeting aus einem Luxushotel in Hamburg erzählen sie im Gespräch von ihrer Freundschaft, von Peinlichkeit, Vaterfiguren und Thomas Bernhard. Und wie man selbst Neid als Teil von Liebe begreifen kann.

freizeit: Herr Stuckrad-Barre, Herr Suter, bevor Sie Freunde wurden, haben Sie sich kennengelernt – gekleidet waren Sie dabei in Badehosen. Hätten Sie im Nachhinein betrachtet gerne etwas anderes getragen?

MARTIN SUTER: An einem anderen Ort hätten wir sicher etwas anderes getragen. Aber in diesem Hotel an der Ostsee: Da wäre es ein bisschen blöd gewesen, wären wir in Anzug und Krawatte aufgetreten. Wir wären noch mehr aufgefallen.

BENJAMIN VON STUCKRAD-BARRE: Es war kurz etwas peinlich, aber das hat sich als Glück erwiesen. Ich finde Peinlichkeit immer gut. Mir ist auch immer alles peinlich. Legt man das offen, ist es eine Chance – weil es jedem halbwegs intelligenten Menschen ja genauso geht. Das zu teilen und da gemeinsam durchzuschreiten, das verbindet natürlich sofort. In unseren Badehosen war nicht mehr viel Verstellung nötig, weil auch gar nicht möglich. Wir konnten einander also gleich die Wahrheit sagen. Die Wahrheiten! Denn wozu bloß eine? Das wäre ja uninteressant.

Peinlichkeit offenlegen und Schwächen ansprechen, um Druck aus einer unangenehmen Situation zu nehmen, wird einem ja geraten.

STUCKRAD-BARRE: Ich bin wahnsinnig verkrampft und verklemmt, was eine Zumutung ist, auch für mich selbst, und ich glaube an diesen Zugang. Es geht um Komik, gerade ansichtig der Tragödie – und Erlösung. Es ist ja alles eine große Komödie. Wenn man sich so umsieht: Lockdown und Klimakatastrophe, Trump und Covid – da fragt man sich, wo bitte geht’s zur Sterbehilfe. Da hilft das Denkmodell, dass man sich in einer Komödie befindet – sonst hält man’s nicht aus. 

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Teilen Sie diese Ansichten, Herr Suter?

SUTER: Ja. Das mit der Peinlichkeit ist mir nicht fremd, nicht nur, wenn man sich in der Badehose begegnet. Und das mit der Komödie: Ich mache das schon mein ganzes Leben so – ohne es zu wollen. Es ist eine Überlebenshilfe, die Dinge so zu betrachten.

Ihr Plaudern in Buchform, das natürlich viel mehr ist als bloße Plauderei, beschwört eine gewisse Leichtigkeit. Vermissen Sie heutzutage den leichten Ton?

SUTER: Nicht nur heute, sondern schon das ganze Leben. Man wirft mir ja auch literarisch manchmal vor, ich könne nicht lange ernst bleiben. Mir rutscht eben immer wieder ein Augenzwinkern heraus. Das ist ein Reflex, den ich gar nicht kontrollieren kann.

STUCKRAD-BARRE: Alle sind so ernst geworden: Wir haben hinterher erst gemerkt, was das Überthema dieser Gespräche war. Weltuntergang, natürlich. Wir beide können uns an gar keine Zeit ohne Apokalypse erinnern. Als ich erstmals die Welt mitbekam, starb gerade der Wald und es waren noch maximal anderthalb Jahre zu leben. Dann war Tschernobyl, dann die Flüsse vergiftet, die Ozonschicht durchlöchert, immerfort Neonazis, Krieg, Hunger, Flucht. Die Welt geht permanent zugrunde, und doch sind da immer auch Liebe, Freundschaften, Arbeit – und Kunst! Über anderes reden zu können als die „Tagesschau“ empfinde ich nicht als zynisch, sondern schlicht als menschlich. Auch als Strategie, überhaupt zurechtzukommen. Auch ich habe große Weltangst, wie jeder Mensch. Aber die Kunst muss das ja nicht noch dümmlich doppeln. Wir sind ja nicht CNN, wir sind Künstler. 

Nach dem Motto, die ernsten Angelegenheiten sind ohnehin omnipräsent?

STUCKRAD-BARRE: Diese anderen Themen erzählen viel mehr vom Drama, ein Mensch zu sein als ein Dummdichter, der in einer Talkshow die Pflegereform kritisiert. Die Kunst darf alles, muss aber gar nichts. Fängt sie an zu müssen, aufzufordern und zu wollen, dann ist sie am Arsch. Letzte Ausfahrt „Hart aber fair“ oder gleich Goethe-Institut, alle legen den Kopf schief und applaudieren, Gedichte über Wikileaks und Flüchtlinge und Greta – schlimmster Kitsch. Und vollkommen irrelevant. Allzu deutlich begreift man die Absicht und ist verstimmt. Wer das explodierende Europa verstehen will, liest am besten noch mal Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“. Davon abgesehen: Lachen ist sogar der noch bessere Zugang. So wie Thomas Bernhard. Über Wittgenstein, Schopenhauer, Kant hat der sich schlapp gelacht. Das finde ich vorbildlich.

Sie sind Österreich-Fan?

STUCKRAD-BARRE: Thomas Bernhard, David Schalko, „Willkommen Österreich“, Falco – lauter Giganten. Das ganze Verrottete ist auch großartig, der Bräunerhof, nach Ohlsdorf zu Hennetmair fahren. Die österreichische Sprache empfinde ich als das wirklich Sexieste, was es gibt. Das extrem Korrupte find ich auch toll. Und Wien ist eine sehr schöne Stadt – wie Hamburg in lustig. Es geht alles, aber auch gar nix. Und noch einen finde ich fantastisch: Josef Hader. Wenn wir in Deutschland von den besten Komikern das Beste nehmen und in einer Figur verdichtet denken, reicht es doch nicht heran an Hader. Und warum ist der so gut? Weil Österreich so schrecklich ist! Was ja wiederum das Gute ist.

Geht Ihnen auch das Herz auf, wenn Sie an Österreich denken, Herr Suter?

SUTER: Es wurde in Österreich einmal nach mir gefahndet. Das kam so: Ich habe 1972 in Wien gelebt und in einer Werbeagentur gearbeitet. Und mein Auto einem Freund geliehen, der dann für Schnellfahren eine Strafe verhängt bekam. Das Problem dabei: Mein Wagen war nicht verzollt und mir blühte eine Zollgebühr von 8.000 Franken – das Doppelte, das ich für den Rover bezahlt habe. Das empfand ich als ungerecht und habe den Zoll nicht bezahlt. Bis sie mir sagten, ich sei wegen dieses Zollvergehens zur Fahndung ausgeschrieben – und wenn ich das nächste Mal nach Österreich komme, würde ich verhaftet. Ich war dann lange nicht mehr in Wien. Inzwischen ist es längst verjährt.

Sie sind ein ungleiches Paar: Hier der hyperaktive Redner, da der ruhige Gentleman. Wann waren Sie das letzte Mal genervt voneinander?

STUCKRAD-BARRE: Unsere Begegnungen sind für den anderen wie ein Rettungsboot. Krisen können wir uns in unserer Freundschaft nicht leisten. Dafür haben wir andere Menschen. Unser Vorbild sind die Pet Shop Boys: „You’ve got the brains, I got the looks, let’s make lots of money.“ Unsere jeweiligen Rollen wechseln dabei. Heute sieht Martin toll aus, dann muss ich schlau sein. Kommt vielleicht noch.

Herr Suter, Sie sagen im Buch „Für den Schweizer ist Reden Arbeit“. Mit diesem Band haben Sie sich Ihr Geld hart verdient.

SUTER: Es ist als Schweizer vor allem dann Arbeit, wenn es Hochdeutsch sein muss. Aber sonst war es ein Vergnügen. Dass es Arbeit ist, haben wir eigentlich nur unseren Familien gesagt.

STUCKRAD-BARRE: Ich rede auch deshalb so viel, damit Martin was SAGT. Das ist der Trick. Und so erzählt Martin im Buch viel mehr von sich, als ich von mir. Eben weil ich ihn in die Besinnungslosigkeit plaudere. Schon als wir uns noch nicht kannten, habe ich ihn als Kumpel wahrgenommen, als einen Soulbrother. Martin probiert viele Textformen aus, vom Drehbuch bis zum Roman. Wir schätzen beide den Literaturbetrieb nicht besonders – was auch damit zu tun hat, dass die uns nicht so mögen. Wie bei mir greifen auch bei ihm Leben und Arbeit ineinander. Und wir unterhalten beide gern unser Publikum. All das hat uns offen aufeinander zugehen lassen. Und ist zu einer Freundschaft geworden.

War es sozusagen Liebe auf den ersten Blick?

SUTER: Aus der Distanz kannten wir uns schon. Wenn man diese Blicke aus der Distanz nicht mitzählt, dann war es das, oder?

STUCKRAD-BARRE: Eigentlich sogar, wenn man die dazuzählt. Ich habe Martin immer beneidet. Weil er schweizeruhrwerksverlässlich Jahr für Jahr diese tollen Bücher schreibt, die sich auch noch irre gut verkaufen. Doch auch Neid lässt sich ja als Liebe begreifen.

SUTER: Auch Eifersucht gehört zur Liebe.

STUCKRAD-BARRE: Erst war die Eifersucht. Dann sind wir uns praktisch nackt begegnet. Und haben uns dann allmählich richtig kennengelernt. Liebe eben. Nur rückwärts. 

Dabei können Autoren den Neid aufeinander oft nur schwer beiseite schieben.

STUCKRAD-BARRE: Das machen nur Künstlerdarsteller. An dieser Buchmessenfolklore teilzunehmen, das lehnen Suter und ich aus ästhetischen Gründen ab. Wir finden das sehr süß, aber ich finde auch Preisboxen lustig. Solange ich da nicht mitmachen muss. Ich neide ihm die guten Verkaufszahlen auch nicht. Ich merke daran ja nur meine eigene Schwäche. Und meinen Wunsch. Suter kann doch dafür nichts!

SUTER: Ist auch ein bisschen übertrieben, ehrlich gesagt. Die richtig neidischen Künstler sind übrigens die bildenden Künstler, nicht die Schriftsteller. Von denen sagt kaum einer, dass einem das Bild eines anderen gefällt. Die höre ich eigentlich immer nur schimpfen über die Arbeit von anderen.

Herr Stuckrad-Barre, haben Sie sich in Martin Suter nach Udo Lindenberg und Helmut Dietl eigentlich eine Art neuer Vaterfigur gesucht?

STUCKRAD-BARRE: Das hier zu erörtern fände ich für andere jetzt emotional zu aufdringlich. Ich kann nur sagen, ich habe das weder wissentlich gesucht noch angeboten. Das Werk der beiden hat mir schon früh sehr viel bedeutet – und es bedeutet mir immer mehr. Ihnen dann zu begegnen, mich mit ihnen zu verstehen und mit ihnen Zeit zu verbringen und arbeiten zu dürfen – dafür würde ich auch Geld bezahlen, wenn ich denn eines hätte.

Sie genießen dabei das Glück, Ihren Helden nahe zu sein.

STUCKRAD-BARRE: Mit Udo war ich schon befreundet, da war ich acht Jahre alt. Getroffen habe ich ihn erstmals mit 19. So gesehen bin ich auch mit Woody Allen super befreundet, mit Noel Gallagher oder Tina Fey. Was fühle ich mich denen verbunden! Und mit Helmut Dietl, der tot ist seit fünf Jahren, rede ich heute noch jeden Tag. Ich habe mir in Ermangelung von Religion und einem netten Vater ein Privat-Firmament aus Kunst und Künstlern aufgebaut. Das finde ich haltbarer und interessanter.

Zuletzt die unvermeidbare Frage über Ihrer beider Vorliebe für Anzüge. Tragen Sie die eigentlich auch zum Schreiben?

STUCKRAD-BARRE: Ja. Wenn man im Pyjama morgens beim Schreibtisch sitzt, liest sich das auch so.

SUTER: Ja. Ich bin immer formell gekleidet – außer bei meiner Zeit in Wien. Da hatte ich lange Haare, ein Zöpfchen und einen Ohrring. Als ich einen Freund im Sacher besuchen wollte, forderte der livrierte Türsteher mich auf: Mein Herr, bitte verlassen Sie in diesem Aufzug augenblicklich das Hotel Sacher. Ich war entsetzt. Mozart hat auch Zöpfchen getragen, habe ich geantwortet. Würden Sie den auch nicht hereinlassen? Seither war ich nicht mehr dort.

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