freizeit
12.03.2015

Leben ohne Picasso

Sie ist die einzige Frau, die es jemals gewagt hat, Pablo Picasso zu verlassen: Françoise Gilot. Er wollte sie deshalb vernichten, doch sie ging unbeeindruckt ihren Weg. Heute, mit 94, malt sie noch immer jeden Tag, denn: „Man muss leben, so lange man am Leben ist“.

Leben mit Picasso“ heißt das Buch, das die Malerin Françoise Gilot vor vierzig Jahren über ihre Zeit mit dem berühmtesten aller Maler geschrieben hat. Es wurde ein internationaler Bestseller, trotz der Versuche Picassos, die Veröffentlichung mit rechtlichen Mitteln zu verhindern und Gilot in der Kunstwelt zu isolieren. Jenes Buch, das der Publizist Malte Herwig nun über Françoise Gilot veröffentlicht, könnte den Titel „Leben ohne Picasso“ tragen. Es beschreibt, wie eine heute 94-Jährige entgegen den zornigen Versuchen ihres beleidigten Ex-Mannes, sie zu stigmatisieren, ihr Leben gelebt und Karriere als Malerin gemacht hat. Wie ihr entgegen seiner Prognose ein Leben ohne ihn gelungen ist.
Der tatsächliche Titel des Buches ist nicht weniger kämpferisch und zeugt davon, dass der damals 62-jährige Picasso in seinem Inneren wohl gewusst haben musste, auf wen er sich einließ, als er die 22-jährige Malerin kennenlernte: „Die Frau, die nein sagt“, nannte er sie. Es ist nicht das erste Buch, das die Frau eines berühmten Malers beschreibt. Und doch ist es einzigartig. Denn erstens hat sich die Französin Françoise Gilot immer geweigert, die Frau „hinter“ jemandem zu sein. Sie ist keine Frau, wie es etwa die Malerin Lee Krasner war, die ihre Kunst zu Gunsten ihres Mannes Jackson Pollock zurückstellte, seine unkontrollierten Wutausbrüche bis zu seinem Tod ertrug und dabei auf sich selbst vergaß.
Françoise Gilot, 1921 in Neuilly-sur-Seine als Tochter aus begütertem Hause geboren, lebt und arbeitet als Malerin abwechselnd in New York und Paris. In mehr als sieben Jahrzehnten hat sie ein Oeuvre von 5.000 Zeichnungen und 16.000 Gemälden geschaffen, die unter anderem Teil der Sammlungen des New Yorker Metropolitan Museum und des Museum of Modern Art sind. Deutlich sind darin Vorbilder wie Georges Braque und Henri Matisse zu erkennen, die Spuren Picassos haben sich schnell verloren. Françoise Gilot ist die einzige Frau, die den tyrannischen Herzensbrecher und notorischen Frauenhelden Pablo Picasso verlassen hat. Zehn Jahre versuchte er, sie klein zu halten wie alle anderen. Gilot hielt ihm stand. Andere wurden zu gedemütigten Liebhaberinnen, nahmen sich das Leben oder wurden wahnsinnig. Gilot packte ihre Sachen und ging fort aus seinem Leben. Die „Période Françoise“, wie er seine von Gilot beeinflusste künstlerische Zeit selbst nannte, war vorüber.

Als Buchautor Malte Herwig vor wenigen Jahren Françoise Gilot erstmals in New York besuchte, suchte er die Wände ihres Ateliers am Central Park vergeblich nach dem Porträt der Femme-Fleur ab, das Picasso 1946 von ihr gemalt hatte. Françoise lachte. Sie habe das Bild vor vielen Jahren verkauft und damit das Atelier finanziert. Wo es jetzt war? „Keine Ahnung.“ Sollte ihr Lachen in diesem Augenblick eine Spur weniger unbekümmert gewesen sein als sonst, so wusste sie das gut zu verbergen. Sie trug an diesem Tag wie so oft ein rotes Kleid und ihren akkuraten Pagenkopf über den berühmten Zirkumflex-Brauen, von denen schon Matisse so schwärmte. Gleich beim ersten Treffen in Paris hatte sie Herwig beeindruckt. Obwohl eine der produktivsten und vielseitigsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts, war sie nicht leicht aufzuspüren gewesen. Schmal und zart wie ein Vogel, aber kraftvoll und selbstmitleidlos trat sie ihm gegenüber. Das Leben hänge ihr jetzt schon zum Halse heraus. Da sie aber nun einmal hier sei, könne sie genauso gut malen. „Man muss leben, so lange man am Leben ist.“ Energische Life-Lessons, vorgetragen von einer kleinen Frau mit gealterten, aber unverändert schönen Gesichtszügen. Sie sei eine „Philosophin des Glücks, die der schwärzesten Tragikomödie des Lebens noch ein Lachen abgewinnen konnte“, schreibt Herwig beeindruckt. Die Malerei sei der Schlüssel zum langen Leben. „Weißt du, warum Tizian und Tintoretto so alt wurden, obwohl damals die Pest um sie herum wütete? Weil sie zu beschäftigt mit dem Malen waren!“ Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, wusste schließlich schon Hippokrates. So ähnlich hat das übrigens auch Picasso formuliert. Als er der jungen Françoise erlaubte, ihm beim Malen zuzusehen, fragte sie ihn, ob er denn nie ermüde, wenn er stundenlang ununterbrochen vor der Leinwand stünde. „Nein“, sagte er, „deshalb leben Maler ja auch so lange. Während ich male, lasse ich meinen Körper draußen vor der Tür wie die Moslems ihre Schuhe vor der Moschee.“

Die Malerin und ihr Atelier am Central Park in Manhattan. Mit Verve verteidigt die heute 94-Jährige ihr Credo: Dramatisches müsse man riskieren, dürfe kein Mittelmaß walten lassen. Zu bereuen habe sie nichts. Sie hatte gewusst, worauf sie sich mit Picasso eingelassen hatte: Auf einen Blaubart, dessen frühere Frauen, so unterschiedlich sie waren, alle gestürzt waren.


Zehn Jahre teilte Gilot ihr Leben mit Picasso. Duldete seine Extravaganzen, seine Seitensprünge, seine Wutanfälle. Als sie nach ihrer Trennung versuchte, die Malerei wieder aufzunehmen, musste sie feststellen, dass Picasso allen Pariser Galerien untersagt hatte, ihre Werke auszustellen; anderenfalls, drohte er, würden diese nie wieder ein Bild von ihm bekommen. Er hatte sie entdeckt, betrachtete sie als sein Geschöpf. Dass sie ihn nun verlassen hatte, war nichts weniger als eine Beleidigung des Schicksals. Picasso, Genie und Egomane. Wie ein Minotaurus habe er die Frauen in seinem Labyrinth gefangen gehalten, schreibt Herwig. Gilot gelang es, ihm zu entkommen. Nicht zuletzt dank der finanziellen Unabhängigkeit durch ihr Elternhaus, in das sie, die Kinder Paloma und Claude im Gepäck, nach zehn Jahren mit dem „verrückten Maler“ zurückkehren konnte. „Keine Frau verlässt einen Mann wie mich“, soll er gesagt haben. Sie entgegnete, dann sei sie eben die erste. Das berühmte Foto von Robert Capa, heute eine Ikone der Fotografie, beschreibt Herwig als stellvertretend für die Beziehung, die so wenig Maler und Muse, wie Picasso es gerne gehabt hätte, war. Gilot war eben keine bis zur Selbstaufgabe Duldende.

1948, Ein Sommertag im Badeort Golfe-Juan an der Côte d’Azur. Da ist diese ungewöhnlich schöne, selbstsichere junge Frau mit langem Kleid, Strohhut und Kette. Sie lächelt mit offenem Mund, hinter ihr geht der berühmteste Maler aller Zeiten, hält einen Sonnenschirm über sie und grinst selbstsicher, dahinter lächelt sein Neffe Javier Vilate in die Kamera. Der Fotograf Robert Capa wollte ein wenig Familienleben am Strand einfangen und Picasso, wie immer ganz eins mit sich und seinem Tun, schnappte sich den Schirm, um in gewohnter Manier sicherzustellen, dass er bestimme, wo Licht und Schatten sei. Doch die junge Frau vor ihm braucht keinen Beschützer. Sie trägt den Kopf hoch erhoben, marschiert selbstsicheren Schrittes voran. An ihr hat er sich die Zähne ausgebissen

Man mag es als Zitat banal finden, zumindest etwas zu oft gehört: Édith Piafs „Non, je ne regrette rien“, das Herwig seinem Buch über die Gilot als Motto vorangestellt hat. „Nein, ich bereue nichts“. Hier passt es dennoch. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass ihr Leben mit Picasso eine Katastrophe sein würde. Ob sie es jemals bereut habe? „Reue ist pure Zeitverschwendung. Außerdem ist es viel interessanter, mit einem besonderen Menschen etwas Tragisches zu erleben, als ein wunderbares Leben mit einer mittelmäßigen Person zu führen.“

„Die Frau, die Nein sagt. Rebellin, Muse, Malerin – Françoise Gilot über ihr Leben mit und ohne Picasso.“ Von Malte Herwig, Ankerherz, 216 Seiten, 30,70 €